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Olympische Menschen So viele schöne Körper

 ·  Olympia - das ist ein Kampf um Medaillen. Aber es ist auch ein Catwalk, auf dem man gern und ungeniert zeigt, was man hat. Früher war man als tätowierter Sportler ein Exot, heute liegt man im Mainstream.

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© REUTERS Auf dem olympischen Catwalk

Brust raus! Wo sollen wir stechen? Dana Vollmer hatte von Beginn an klare Vorstellungen. Sie wollte nicht nur ein Tattoo, sondern irgendwann auch einen Ehemann. „Ich wusste, dass ich eines Tages ein Hochzeitskleid tragen werde“, sagte die 24 Jahre alte Amerikanerin. „Und ich wollte das Tattoo nicht an einer Stelle, an der man es sehen würde, wenn ich zum Altar gehe.“

Als sie am Sonntagabend aus dem Schwimmbecken stieg, in dem sie über 100 Meter Schmetterling in Weltrekordzeit Gold gewonnen hatte, ließ sich mit der nötigen Sehschärfe erkennen, dass Dana Vollmer sich am Ende eine wirklich diskrete Stelle ausgesucht hat. Knapp über dem hinteren Ausschnitt ihres Badeanzugs, am unteren Teil des Rückens, wurden die fünf olympischen Ringe sichtbar.

Die tätowierten Ringe gelten unter amerikanischen Schwimmern als „besonderes Zeichen von Prestige“, schrieb der „Herald Tribune“, „wegen des harten Kampfes um die olympischen Startplätze“. Sie sind das Zeichen dessen, der es geschafft hat. Die Idee ist nicht neu, sie soll auf den Freistilschwimmer Chris Jacobs zurückgehen, der sich 1988 die Ringe auf den Oberarm stechen ließ und danach eine Erkrankung vorgaukelte, um eine Trainingspause zu bekommen. Denn der Tätowierer hatte ihn gewarnt, er müsse zehn Tage auf dem Trockenen bleiben, weil sonst das Chlorwasser „das Tattoo tötet“.

Damals war man als tätowierter Sportler ein Exot, heute liegt man im Mainstream. Auch Missy Franklin, das 17-jährige neue Wunderkind des amerikanischen Schwimmens, will sich „als Motivation“ die Ringe stechen lassen, in die rechte Hüfte, wenn sie Gold gewonnen hat. Die erste Chance mit der 4 × 100-Meter-Staffel ging schief, aber jetzt hat sie es ja geschafft. Mal sehen, ob sie Wort hält?

Olympia, das ist ein Kampf um Medaillen, aber es ist auch die weltgrößte Bühne des Körperkults; eine alle vier Jahre zelebrierte Mustermesse dessen, wie sich Menschen formen oder verformen können. Auf diesem Catwalk der Körper zeigt man gern und ungeniert, was man hat, vor allem in jenen Sportarten wie Schwimmen, Leichtathletik oder Volleyball, die die menschliche Gestalt gemäß dem gängigen Schönheitsideal formen: groß, schlank, ebenmäßig muskulös.

So ist es den Athletinnen im Beachvolleyball erstmals erlaubt, auch Shirts und Shorts zu tragen, die meisten aber treten weiterhin im Bikini an. Und die Schwimmer genießen nicht nur wegen der deutlichen Zeitersparnis beim Einkleiden ihre Befreiung von den engen Ganzkörperanzügen, die eine Zeitlang schnellere Zeiten machten, nun aber verboten sind.

Wie die Service-Crew einer Fluggesellschaft

Bei den meisten olympischen Bodys ist es eigentlich egal, was sie tragen, Hauptsache es ist nicht zu viel. Es lässt sich aber, obwohl wegen der Publicity auch namhafte Designer wie Armani, Ralph Lauren oder Prada offizielle Teamanzüge einzelner Länder gestalten, bei der Einkleidung einiges vermasseln. Generell gilt, dass olympischen Sportlern ihre Wettkampfkleidung meist besser steht als die manchmal seltsamen bis peinlichen Outfits beim Einmarsch der Nationen.

Nicht selten sehen sie darin aus wie die Service-Crew einer Fluggesellschaft oder Zusteller einer Paketgesellschaft. Besonders schrecklich ist der Dress der Spanier. Im Internet kursiert ein Foto, das den unglücklich aussehenden Kanuten Saul Craviotto in der offiziellen Teamkleidung zeigt. Er wirkt darin wie die Bedienung in einem Fast-Food-Restaurant, der seine Uniform zu heiß gewaschen hat.

Kostenlose Maniküre im Nagelstudio

Dabei legen gerade olympische Sportler großen Wert auf ihr Aussehen. Viele nutzen die kostenlose Maniküre im Nagelstudio des Olympischen Dorfes - auch wenn diesmal niemand dabei ist mit Krallen wie die frühere Hürdensprinterin Gail Devers, die ihre fingerlangen Fingernägel mit Klebeband fixierte, damit sie beim Stabwechsel in der Staffel nicht brachen. Einen Friseur gibt es natürlich auch, wenngleich nicht sicher ist, ob Megan Rapinoe fremde Scheren an ihr Markenzeichen lässt, ihren wasserstoffblonden Kurzhaar-Schopf. Für ihre Frisur hat die amerikanische Kickerin einen eigenen Twitter-Account.

