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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Schavan gibt ihr Amt auf Die Farbe Lila

 ·  Der Rücktritt von Annette Schavan nach dem Entzug ihres Doktorgrades widersprach den politischen Gepflogenheiten. Angela Merkel wollte das so. Die Kanzlerin bemühte Superlative. Das ist ungewöhnlich für sie.

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© Lüdecke, Matthias Freundinnen: Am Samstagnachmittag im Kanzleramt

Angela Merkel trägt ein schwarzes Jackett. Die Farbe der Trauer passt zu den Worten, die die Bundeskanzlerin an diesem Nachmittag zu sagen hat. Punkt 14 Uhr ist sie mit Annette Schavan vor die Mikrofone im Bundeskanzleramt getreten, draußen ist es trübe, es fällt leichter Schnee. Gleich zweimal spricht sie davon, wie schwer der Rücktritt der Bildungsministerin ihr das Herz mache. Am Abend zuvor hatten die beiden ausführlich miteinander geredet, und „schweren Herzens“ habe sie der Bitte Schavans entsprochen, zurückzutreten.

Die Kanzlerin bemüht Superlative. Das ist ungewöhnlich für sie. Annette Schavan sei „die angesehenste Bildungspolitikerin des Landes“. Siebzehn Jahre habe sie als solche in Land und Bund gewirkt, „das sucht seinesgleichen“. Schavan stelle mit ihrem Rücktritt ihr eigenes Wohl hinter das des Ganzen, „hinter das Gemeinwohl“. Und: „Das macht Annette Schavan aus.“ Es grenzt an Peinlichkeit. Als hätte es angesichts eines entzogenen Doktortitels eine andere Möglichkeit gegeben als den Rücktritt vom Amt der Bildungs- und Forschungsministerin.

Alles andere als eiskalt

Aber es ist eben ein besonderer Abschied. Und es sind nicht so sehr die Worte der Kanzlerin, die das Besondere ausmachen, sondern mehr noch, dass die Regierungschefin diesen Rücktritt im Bundeskanzleramt bekanntgibt, gemeinsam mit der scheidenden Ministerin. Das hat es noch nicht gegeben, es widerspricht der politischen Gepflogenheit. Gewöhnlich erklärt ein Minister seinen Rücktritt selbst, in seinem Ministerium. Der Regierungschef nimmt dann dazu Stellung, spricht Dank aus, zollt Anerkennung. So hatte es Merkel gehalten, als Franz Josef Jung zu Beginn der Legislaturperiode als Verteidigungsminister zurücktrat, die Kanzlerin hatte ihm zuvor diesen Schritt, wie man so sagt, nahegelegt. So war es auch bei dem Aufsehen erregenden Rücktritt von Jungs Nachfolger, Karl-Theodor zu Guttenberg, vor bald zwei Jahren. Angela Merkel aber wollte es dieses Mal nicht so machen. Nicht mit Annette Schavan.

Einen ganz anders zelebrierten Ministerabschied hatte die Republik im Mai vergangenen Jahres erlebt - nach der für die CDU so schmählich verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Norbert Röttgen, der Wahlverlierer, wollte sein Amt als Umweltminister nicht aufgeben. Aber Merkel schmiss ihn raus, verkündete seine Entlassung im Kanzleramt. Eiskalt war ihr Auftritt damals.

Plagiats-Affäre: Schavan erklärt Rücktritt, Merkel beruft Wanka

Der Abschied von der Ministerin Schavan war nun schier das Gegenteil: Und die machte am Samstag schnell klar, warum das so ist. Gleich am Anfang sprach sie von Freundschaft. Merkel und Schavan pflegten diese Freundschaft. Sie feierten sie nicht öffentlich, sie sprachen darüber nur selten, und wenn, dann strapazierten sie keine großen Worte. Man habe Kontakt, man simse, ja, man gehe auch miteinander essen ab und an. Aber die enge Verbindung hielt über Jahre; manche sagen, auch deshalb, weil Schavan immer loyal war, der Kanzlerin nie gefährlich werden konnte.

