26.09.2009 · Auf der Straße begegnen die Bürger Sonja Steffen mitleidsvoll. Tatsächlich ist kein Genosse und keine Genossin ein zweites Mal gegen Angela Merkel angetreten, die den Wahlkreis Stralsund-Nordvorpommern-Rügen fünfmal direkt gewonnen hat.
Der Seewind bläst kräftig, Sonja Steffen zieht die Strickjacke fester. Nur die „Linke“ hat vor der Fachhochschule plakatiert. „Das nervt mich schon wieder“, sagt die SPD-Kandidatin. Die 45 Jahre alte Anwältin hat die Haare hochgesteckt, trägt Country-Look, langer brauner Rock und beigefarbene Stiefel. „Ich finde es toll, dass Sie gegen Frau Merkel kandidieren und sich nicht entmutigen lassen“, sagt später Rektor Joachim Venghaus, nachdem er über Erfolge und Nöte der Hochschule berichtet hat. Er ist auch Genosse.
Nicht immer gibt es solchen Zuspruch. Auf der Straße begegnen die Bürger Sonja Steffen mitleidsvoll. Warum sie sich das antue. Gegen die Kanzlerin habe sie ja keine Chance. Manche sagen, wieder werde eine Kandidatin der SPD verbrannt. Tatsächlich ist kein Genosse und keine Genossin ein zweites Mal gegen Angela Merkel angetreten, die den Wahlkreis Stralsund–Nordvorpommern–Rügen fünfmal direkt gewonnen hat. Sonja Steffen kämpft trotz alledem. „Ich bin mir das schuldig, meinen Auftrag als Kandidatin ernst zu nehmen“, sagt sie. Auch wenn sie, wie vor zwei Tagen, wieder mal „beschimpft“ wurde, als bei einer Veranstaltung des DGB nur Anhänger der „Linken“ als Zuhörer da waren.
Später gibt es Apfelkuchen im Giebelhaus in der Altstadt, wo ihr Büro ist. Auf dem Schreibtisch liegt ein Buch über Kindeswohlgefährdung, von der Wand schielen die Rolling Stones, auf der Kommode steht die Urkunde „Fachanwältin für Familienrecht“. Hannah, eine der drei Töchter, zeigt Geburtstagsgeschenke, die sie für eine Freundin gekauft hat. Sie hat den Preis von einem Pferdebuch mit einem Edding-Stift übermalt. Bis vor kurzem war Sonja Steffen in der SPD im Nordosten kaum bekannt. Für viele war die Rheinländerin vor allem die Ehefrau des Fraktionsvorsitzenden der Stralsunder SPD, von dem sie heute getrennt lebt. Verdiente Genossen hatten sich Hoffnungen auf die Kandidatur gemacht. „Ich habe ganz klar von der Frauenquote profitiert“, sagt Sonja Steffen. Als Frau konnte sie Platz 2 der Landesliste besetzen. Und kann so mit etwas Glück doch noch im Bundestag landen.
Die SPD ist schwach in Stralsund. Bei der Kommunalwahl im Sommer kam sie auf 11,6 Prozent, bei der OB-Wahl im Vorjahr holte die SPD-Bewerberin gerade mal acht. Nun mache die CDU nicht einmal Wahlkampf, sagt Frau Steffen, auch die FDP fast nicht. Nicht einmal einen Vertreter entsende die CDU zu den Veranstaltungen. „Es ist wie Schattenboxen. Wir hatten keinen Gegner, und das macht keinen Spaß“, sagt sie. Das letzte Mal holte Angela Merkel 41,3 Prozent der Stimmen, der SPD-Kandidat 25,3. „Bei 25 Prozent, da feiere ich“, sagt Sonja Steffen. Manchmal erlaubt sie sich zu träumen. „Das Direktmandat, das wäre natürlich eine Sensation.“Markus Wehner
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| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |