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Analyse Ausnahmetalente am Scheideweg

01.08.2002 ·  „They never come back“ - die Sport-Weisheit muss nicht immer stimmen. Das Comeback von Franziska van Almsick könnte auch Jan Ullrich Mut machen.

Von Cai Philippsen, Berlin
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In seinem selbstgewählten, amerikanischen Exil erreicht Jan Ullrich derzeit eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Erst entzog ihm das Team Telekom die Fürsorge und sperrte das Gehalt, nun wirft ihn Adidas aus dem Vertrag bis 2006.

Die Sponsoren verlieren den Glauben an das gefallene deutsche Sportidol. Aber sie nutzen auch die Krise des einst umworbenen Heroen, um in der Wirtschaftskrise schlicht Werbegelder zu sparen. Die Zuwendungen der verschiedenen Vertragspartner sollen sich bei Jan Ullrich pro Jahr auf vier Millionen Euro summiert haben. Es gibt also einiges zu sparen, da kommen moralische Gründe gerade recht, wenn sich Image-Kampagnen nicht mehr rentieren.

„They never come back“

Doch die Marketing-Strategen sollten einen Blick nach Berlin werfen, bevor sie Ullrich vorzeitig abschreiben. In der Hauptstadt nämlich feiert Franziska van Almsick ein Comeback, dass ihr kaum noch jemand zugetraut hatte. „They never come back“, die Sportweisheit aus der Welt der Boxer gilt ganz augenscheinlich nicht für jeden. Es gibt immer wieder Ausnahmetalente, die am Boden liegen, von den Medien beerdigt werden und dann nach überstandener Sperre, Krankheit oder Persönlichkeitskrise alle wieder überraschen.

Das letzte Mal war Franziska van Almsick bei den Olympischen Spielen 1996, also vor sechs Jahren, richtig gut. Ihren letzten Einzeltitel gewann sie 1995 bei der EM in Wien, also vor sieben Jahren. Ihr Weltrekord datiert aus dem Jahr 1994, er ist acht Jahre alt.

Unzählige Comebackversuche

Nach der übertriebenen Enttäuschung um das verpasste Olympiagold von Atlanta kamen der Motorradunfall, der schwierige Wandel vom Teenager zur Frau, das Übergewicht, die privaten Probleme, die Nervenschwäche, der Bandscheibenvorfall und die Selbstzweifel. Unzählige Comebackversuche scheiterten kläglich. Sydney war der Tiefpunkt, das Karriereende schien nur noch eine Frage der Zeit. 2001 musste sie wegen des Bandscheibenvorfalls pausieren.

In Berlin ist die 24-Jährige im Sommer 2002 wie ausgewechselt. Schlank, schnell, selbstbewusst. Ein Jahr hartes Training in der Männer-Trainingsgruppe von Norbert Warnatzsch und nach ihrer eigenen Aussage das private Glück mit dem Handballer Stephan Kretzschmar haben der überaus begabten Werbemillionärin einen neuen Schub gegeben. Sie ist so schnell unterwegs, wie seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr.

Außergewöhnliche Athleten

Doch Franziska van Almsick ist nicht das einzige Beispiel für gestrauchelte Ausnahmesportler, die wieder an die Spitze kommen. Lance Armstrong, der über 500 Tage gegen den Krebs in seinem Körper kämpfte, kam stärker denn je zurück. Niemand hatte nach der schrecklichen Diagnose noch auf die Rückkehr des nunmehr vierfachen Tour-de-France-Sieger gesetzt.

Das Laufbahnende von Fußball-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus wurde nach jeder seiner schweren Verletzungen in den Boulevardmedien verkündet, nur damit er nach ein paar Monaten verbissenen Kampfes in der Rehabilitation alle eines Besseren belehrte.

Auch Dieter Baumann schickten viele nach Verkündung seiner zweijährigen Doping-Sperre verfrüht auf das Sport-Altenteil. Bei der EM nächste Woche in München könnte der Olympiasieger von 1992 Europameister werden.

Zurück aus dem Nirvana

Jennifer Capriati war ähnlich wie Franziska van Almsick als Teenager ganz oben. Dann kamen Geschichten von Ladendiebstahl und Cannabis auf. Bis in das Jahr 2000 brauchte die Olympiasiegerin von 1992, um wieder in die Erfolgsspur auf dem Tennisplatz zu finden. Andre Agassi stürzte schon mehrfach in das Nirwana der Weltrangliste und kämpfte sich jedes Mal wieder zurück. Goran Ivanisevic konnte wegen seiner Schulterbeschwerden kaum spielen, kam 2001 nur mit einer Wildcard in das bedeutenste Tennis-Turnier in Wimbledon und war 14 Tage später der umjubelte Sieger auf dem Rasen.

Nicolas Kiefer ist ein so talentierter wie wankelmütiger Spieler, der schon viele Erfolge feierte. Und dennoch schied er wochenlang bei jedem noch so unbedeutenden Tennis-Turnier in Runde eins aus. Auch er wird eines Tages wieder die Arme hochreißen können.

Krisen bewältigen

Es gibt also genug Vorbilder für Jan Ullrich, auch wenn jeder dieser Geschichten ein Einzelschicksal beschreiben. Es mag banal klingen, dass in jeder Krise auch eine Chance steckt.

Doch vielleicht kann das auch Jan Ullrich nutzen. Dann kehrt der 27 Jahre alte Radstar vielleicht mit einem neu geordneten Leben und besseren Abwehrkräften gegen die vielen verführerischen Verlockungen oder medialen Kreuzfeuern im Leben eines Sportstars zurück. Franziska van Almsick hat es ihm vorgemacht.

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