Es war auf den ersten Blick eine Freundschaft zwischen Ungleichen, der Naturwissenschaftlerin aus dem Osten, aufgewachsen in einem protestantischen Pfarrhaus, und der Katholikin, die von der rheinischen Spielart dieser Konfession geprägt wurde, einst mit Konrad Adenauers Tochter im Stadtrat von Neuss saß. Intelligent, uneitel, pragmatisch, zuverlässig, spröde, sperrig, kinderlos, ohne großes rhetorisches Talent - es gibt viele Eigenschaften, mit denen beide Frauen gleichermaßen beschrieben werden. Auch die Vorsicht gehört dazu, das Bemühen, stets die Kontrolle zu halten, und der Humor, der sich vor allem in kleiner Runde zeigt. Bis hin zu ihrer Arbeitskluft, Jackett mit Hose, gleichen sich Merkel und Schavan.

Die Farbe der Frauenbewegung und der Fastenzeit

Die scheidende Ministerin trägt an diesem Tag ein lila Jackett, dazu eine passende lila Kette. Man könnte es als Farbe der Frauenbewegung sehen, Schavan hat sich, wie Merkel, immer dafür eingesetzt, dass Frauen in der CDU eine größere Rolle spielen. Vor Frauen hat sie besonders gern gesprochen, ein Beharren auf dem traditionellen Geschlechterverhältnis hat sie fassungslos gemacht. Aber lila oder violett ist eben auch die Farbe der Fastenzeit, der Passionszeit. In drei Tagen, von Aschermittwoch an, werden die Priester diese Farbe für vierzig Tage, die Dauer der Fastenzeit, während der Messe tragen. Schavan als praktizierende Katholikin kennt diese Farbenlehre. Ihre Passion hat längst begonnen, und sie wird länger als vierzig Tage dauern.

Und dennoch wirkt Schavan an diesem Nachmittag nicht nur sehr gefasst, sondern geradezu heiter. Keine Sorgenfalte ist auf ihrem Gesicht zu sehen, nur die Augenbrauen zieht sie ab und zu hoch - eine Angewohnheit, die sie selbst nicht bemerkt und die sie nicht unterdrücken kann. Sie lächelt einem Journalisten zu. Wüsste man nicht, worum es geht, man könnte denken, sie würde nicht als Ministerin verabschiedet, sondern gerade ernannt. So sei ihr Wesen, sagen Leute, die sie kennen: selbst wenn sie jemanden kritisiere, versuche sie den Tadel mit Heiterkeit zu verbinden. Und dass sie schon immer viel dafür getan habe, dass ihre seelische Verfasstheit stabil bleibt.

Doch so einfach ist es nicht. Wie tief sie der Verlust ihres Doktorgrads trifft, macht Schavan am Samstag klar - natürlich, für eine Wissenschaftsministerin ist das eine Demütigung fast ohnegleichen. Sie werde die Entscheidung der Universität Düsseldorf nicht akzeptieren und deshalb gegen sie klagen. Solange über diese Klage nicht entscheiden ist, kann sie ihren Doktortitel tragen. „Ich habe weder abgeschrieben noch getäuscht“, sagt sie. Und: „Die Vorwürfe treffen mich tief.“ Der Doktortitel ist ihr einziger akademischer Abschluss, ohne ihn steht sie wie eine Studienabbrecherin da. Es geht jetzt, so haben es Vertraute immer wieder gesagt, auch um ihr Lebenswerk.

„Im Sinkflug“

Am Freitagabend kam Annette Schavan von einer Dienstreise aus Südafrika zurück. Die Ministerin befinde sich „im Sinkflug“, teilte eine Nachrichtenagentur vieldeutig mit. Sie habe in Südafrika viel Zeit gehabt, grundsätzlich nachzudenken, sagt sie. Und dann präsentiert sie ihre eigene Version, ihre eigene Begründung ihres Rücktritts. Nicht, weil es um ihre Ehre gehe, um ihren Ruf, um ihr Leben. Sondern: „Wenn eine Forschungsministerin gegen eine Universität klagt, dann ist das eine Belastung für das Amt, die Bundesregierung und die CDU“, sagt sie. Und: „Das geht nicht. Das Amt darf nicht beschädigt werden.“ In diesem Fall ein zwingendes Argument.

Politik sei die Sphäre der Geradlinigkeit und der Verlässlichkeit, hat Schavan manchmal gesagt. Und dass sie sich nicht den gängigen Spielregeln der Politik unterwerfe. Sie wolle sich nicht neu erfinden, sich nicht an die gängigen Vorstellungen von Politik anpassen. Lieber stehe sie in einer etwas altmodischen Ecke. Für dieses Bild von sich hat Annette Schavan gekämpft. Sie wird es weiter tun.

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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