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Sarrazin legt nach Endlich sagt’s mal einer - Teil zwei

Am Dienstag erscheint das neue Buch von Thilo Sarrazin. Thema ist der Euro - wichtiger ist seinen Lesern aber Sarrazins Pose als verfolgter Rebell.

© Pilar, Daniel Vergrößern Zuchtmeister der Mächtigen: Thilo Sarrazin

Wir leben nicht in Zeiten, in denen das neue Buch eines prominenten Autors schon allein deswegen mit großer Spannung erwartet wird. Gewiss, man freut sich darauf oder ist neugierig, was Enzensberger gerade geschrieben hat oder Habermas, Martin Mosebach, Heinz Bude. Aber so gut wie niemand eilt in die Buchhandlung, um es ja nicht zu verpassen, nirgends werden Gerüchte laut, Heinrich August Winkler sitze gerade an einem Buch über dies und das. Niemand fragt, was Sloterdijk gerade macht, niemand sagt: „Habt ihr schon gehört, von Ulrich Beck kommt etwas Neues.“

Jürgen Kaube Folgen:    

Am kommenden Dienstag erscheint ein Buch, das sich davon abhebt: Thilo Sarrazins neuer Titel „Europa braucht den Euro nicht“. Bereits am Sonntagabend treffen in der hauptamtlichen Talkshow der Autor und Peer Steinbrück aufeinander, um die Europafrage und also auch über Sarrazins Thesen zu diskutieren. Es ist aber nicht nur die Beachtung erwartbar, die das Buch erhalten wird. Das Buch wird vielmehr zahlreiche Leser finden, die es aus einem einzigen Grund in die Hand nehmen werden: weil es ein neues Buch von Thilo Sarrazin ist.

Ein „Champion der Gedankenfreiheit“

Das liegt selbstverständlich mit an dem beispiellos erfolgreichen Vorgängerbuch. Doch die spektakulären Verkaufszahlen von „Deutschland schafft sich ab“ allein erklären das Interesse an Sarrazins zweitem Buch noch nicht. Der Autor hatte zuvor schon ein halbes Dutzend Bücher publiziert, darunter 1997 eines zum „Euro. Chance oder Abenteuer?“, von denen nicht bekannt geworden ist, dass sie nach dem Massenerfolg der Deutschland-Schrift wiederaufgelegt worden wären. Wenn es aber demnächst heißen wird „Kunden, die ,Deutschland schafft sich ab’ kauften, haben auch ,Europa braucht den Euro nicht’ gekauft“, dann werden es weniger die Sachaussagen Sarrazins gewesen sein, die eine Brücke vom einen zum anderen Bestseller schlugen. Das Interesse an Sarrazin ist in erster Linie das an einem Sprechakt: am Protest gegen maßgebliche Eliten nämlich.

Die Literaturwissenschaftlerin Carolin Dorothée Lange vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung hat kürzlich in einer kleinen Studie die Kundenrezensionen analysiert, die bei „Amazon“ zu Sarrazins Erstling angefertigt wurden. Ihr Befund: Die meisten Leser, die das Buch lobten, taten es weniger für seine konkreten Mitteilungen - etwa zur Demographie oder zur Integrationspolitik - als vielmehr dafür, dass hier einer mal dem Establishment Bescheid sage. Dass jemand auszusprechen wage, was sonst mit Rhetorik zugedeckt oder ganz verschwiegen werde, wurde dem Autor hoch angerechnet. Sarrazin wurde als Champion der Gedankenfreiheit wahrgenommen, als „Marquis Posa des deutschen Mittelstandes“ (Lange). Und man darf sagen, dass die Reflexe auf sein Deutschland-Buch dem auch ziemlich viel Nahrung gegeben haben.

Kritik aus dem Inneren des Kritisierten

Entscheidend für das Interesse an Sarrazin ist dabei noch etwas anderes: dass der Protest gegen die maßgeblichen Eliten - damals die der Sozial-, Bildungs- und Einwanderungspolitik, jetzt die der Finanz-, Währungs- und Europapolitik - von einem Mitglied derselben Eliten formuliert wird. Sarrazin schreibt nicht einfach das hundertste Buch gegen den Euro, sondern tut es als jemand, der Teil jener politischen Administration war, die in diesem Land seit Jahrzehnten für Fragen der Ökonomie zuständig ist.

Dieses Muster einer Kritik aus dem Inneren des Kritisierten heraus findet sich auch in Thilo Sarrazins Selbstverständnis. Seine Karriere prägte, was einst der amerikanische Soziologe Robert K. Merton als das Schicksal des Intellektuellen in der Staatsverwaltung beschrieben hat. Das Nicken zu Entscheidungen, die man nicht teilt, die Durchsetzung dessen, wovon man abgeraten hat, und die Sachzwänge, die von politischen Wiederwahlzwängen oder diplomatischen Freundschaftszwängen überformt werden - Sarrazin hat das alles mitgemacht, im Bundesarbeitsministerium und im Bundesfinanzministerium, als Büroleiter von Ministern und Referatsleiter unter Staatssekretär Horst Köhler. Schon sein erstes Buch hatte etwas von der ausgestellten Haltung dessen, der auspackt, was ihm jahrelang auf die Nerven ging.

Steht die Person dem Buch im Weg?

Jetzt allerdings geht es um ein Thema, zu dem Sarrazin nicht als Amateur, Privatsoziologe und Populationsgenetiker im Selbststudium schreibt. Außerdem ist inzwischen der Verdacht in der deutschen Bevölkerung massiv gewachsen, man werde in der Europa- und der Eurofrage verschaukelt, die Wahrheit werde nicht gesagt, der Steuerzahler solle die Fehlleistungen von Banken, Versicherungen und der Politik ausbaden. Redensarten wie das Juncker-Mantra „Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Europa“, die von der Frage ablenken, ob es denn mehr von diesem Europa sein soll, sind als solche erkannt. Das Motiv einer Konspiration der Eliten hat sich insofern stark verdichtet.

Wenn das Buch heraus ist, wird man sehen, was Sarrazin in der Sache zu sagen hat. Und wie er die eigene Mitbeteiligung an dem, was er nun angreift, darstellen kann. Doch schon jetzt bedarf es keiner großen Voraussicht, um zu wissen, dass sich seine Einlassungen nicht mit jenem „nicht hilfreich“ vom Tisch werden fegen lassen, das seinem ersten Bestseller reihenweise Leser zuführte. Am interessantesten aber wird sein, ob die Person Sarrazin ihren eigenen Thesen im Weg stehen wird. Wie also werden diejenigen auf seine Urteile über Europa und seine Finanzen reagieren, die seine Ansichten über Einwanderer und Sozialpolitik dubios oder fatal fanden? Ob es sich um ein zweites Buch oder um eine Fortsetzungsgeschichte handelt, wird insofern weniger von seinem Inhalt abhängen als davon, was das Publikum an Gefährlichem gelesen haben möchte.

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Quelle: F.A.Z.

 
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