FRANKFURT. Angesichts der Baisse an den Aktienmärkten Europas und Amerikas empfiehlt es sich für risikofreudige Anleger, auch einmal einen Blick auf Aktien und Anleihen aus Schwellenländern zu werfen. Viele Wertpapiere aus den "Emerging Markets" haben sich in diesem Jahr erstaunlich gut entwickelt - und ihr Potential ist nach Ansicht von Experten vielfach noch nicht ausgeschöpft. Unter den zehn Aktienindizes der Welt mit den größten Zuwächsen finden sich die der Börsen Karatschi, Moskau, Prag, Budapest, Bangkok und Jakarta. Der Index der Pakistan Stock Exchange führt die Rangliste an - er hat seit Jahresanfang um mehr als 80 Prozent zugelegt. Der Deutsche Aktienindex Dax gehört dagegen mit einem Minus von knapp 30 Prozent zu den zehn schlechtesten Aktienindizes der Welt.
Besondere Beachtung schenken Experten derzeit dem russischen Markt. Der RTS Index der Börse Moskau ist mit einem Plus von fast 40 Prozent der zweitbeste Index der Welt. Ein Ende des Höhenflugs ist nicht abzusehen. Experten weisen darauf hin, daß immer neue Nachrichten über Wirtschaftsreformen den Markt auf Trab halten. Darin liegt aber auch ein Risiko. Denn es wäre mit deutlichen Kursabschlägen zu rechnen, sollte sich eines Tages erweisen, daß - wie Beobachter argwöhnen - die Reformen nur auf dem Papier stehen, tatsächlich aber alles beim alten bleibt.
Ein weiteres Risiko liegt in der großen Abhängigkeit Rußlands vom Öl. Sollte der Ölpreis deutlich sinken, würden darunter nicht nur die Aktienmärkte leiden, sondern auch die Kurse russischer Anleihen: Weil ein erheblicher Anteil der Ausfuhr des Landes aus Öl besteht, würden bei einem sinkenden Ölpreis die Exporterlöse Rußlands zurückgehen. Das Risiko, daß das Land eines Tages seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen kann, würde sich dadurch erhöhen - und das dürfte sinkende Anleihekurse zur Folge haben. Dennoch genießen russische Anleihen zur Zeit fast schon den Ruf eines "sicheren Hafens" - und einer attraktiven Alternative zu den teuren Anleihen der EU-Beitrittskandidaten der "ersten Reihe". Die EU-Beitrittsphantasie hat deren Kurse schon so weit nach oben getrieben, daß nicht mit weiteren Steigerungen zu rechnen ist. "Da ist die Luft ziemlich draußen", urteilt Hans-Werner Hohl, Anleihestratege bei der WestLB.
Die meisten Schwellenländer-Anleihen profitieren zur Zeit von einem für sie allgemein günstigen Investitionsklima. So konstatierte die Investmentbank JP Morgan unlängst einen "gestiegenen Appetit der Anleger auf Schwellenländer-Risiken". Das hat damit zu tun, daß sich die Anzeichen für eine Erholung der amerikanischen Wirtschaft mehren. Auch die aggressive Zinssenkungspolitik der amerikanischen Notenbank Fed ist gut für Schwellenländer-Anleihen. Und schließlich sorgt die leichte Entspannung im Irak-Konflikt, dessen Zuspitzung die Anleger im Frühherbst extrem risikoscheu gemacht hat, für eine wieder gestiegene Risikoneigung. Dies hat zur Folge, daß Schwellenländer einen geringeren Renditeaufschlag (Spread) gegenüber amerikanischen Staatsanleihen zahlen müssen: Der Schwellenländer-Index von JP Morgan, der die Spreads widerspiegelt, ist seit Anfang Oktober um rund 20 Prozent gefallen.
Neben dem allgemeinen Investitionsklima spielen aber auch die Besonderheiten der einzelnen Länder eine wichtige Rolle für die Kursentwicklung ihrer Anleihen. Zum Beipiel sind in zwei wichtigen Schuldnerländern, Brasilien und der Türkei, im Herbst Wahlen abgehalten worden, deren Ergebnisse vor einiger Zeit an den Finanzmärkten noch als "Horrorszenario" betrachtet worden wären. Vor der Wahl in Brasilien hatten Umfrageergebnisse, die einen Sieg des Sozialisten Luiz Inácio Lula da Silva als wahrscheinlich erscheinen ließen, die Anleihekurse belastet. Als er die Wahl gewonnen hatte, hat Lula dann aber die richtigen Worte gefunden, um die Märkte zu beruhigen. Mittlerweile spiegelt sich in der Kursentwicklung sogar ein erheblicher Vertrauensvorschuß wider. Viele Experten rechnen aber angesichts der noch immer gewaltigen Schuldenlast des Landes damit, daß die Renditen wieder steigen, wenn Lula den hochgesteckten Erwartungen der Finanzmärkte nicht gerecht werden sollte. Vor allem müsse es ihm gelingen, den Primärüberschuß - den Überschuß im Staatshaushalt vor Bedienung der Schulden - zu erhöhen. Das aber läuft auf unpopuläre Maßnahmen hinaus; viele Beobachter zweifeln am Willen und an der Fähigkeit Lulas, diese Maßnahmen durchzusetzen.
Auch in der Türkei haben es die Sieger der Parlamentswahl, die Spitzenpolitiker der gemäßigt islamistischen Partei AKP, geschafft, die Ängste der Finanzmärkte zunächst einmal zu beschwichtigen. Daraufhin sind auch in der Türkei die Anleihekurse zuletzt weiter gestiegen. Hier sehen Fachleute das Risiko aber vor allem darin, daß in den hohen Kursen schon die Hoffnung auf einen Beitritt der Türkei in die Europäische Union enthalten ist. Schließlich befürwortet auch die AKP, entgegen manchen Befürchtungen, einen EU-Beitritt. Giancarlo Perasso von WestLB Research ist aber der Ansicht, daß die EU in absehbarer Zeit nicht mit der Türkei über einen Beitritt verhandeln wird. "Dann stünde türkischen Anlagen eine deutliche Korrektur bevor", meint Perasso.
