07.10.2011 · Wen kümmert die CSU noch: Die SPD stößt in das Herz Bayerns vor und ruft den Münchner Oberbürgermeister zum Spitzenkandidaten aus.
Von Albert Schäffer, MünchenSelbstbewusst hat sich am Freitag die bayerische SPD in Szene gesetzt, als sie Christian Ude zu ihrem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2013 bestimmte. Nicht nur, dass ihr Landesvorstand in München just an einem Tag zusammentrat, als die CSU in Nürnberg mit ihrem Parteitag begann; in früheren Zeiten hätte eine solche Gleichzeitigkeit der SPD nur den Spott eingebracht, dass sie versuche, ein kleines sozialdemokratisches Papierfähnchen im CSU-Orkan zu schwenken.
Die Inthronisation Udes - jedes andere Wort wäre unpassend - fand auch an einem der nobelsten Münchner Orte statt, dem Literaturhaus unweit des Odeonsplatzes. Und es fehlte nicht an Interpretationshilfen für begriffsstutzige Zeitgenossen, denen immer noch zu entgehen drohte, dass Bayern eine historische Stunde erlebe: Vorsorglich teilte die SPD mit, dass das Literaturhaus erst dreieinhalb Stunden vor dem großen Auftritt Udes geöffnet sei.
Anschaulicher hätte nicht werden können, dass sich die bayerische SPD gerade mächtig anstrengt, sich neu zu erfinden. Die Partei, die seit Jahrzehnten im Freistaat in der Opposition ist und bei der Landtagswahl 2008 kümmerliche 18,6 Prozent der Stimmen erzielte, will das graue Gewand der ewigen Verliererin abstreifen. Ihre Parteitage hielt sie in vergangenen Jahren oft abseits der urbanen Zentren ab, ganz Nischenpartei, in der erbittert um schmale Pfründe gerungen wurde - und um Spiegelstriche in Resolutionen, die am nächsten Tag schon wieder vergessen waren.
Am Freitag lautete aber die Losung der SPD: Hinein in das Herz Bayerns, in das Herz Münchens - und die ganz große Geste gesetzt, damit niemand mehr Zweifel hegen kann, wer die künftigen Sieger sind. Sieger, die nicht kümmern muss, wenn sich eine Regionalpartei namens CSU in den Hallen der Nürnberger Messe trifft und vergangene Größe beschwört.
Ude ließ am Freitag auch nicht im Ungefähren, wie seine Kandidatur zu verstehen ist: Als Ausweitung des Sonnenkönigtums, das er sich als Münchner Oberbürgermeister geschaffen hat. Erste Erfolge konnte er bei seinem Auftritt im Literaturhaus, in dessen Saal hoch über den Dächern von München der bayerische Himmel ganz nah zu sein scheint, auch schon verzeichnen: Die kleinen und großen Funktionäre der SPD, deren Leidenschaft sich in früheren Zeiten in innerparteilichen Kämpfen erschöpfte, taten ihr Bestes, einen passablen Hofstaat für Ude abzugeben.
Artig scharten sie sich auf dem kleinen Podium um Ude - manche schienen noch ein wenig verblüfft darüber zu sein, dass sie unversehens so nah bei der sozialdemokratischen Majestät zu stehen kamen. Und Generalsekretärin Natascha Kohnen fand gleich die richtigen Worte, um die allgemeine Ergriffenheit auszudrücken: „Schön, dass Du in unserer Mitte bist.“
Ja, lang waren die Jahre gewesen, in denen Ude überall war, nur nicht in der Mitte der bayerischen Sozialdemokraten, die in ihrer notorischen Erfolglosigkeit einfach nicht zu ihm passen zu schienen. Ude hatte eine Allergie gegen sozialdemokratische Gremienrituale entwickelt, die auch noch nicht ganz überwunden sein dürfte. Jedenfalls beeilte sich der Landesvorsitzende Florian Pronold, Ude nicht mit hässlichen Formulierungen zu behelligen - etwa dass der Landesvorstand der SPD, der am Freitag im Literaturhaus getagt hatte, ihn nur zum Spitzenkandidaten nominiert hat und die endgültige Entscheidung einem Parteitag vorbehalten bleibt. Pronold wählte das einzig statthafte Wort, nämlich dass Ude „ausgerufen“ worden sei, einstimmig. Und dass er, Pronold, deshalb der glücklichste Landesvorsitzende sei, den die bayerische SPD seit langem habe. In diese Freudenbekundung durfte auch noch Markus Rinderspacher, der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, einstimmen; er ließ es allerdings an dem Bekenntnis fehlen, der glücklichste Fraktionschef unter der sozialdemokratischen Sonne zu sein.
Ude war ganz joviale Majestät, indem er wissen ließ, das in der Sitzung des Landesvorstand seine „Defizite“ nicht unerwähnt geblieben seien, was natürlich den Hofstaat sogleich in unbändige Heiterkeit versetzte. In „einigen Regierungsbezirken“ sei seine Bekanntheit noch steigerungsfähig, ließ Ude wissen - aber bis 2013 sei schließlich noch genügend Zeit. Zugegeben, seine Kenntnisse in „Ackerbau und Viehzucht“ müssten auch noch vertieft werden, umschrieb Ude launig sein Pflichtenprogramm als Spitzenkandidat, der auch in ländlichen Regionen Bayerns gewählt werden will.
Immerhin sei er dank der Güter der Stadt München, die ökologisch wirtschafteten, der „größte Ökobauer in Bayern“. Der ewige Schwabinger Ude - er ist in dem Münchner Stadtviertel aufgewachsen und seither dortselbst verblieben - als König der Ökobauern: Der Wahlkampf verspricht kurzweilig zu werden.
Obwohl - eine Majestät führt eigentlich keinen Wahlkampf. Ude würdigte am Freitag schon einmal die „Verdienste der bisherigen Parlamentsmehrheit“ in Bayern - und ließ CSU und FDP noch wissen, wie sehr sie von seiner Kandidatur profitierten, weil sie sich jetzt anstrengen müssten. Und beschied dann den Grünen und den Freien Wählern, mit denen er 2013 eine Regierung bilden will, dass sie durchaus eine eigene Meinung haben dürften, etwa beim geplanten Bau einer dritten Startbahn am Flughafen München. Dass er den Grünen mit ihrer Ablehnung großer Verkehrsprojekte eine Verstrickung in „Religionskriege“ bescheinigt habe, sei nur eine Frucht seiner Formulierungslust; die Wortwahl wolle er nicht aufrecht erhalten. Majestät beliebt zu scherzen - daran müssen sich nach der SPD auch noch die Grünen und die Freien Wähler gewöhnen.
Endlich mal eine interessante Landtagswahl in Bayern
Dr. Hans Juergen Gruener (GRUII001)
- 08.10.2011, 12:28 Uhr
gratulation
Wolfgang Rösner (docroesner)
- 08.10.2011, 08:02 Uhr
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