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Schuldige und Retter „Finanzsysteme auf der Intensivstation“

11.11.2008 ·  Anerkennung zollen die Wirtschaftsweisen für das beherzte Eingreifen in der Finanzkrise. Doch halten sie die Vorschläge zur Stabilisierung der einbrechenden Konjunktur für halbherzig und falsch.

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Ganz im Vordergrund des diesjährigen Gutachtens der „Wirtschaftsweisen“ stehen die Ursachen und Auswirkungen der internationalen Finanzkrise sowie die Frage, wie diesen zu begegnen sei. Die Sachverständigen sehen „die Finanzsysteme auf der Intensivstation“. Die im Juli 2007 erstmals aufgetretenen Erschütterungen im globalen Finanzsystem hätten im September mit der Insolvenz von Lehman Brothers „eine neue Dimension“ erreicht. Ohne staatliche Interventionen hätte die systemische Krise zum Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems geführt. Nicht nur die Kreditvergabe zwischen den Banken, sondern auch die an Unternehmen und private Haushalte wäre zum Stillstand gekommen. „Es hätte die Gefahr bestanden, dass Sparer versuchen, ihre Einlagen in großem Stil aufzulösen“, analysiert der Sachverständigenrat.

Es habe deshalb „keine Alternative zu den koordinierten, umfassenden und teilweise sehr unorthodoxen Maßnahmen von Notenbanken und Regierungen“ gegeben. Durch weitreichende Liquiditätshilfen und Zinssenkungen hätten die Zentralbanken dafür gesorgt, dass die Banken ihren Zahlungsverpflichtungen uneingeschränkt nachkommen konnten. „Durch die staatlichen Rettungsschirme und die umfassende Bereitschaft der Notenbanken, als Lender of last Resort zu agieren, ist es mittlerweile gelungen, einen stabilen Boden für die Finanzsysteme in den wichtigsten Volkswirtschaften einzuziehen.“ Die Gefahr eines Zusammenbruchs des Finanzsystems sei gebannt.

Keine pauschale Kritik an den Finanzmärkten und Bankern

In seinem Gutachten verwahrt sich der Rat gegen eine pauschale Kritik an den Finanzmärkten und Bankern. Die Kritik an angeblich ungezügelten Finanzmärkten verfehle den Kern des Problems. „Es geht nicht um die unbestrittene Notwendigkeit einer Regulierung, sondern um eine intelligentere Regulierung, die systemische Risiken vermindert, indem sie für mehr Transparenz und höhere Risikopuffer sorgt.“ Der Staat dürfe nicht versuchen, individuelle Risiken auszuschalten. Es gehe nicht an, mit Verweis auf die Finanzkrise die marktwirtschaftliche Ordnung als solche in Frage zu stellen. „Zu warnen ist ausdrücklich vor einer Überregulierung und ebenso vor einem Aufleben protektionistischer Tendenzen.“

Bei der Ursachenforschung machen die „Wirtschaftsweisen“ viele Schuldige aus: In Amerika habe eine expansive Geldpolitik das Aufblähen einer Immobilienblase gefördert. Die Wirtschaftspolitik habe die Banken ermuntert, Darlehen selbst an Personen zweifelhafter Bonität zu vergeben. Die Aufsicht habe Forderungen nach Deregulierungen leichtfertig nachgegeben, etwa indem sie die Kapitalvorschriften für Investmentbanken gelockert habe. „In nahezu allen Ländern wurden die Gestaltungsspielräume der Banken bei der Bewertung und Absicherung von Risiken erweitert, mit der Folge unzureichender Risikopuffer, die die Prozyklizität des Systems verstärkten.“

Versagt hätten die Rating-Agenturen, weil sie trotz fehlender Erfahrung mit Finanzinnovationen exzellente Testate ausgestellt hätten. Bankmanager hätten eine Grundregel der Finanzmärkte außer Acht gelassen: Sehr hohe Renditen sind nur unter Inkaufnahme sehr hoher Risiken zu erzielen. „Sicherlich haben einige Vergütungssysteme das kurzfristig orientierte Handeln der Bankmanager unterstützt, wenn nicht sogar herausgefordert.“ Die Aufsichtsräte trügen Mitschuld.

Die Gutachter loben das deutsche Rettungspaket für die Banken „als wichtigen Beitrag für die Stabilisierung des Vertrauens“. Doch sei es für ein umfassendes Urteil darüber noch zu früh. Nach einer erfolgreichen Stabilisierung und Restrukturierung müsse sich der Staat wieder aus den Banken zurückziehen. Auf internationaler Ebene verlangt der Rat, ein „Frühwarnsystem“ einzurichten, das nicht nur über makroökonomische Informationen, sondern auch über interne Daten individueller großer Finanzinstitutionen verfügen müsse. „Weitergehende Funktionen, wie zum Beispiel eine Evaluierung nationaler Aufsichtssysteme, die Aufsicht über die größten international tätigen Finanzinstitute, oder ein globales Krisenmanagement, könnten darauf aufgebaut werden.“ Dafür sei der Internationale Währungsfonds als globale Institution am ehesten geeignet.

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