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Zweite Karriere für Tänzerinnen : „Ich habe schon ein Leben hinter mir“

Das Theater hinter sich, die Bücher vor sich - aber Tänzerin wird sie im Kopf wohl immer bleiben: Fione Rettenberger Bild: Frank Röth

Zu alt für den Beruf, wenn andere gerade mal anfangen zu arbeiten: Wer sich für das Tanzen als Profi entscheidet, weiß, dass die Karriere hart ist und meist nicht lange dauert. Doch wie kann es für Tänzerinnen danach weitergehen?

          Noch ein paar Tage, und das neue Leben fängt an. Fione Rettenberger hat die Kisten gepackt und Abschied von der Stadt genommen, in der sie sechs Jahre lang gelebt hat. Und fünf Jahre lang getanzt. Dann war Schluss.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Jahr hat es gedauert, bis aus Fione, der Tänzerin, eine Studentin werden konnte. Es ist eine Geschichte von Mut, Fleiß und Willen, von Hindernissen, Bürokratie und Enttäuschungen. „Vielleicht ist das so ein Ideal meiner Generation: dass man die Erfüllung im Beruf findet“, sagt Fione. Nun sucht sie nach einem neuen. Vielleicht wird sie Dramaturgin oder betreut ein Orchester. Oder wird sogar Wissenschaftlerin. Alles ist offen. „Ich werde immer Tänzerin sein, ob ich tanze oder nicht. Das sind Strukturen im Gehirn, die man nicht ändern kann. Und ich werde ja kein anderer Mensch, wenn ich meinen Beruf ändere“, sagt Fione.

          Ein schwieriger Wechsel

          Zweifel waren immer da, beim Training, auf der Bühne, bei Proben. Zu den „Überfliegern“ habe sie nie gezählt. Tänzer bissen sich eben durch. Vom sprichwörtlichen Fleiß, der Zielstrebigkeit und Disziplin der Tänzer kann Heike Scharpff ein Loblied singen. Seit 2010 betreut die ausgebildete Psychologin, die gleichzeitig als Regisseurin arbeitet, in der Berliner Stiftung Tanz - Transition Zentrum Deutschland Tänzer, deren Karriere zu Ende ist oder bald enden wird. Das ist früher als in jedem anderen Beruf, auch wenn heute etliche Compagnien Tänzer jenseits der 40 beschäftigen. Mehr als einen Beruf zu haben ist für Tänzer normal. Doch kaum ein Übergang ist reibungslos. Ihn als bewusste „Transition“ zu gestalten, aufzuklären und früh einzusetzen, ist Ziel der auf private Mittel angewiesenen Stiftung, der Sabrina Sadowska und John Neumeier vorstehen.

          Viele Tänzer fallen aus den sozialen Netzen, wenn das Alter kommt oder ein Unfall, eine Erkrankung. Und kaum jemand macht sich Gedanken darüber, dass Leute, die mit Mitte 30 Rentner ohne Rente sind, eine Ressource für den Arbeitsmarkt sein könnten: kreativ, flexibel, fleißig, oft mehrfach begabt, erfahren. „Ich habe schon ein komplettes Leben hinter mir“, sagt Fione. Wer sich bei Scharpff meldet, kann individuelle Betreuung, Analyse, Beratung und eine, wenn auch bescheidene, finanzielle Hilfe erhalten. Denn oft wird nicht einmal die Berufsausbildung von Tänzern anerkannt, geschweige denn eine weitere Ausbildung ermöglicht. Und nicht jeder, der getanzt hat, wird automatisch ein guter Tanzlehrer oder gar Choreograph. Aus den Tänzern, die Scharpff beraten hat, wurden Theaterleute, aber auch Fitnesstrainer und Medizinstudenten, Werber und Physiotherapeuten. Es gibt schlimme Fälle, von Krankheit, Unfällen, psychischem Leid. Aber auch Leute wie Fione, die gut überlegt haben, was sie nach dem Tanzen tun wollen. Dass der Wechsel doch so schwierig würde, hatte sie sich nicht ausgemalt.

          „Meinen geistigen Hunger stillen“

          „Leicht mehrere Jahre“ könnten vergehen, bis über ihr Ansinnen entschieden werden könne, hatte ihr noch im Januar ein schwäbischer Beamter mitgeteilt. Das Ansinnen: mit einem ausländischen Bachelor, aber ohne deutsches Abitur ein Studium beginnen zu wollen. Dass das geht, hat Fione mittlerweile bewiesen - und eine externe Prüfung zur „fächergebundenen Zulassung“ abgelegt hat sie auch. Die Gebühren für Prüfungen, Beglaubigungen und Zulassungen konnte sie dank eines Stipendiums der Stiftung bezahlen. Die zeitraubenden Hindernisse hätten sie eher bestärkt, sagt sie. Ihr Fach und ihren Studienort hat sie ganz bewusst gewählt: Vom Wintersemester an studiert sie an der Universität Tübingen Musikwissenschaft.

          2008 ist Fione an das Ballett des Staatstheaters Wiesbaden gekommen, ausgebildet in Mannheim bei Birgit Keil, dann an der National Ballet School in London und schließlich in der Schule des Hamburger Balletts von John Neumeier. Erst zwei Jahre zuvor hatte sie, nach einer Station in der Nachwuchsschmiede Europa Danse, ihr erstes Engagement am Ballett der Staatsoper Hannover angetreten.

          Traumziel Profi: Fione Rettenberger als Tanzkind.

          Dann kam die Ära Thoss in Wiesbaden, ein intensiver, kraftvoller Tanzstil und Ballette, die Psychologie, Philosophie, Kunstgeschichte reflektieren. Eigentlich ein guter Ort für eine junge Frau, der das Tanzen meist etwas zu wenig war, die Klavier und Geige spielt, fotografiert und schreibt. „Ich hatte immer das Bedürfnis, meinen geistigen Hunger zu stillen“, sagt Fione. Die Eltern, beide Akademiker, hatten ohnehin Schwierigkeiten mit ihrem Berufswunsch.

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