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Analyse Bio boomt

16.02.2001 ·  Noch nie stand die Bio-Branche so im Rampenlicht wie derzeit. Die Produzenten und Vertreiber von Naturwaren scheinen für den prophezeiten Boom gerüstet.

Von Thomas Klein
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Bio boomt. Bester Beleg ist das riesige Medieninteresse an der Fachmesse für Naturkost und Naturwaren. Kamerateams, Radiojournalisten und Vertreter vieler deutscher Printmedien umzingelten bei der Eröffnung der Bio Fach 2001 in Nürnberg Stargast Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (Bündnis 90/Die Grünen).

Seit 1990 gibt es die Fachmesse. Inzwischen hat sie sich mit über 1.500 Ausstellern, 60 Prozent davon aus dem Ausland, zur weltweit größten Messe für Bioprodukte entwickelt. Aber gerade mal 18.000 Besucher fanden im vergangenen Jahr den Weg in die Nürnberger Messehallen. Berichtet wurde in erster Linie in den Fachpublikationen der Szene. In diesem Jahr ist alles anders. Die BSE-Krise hat der Öko-Szene einen gigantischen Aufschwung verschafft. Öko-Landwirtschaft gilt als Zukunftsmodell für die Agrarbranche, Verbraucher sehen in den Bioprodukten die letzte Chance auf gesunde Ernährung, die Naturkost- und Reformläden verzeichnen steigende Umsätze und expandieren.

Wachstum auch ohne BSE-Krise

Das die Bio-Szene sich schon vor dem BSE-Skandal zu einem florierenden Wirtschaftszweig entwickelt hat, zeigt der Rundgang über die Nürnberger Messe. Das Müsli-Image ist längst ad acta gelegt. Kostüm, Anzug und Krawatte dominieren, an der Spitze der Firmen stehen Manager mit klarem Blick für Bilanzen und Marktposition. Seit Jahren wächst die Branche. Zwischen 1999 und 2000 allein um 20 Prozent. Allerdings verlief die Entwicklung auf niedrigem Niveau. Etwa drei Prozent Marktanteil besitzen Bioprodukte am deutschen Lebensmittelmarkt. Gerade mal 2,5 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen im Land werden ökologisch betrieben. Das soll sich jetzt ändern.

Ministerin Künast will 20 Prozent ökologische Landwirtschaft in Deutschland. Sie will so schnell wie möglich ein bundesweit einheitliches Öko-Prüfsiegel. Und sie will Ökoprodukte, die für jeden bezahlbar sind. Der Politikerin schwebt ein lustvolles Image für Bioprodukte vor: Die höchste Form des Genusses sollen sie sein. Das haben die Produzenten längst erkannt. Bioprodukte sind im Premium-Markt angekommen. Spezialisierte Firmen bieten Feinkostartikel wie Pesto, Wildlachs und Parmaschinken mit Ökosiegel an. Dieser ökologisch einwandfreie Genuss kostet aber zum Teil deutlich mehr als konventionelle erzeugte Produkte aus dem Supermarkt. Das ist bei Feinkosterzeugnissen wegen der speziellen Zielgruppe weniger relevant. Bei den Grundnahrungsmitteln allerdings werden die höheren Preise für Bioprodukte zum Problem.

Qualität hat seinen Preis

Die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle für Erzeugnisse der Land- und Ernährungswirtschaft vergleicht in einer aktuellen Studie ökologisch und konventionell erzeugte Lebensmittel. Fleisch- und Wurstwaren mit Ökosiegel kosten demnach zwischen 30 und 60 Prozent mehr. Für Öko-Eier müssen die Kunden 40 Prozent, bei Gemüse teilweise bis 90 Prozent mehr hinlegen. Steigende Nachfrage wird hier die Preise drücken. Trotzdem wird der Slogan „Qualität hat seinen Preis“ die Verbraucher überzeugen müssen. Denn die durch BSE verunsicherten Kunden sind durchaus bereit, mehr Geld für sichere Lebensmittel auszugeben. Wenn sie die Produkte an einem zentralen Ort mit umfassendem Sortiment kaufen können.

„Die Öko-Waren müssen rein in die Supermärkte“, appelliert Ministerin Künast. Aber gerade die großen Ketten des Lebensmitteleinzelhandels haben bislang einen großen Bogen um die Bio Fach gemacht. Auch das ist in diesem Jahr anders. Fast alle haben ihre Einkäufer nach Nürnberg geschickt. Am Stand der Gemeinschaft der Naturland Bauern informierten sich Manager der Kaufhof AG über das Komplettsortiment an Fleisch- und Wurstwaren. „Das gab es noch nie“, sagt Tomas Sonntag, der bei der Marktgesellschaft für Tierische Produkte mitverantwortlich ist.

Unterschiedliche Ziele

Während Naturland sich einen Deal mit einer der großen Ketten vorstellen kann, winken die Manager von Demeter ab. Die Erzeugergemeinschaft setzen mit ihren Produkten auf Vertrauen, Genuss und auf „Lebensmittel mit Charakter“. „Wir vertreiben aber nur über den Fachhandel, also über Reformhäuser und Naturkost“, stellt Marketingleiter Heiner Horras fest. Ähnlich sieht das Stephan Brandmeier vom bayerischen Naturfeinkostanbieter Bioverde. „Wir beliefern seit 15 Jahren die Fachgeschäfte. Da stimmt die Beratung, das Personal ist geschult und steht hinter den Produkten. Das wird in konventionellen Supermärkten nicht funktionieren.“

Die Firmen setzt also eher auf die spezialisierten Bio-Supermärkte, die seit einigen Jahren in Deutschland entstehen. Im Jahr 2000 sind 30 dieser Naturkostfachmärkte bundesweit entstanden. Experten schätzen, dass schon in einigen Jahren die Hälfte des Umsatzes der Biobranche in diesen Märkten umgesetzt werden kann.

In die Bio-Szene ist Bewegung gekommen. Neue Gesichter und Richtungsstreits mischen die Öko-Produzenten auf. „Alles furchtbar spannend. Es wird sich zeigen, ob wir wirklich einen Öko-Boom oder nur eine kleine Wachstumswelle erleben“, findet Maren Leupert, Sprecherin der ostdeutschen Landbauvereinigung Gäa.

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