Sportarten, in denen man sich schminken muss, gibt es natürlich seit jeher. So wie das Synchronschwimmen, wo zudem Gelatine benutzt wird, damit die Frisur auch im Wasser hält. Die Turnerinnen im nationalen Trainingszentrum der Vereinigten Staaten in New Waverley, Texas, schminken und frisieren sich selbst im Training, um den Ernstfall zu simulieren. Sogar für Pferde gibt es Make-up, etwa Salben, die „Glanz in die Augen bringen“ oder „die Tiefe der Farbe betonen“. Oder auch Huf-Politur, die Hippo-Version des Nagellacks. All das ist gefragt in Disziplinen, bei denen der äußere Eindruck zählt. In der Leichtathletik wäre das Aussehen egal, weil nur Messbares entscheidet. Dennoch trägt Jessica Ennis, Favoritin im Siebenkampf und einer der größten Stars der britischen Gastgeber, auch im Wettkampf Make-up.

Lust an der Körperlichkeit

Wo so viele schöne Körper zusammenkommen, so viel ungebundene Jugend und so viel Lust an der eigenen Körperlichkeit, kann nicht ausbleiben, wozu die Natur die Menschen schön gemacht hat: damit sie einander begehren. Bei jeden Spielen kitzelt das die Vorstellungskraft derjenigen, die leider draußen bleiben müssen aus dem Olympischen Dorf: der Journalisten und der Zuschauer, die ausgerechnet hier keine sein dürfen. Mit der Zahl der im Dorf kostenlos verteilten Kondome, mittlerweile ein Klassiker der vorolympischen Berichterstattung, muss jedes Mal ein Rekord aufgestellt werden, diesmal angeblich 150.000.

Und so ist man für einen Eindruck vom angeblich wilden Treiben hinter den hohen, Draht überzogenen Mauern des Dorfes auf die Aussagen derjenigen angewiesen, die drin sind und sich gern draußen wichtig machen. So wie die amerikanische Fußballerin Hope Solo, die behauptet: „Da läuft viel mit Sex. Ich würde sagen, es sind 70 bis 75 Prozent der Sportler.“ Es werde sogar „im Freien getrieben, direkt auf dem Rasen oder zwischen den Gebäuden“.

Gerade im immer noch puritanischen Amerika kommt so etwas an. Die „wahren Olympischen Spiele“, behauptet der Fernsehsender ESPN, dürfe man nicht übertragen. Kaum vorstellbar, was das Internationale Olympische Komitee über die gut zwei Milliarden Euro für die Senderechte von London 2012 hinaus kassieren könnte, ließe es auch den nicht jugendfreien Teil der Spiele übertragen.

Nicht so pompös wie die Fußballstars

Was aber soll schlimm an all dem sein? „Olympia ist dazu da, Leute zu treffen“, sagt Dorfbürgermeister Duncan Goodhew. „Es gibt viele Geschichten über Leute, die sich kennengelernt, geheiratet und den Rest ihres Lebens zusammengelebt haben.“ Oder sich zumindest für den Rest ihres Lebens mit einer Hautmarkierung verzieren, die schwieriger loszuwerden ist als ein Lebenspartner.

Dabei sind die olympischen Tätowierungen in der Regel zum Glück deutlich unauffälliger und gediegener als die Masse an pompösen Unterarm-Tattoos, auf denen Spieler bei der Fußball-Europameisterschaft ihre persönliche Auswahl aus Runen, römischen Zahlen, mythologisch-esoterischem Kitsch und anderen Angeboten des Satzbaukastens von Tattoo-Studios präsentierten. So trägt der deutsche Volleyballspieler Jochen Schöps seine fünf Ringe ganz diskret und versteckt am Fußknöchel. Er passt damit nicht ganz ins Raster von Dana Vollmer. „Frauen wollen es dort, wo man es nur beim Sport sieht“, sagt die Schwimmerin. „Viele Männer wollen es da, wo es jeder sieht.“

„Pain is temporary, pride is forever“

Dieser Hang zur Größe und Auffälligkeit hat nun dem deutschen Turner Marcel Nguyen ein wenig Stress verschafft. „Pain is temporary, pride is forever“ (Schmerz geht vorbei, Stolz bleibt ewig), so lautet die halbrunde Inschrift, die er seit Mai von Achsel zu Achsel quer über die Brust trägt. Sie ist etwas zu groß geraten für den Turndress. „Ich habe ein wenig körperfarbene Kosmetik draufgeschmiert“, sagte er deshalb vor dem Mannschaftsfinale, „und pudere die entsprechenden Stellen, damit niemand mehr daran Anstoß nimmt.“ Danach legte sich die Aufregung, weil sich herausstellte, dass all der Aufwand nach den IOC-Regeln gar nicht nötig ist. „Verboten sind nur religiöse und politische Botschaften, nicht Tattoos im Allgemeinen“, erklärte ein Sprecher des deutschen Teams.

Aber natürlich lässt sich immer darüber streiten, ob Mittel zur Verschönerung wirklich ihren Zweck erreichen - oder nicht manchmal das Gegenteil. So ließ sich die australische Sprinterin Jana Pittman-Rawlinson vor einigen Jahren die Brüste vergrößern, fand dann aber heraus, dass kleinere Brüste größere Chancen im Sprint bieten. Also ließ sie sich, nach dem alten Motto „Brust raus!“, die Implantate nach nur 14 Monaten wieder entfernen, um ihre Olympiachancen zu verbessern. Die Brüste waren dann auch nicht das Problem. Es war der Fuß. Sie verletzte sich und verpasste die Spiele.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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