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Arbeitslose Fußballprofis : Turm der Sehnsucht

  • -Aktualisiert am

Trikots ohne Sponsor: Trainingscamp der Spielergewerkschaft Vereinigung der Vertragsfußballspieler Bild: Edgar Schoepal

Immer mehr Fußballspieler kommen in den Genuss einer Profikarriere. Doch die Karrieredauer wird immer kürzer. Wer arbeitslos ist, versucht sich im Sommercamp der Spielergewerkschaft wieder ins Gespräch zu bringen.

          Um wieder einmal Zweitligaluft zu schnuppern, reichte Nico Frommer ein kurzer Anruf. Sascha Rösler, langjähriger Weggefährte aus gemeinsamen Zeiten beim SSV Ulm, besorgte ihm eine Karte für das Heimspiel Fortuna Düsseldorfs gegen den VfL Bochum (2:0). Zweite Liga, erster Spieltag, ein Flutlichtspiel. Frommer verbrachte die 90 Minuten auf der Haupttribüne, Rösler schoss die Fortuna in Führung, per Fallrückzieher, vor mehr als 33.000 Zuschauern. „Als ich danach abends wieder allein im Turm saß, habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht, was bei mir eigentlich falsch gelaufen ist“, sagt Frommer. Der „Turm“, ein 15-stöckiger Wohnkomplex auf dem Gelände der Sportschule Wedau in Duisburg, ist seine Heimat für die nächsten zwei Wochen, oder drei. Im schlimmsten Fall bis zum 23. September, dem letzten Tag des VDV-Camps für vereinslose Spieler.

          Seit 2003 gibt es das Angebot der Spielergewerkschaft, in diesem Jahr war der Andrang so groß wie nie: Mehr als 60 Anfragen trudelten allein bis Juli ein, für 26 Spieler konnte ein Platz in der Sportschule gefunden werden. Hauptkriterium bei der Auswahl der Teilnehmer ist neben dem Leistungsniveau die Dauer ihrer VDV-Mitgliedschaft. Der Etat des Camps liegt bei 100.000 Euro. „Leider kann man nicht allen gerecht werden. Wir könnten locker zwei Trainingslager gleichzeitig veranstalten. Das wäre ein Fernziel“, sagt Ulf Baranowsky. Der VDV-Geschäftsführer geht davon aus, dass nach jeder Saison rund zehn Prozent der Profis ohne Job sind - Tendenz steigend. Zum einen nehme der Sparkurs der Klubs immer mehr zu, zum anderen drängen viele exzellent ausgebildete Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligavereine in den Profibereich. „Der Ansturm auf die wenigen freien Plätze wird immer größer - zu Ungunsten der Spieler, die Probleme haben“, sagt Baranowsky. Nico Frommer, Moses Sichone, Christian Demirtas, alle gestandene Bundesliga-Spieler, alle ohne Job, alle seit dem 11. Juli in Duisburg. „Früher war der Profibereich ein geschlossenes System. Wer einmal drin war, der ist auch drin geblieben“, sagt Baranowsky. Das habe sich grundlegend geändert: Für die Zukunft erwartet der 36-Jährige, dass proportional mehr Spieler in den Genuss einer Profikarriere kommen, deren durchschnittliche Dauer aber kürzer wird - das Angebot regelt die Nachfrage, die zumindest für Spieler im fortgeschrittenen Alter bescheidener denn je ist.

          „Ein Verein holt doch lieber zwei 18-Jährige als einen 30-Jährigen. Wenn er Glück hat, schlägt einer von beiden ein, und der Klub hat alles richtig gemacht“, sagt Nico Frommer. 2002/03 spielte er die Saison seines Lebens, schoss 18 Tore für den SSV Reutlingen in der Zweiten Liga, im Jahr darauf holte ihn Eintracht Frankfurt in die Bundesliga. Frommer spielte für das Team 2006, den damaligen Unterbau der Nationalmannschaft. Nun sitzt er in Zimmer 1204, zwölfter Stock, ziemlich weit oben im „Turm“. Neben dem Bett ein Kriminalroman und das „DFB-Journal“, auf dem Schreibtisch Bananen, Schmerztabletten und eine Hautcreme. Den Blick auf den Duisburger Süden verwehren giftgrüne Gardinen. „Ich hätte nicht so früh runter gehen dürfen“, sagt er. In der vergangenen Saison spielte der 33 Jahre alte Profi für RB Leipzig in der Regionalliga Nord gegen Meuselwitz und Plauen, im Sommer wurde sein Vertrag nicht verlängert. Nach dem verpassten Aufstieg standen die Zeichen auf Neuanfang beim ambitionierten Viertligaklub. Ohne ihn. „Red Bull ist ein Weltunternehmen. Wenn es da mal nicht nach Plan läuft, wischen die einfach die halbe Truppe weg“, sagt Frommer, der im Winter noch zum Leipziger Spieler der Vorrunde gewählt worden war.

          Jetzt soll ihm Christian Wück weiterhelfen. 2008 hat er RW Ahlen in die Zweite Liga geführt, später saß er bei Holstein Kiel auf der Bank. Seit dem 11. Juli trainiert er den „FC Arbeitslos“, wie das Camp schon mal spöttisch von Medien bezeichnet wurde. „Ich bin nun auch schon einige Zeit vom Markt und daher froh, mich wieder ausleben zu können“, sagt Wück. Zumal ihn die Arbeit mit insgesamt 22 Feldspielern und vier Torhütern vor echte Herausforderungen in psychologischer Hinsicht stellt: „Ehrlich gesagt ist das hier ein Ort, an den keiner will. Jeder ist froh, wenn er wieder weg ist.“

          Etwas andere Gesetze für Torhüter

          Damit das gelingt, müssen die Spieler topfit sein, um sofort in die Vorbereitung eines Vereins einsteigen zu können. Zumindest ein wenig dosiert Wück die Belastung. Körperliche Tiefs machen sich nicht gut vor den Augen von Scouts, Spielerberatern und Vereinsvertretern. Eben erst war Jörg Albracht vom Wuppertaler SV beim Training und hat auch einen Blick auf Thorsten Stuckmann geworfen. Der frühere Torhüter von Alemannia Aachen war in der vergangenen Woche im Probetraining beim Premier-League-Aufsteiger Swansea, im letzten Moment sagten die Briten ab. Zum Leidwesen des 30 Jahre alten Profis, für den als Torhüter immerhin noch etwas andere Gesetze gelten als für Feldspieler. Gedanken an eine Zukunft außerhalb des Sports macht er sich daher noch nicht, schließlich sei er „im besten Torwartalter“.

          Genau wie Stefan Wessels: Der ehemalige Bayern-Torhüter hielt sich 2010 im Camp fit, nach langem Warten flatterte ihm ein Angebot von Odense BK ins Haus. Wessels wechselte nach Dänemark, wurde Stammtorwart und Meisterschaftszweiter. Ende Juli spielt er in der Champions-League-Qualifikation gegen Panathinaikos Athen. Ein Beispiel, das Stuckmann Mut macht: „Fußballprofi zu sein ist der schönste Job der Welt. Man sollte einfach alles dafür geben, ihn weiter ausüben zu dürfen.“

          Quelle: F.A.Z.

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