02.07.2001 · Allergien nehmen immer mehr zu - warum, ist bisher nicht klar. „Die Pollen, die Nahrungsmittel und die Milben waren schon immer da“, sagt der Allergologe Ring.
Von Eva Mayer-WolkFast jeder Sechste ist inzwischen betroffen, und ihre Zahl steigt ständig: Allergiker sind Menschen, deren Immunsystem auf irgendeinen Stoff in ihrer Umwelt reagiert - mit Juckreiz, Ausschlag, Entzündungen der Schleimhäute, Schwellungen, Atemnot oder Kopfschmerzen.
Allergien nehmen immer mehr zu - warum, ist bisher nicht klar. „Die Pollen waren früher auch schon da, die Nahrungsmittel waren da und die Milben waren da“, sagt Johannes Ring, Präsident der DGAI, der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. „Aber die Lebensbedingungen und das Immunsystem des Menschen haben sich geändert. Es ist sicherlich das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, von denen wir nur einige kennen unter dem Schlagwort westlicher Lebensstil. Aber keiner kennt den entscheidenden Faktor X oder Y.“
Immunsystem lehnt oft fremde Nahrung ab
Zum westlichen Lebensstil hat auch die Globalisierung beigetragen: wir können heute exotische Früchte und Nüsse auf den Märkten kaufen und in Restaurants orientalische Menüs essen, die es früher nicht gab. Oft lehnt das Immunsystem das Fremde ab; man bekommt zum Beispiel eine Nahrungsmittel-Allergie.
Der Heuschnupfen, eine Entzündung der Nasenschleimhaut, hat besonders stark zugenommen. Und inzwischen erkennt die Schulmedizin an, dass der allergische Schnupfen nicht „nur“ aus Niesen und einer verstopften Nase besteht, sondern eine deutliche Einschränkung sowohl der Arbeitsleistung als auch der Lebensqualität der Patienten bedeutet.
Neurodermitis ist mehr als eine Allergie
Die neuen Medikamente gegen diese Entzündung machen nicht mehr müde und verursachen auch keine Herzrhythmusstörungen mehr. Warum aber werden sie bisher nicht öfter verordnet? Weil sie teuer sind: erst mit Abschaffung des festen Budgets werden mehr Patienten von diesem medizinischen Fortschritt profitieren.
Auch die Neurodermitis sei viel mehr als eine Allergie, sagt Dietrich Abeck, Professor für Dermatologie und Allergologie an der TU München: „Die Ursachen sind individuell extrem verschieden. Ganz wichtig dabei: die Psyche - und dafür wird es auch künftig keine Medikamente geben.
Die Psyche muss berücksichtigt werden
Hier muss man den Patienten mit den entsprechenden Fachkollegen zusammenbringen; die Behandlung muss zum Beispiel autogenes Training und Entspannungsverfahren beinhalten. Neurodermitis allein mit Licht oder mit Salben zu behandlen, ist unsinnig.“
Die Psyche bei der Behandlung zu berücksichtigen, bedeutet ganz neue Therapieansätze auszuprobieren. Beispiel: das „Juckreiztraining“ an der Uni Gießen (Psychosomatische Dermatologie). Die Patienten machen ein Protokoll, wie oft und in welchen Situationen sie sich kratzen. Ergebnis: Allein durch das Aufschreiben kratzen sich die Neurodermitiker ein Drittel weniger.
Viele Allergiker werden falsch behandelt
Dietrich Abeck hat aber festgestellt, dass in vielen (leichteren) Fällen die Lösung auch ganz einfach sein kann und man ganz ohne Wirkstoff-Salben und Juckreiztraining auskommt. Denn oft sei das Problem nur eine Frage der richtigen Hautpflege mit rückfettenden Cremes und Kleidung aus Baumwolle und Leinen.
Auf der anderen Seite sind viele Allergiker noch gar nicht als solche diagnostiziert und werden falsch behandelt. Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie begründet das damit, daß es noch nicht genügend voll ausgebildete Allergologen gebe.
Vermeidung als Therapieform
Übrigens liegt die Alternativmedizin mit ihrer ganzheitlichen Behandlung richtig - nach Aussagen der Schulmedizin. Und die fängt bei der Vermeidung an - der einfachsten und billigsten Therapie.
Was also tun, wenn man sich auf eine mögliche Allergie testen lassen will? Suchen Sie sich einen Arzt, der die entsprechende Zusatzbezeichnung („Allergologe“ oder „Facharzt für Allergologie“) vorweisen kann. Oder lassen Sie sich an die nächste Universitätsambulanz überweisen. Dort stehen in der Regel ausreichende Testmöglichkeiten zur Verfügung. Die Diagnostik ist inzwischen so weit, dass fast alle Allergien erkannt werden können.