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Zeitzeugen der NS-Zeit : Eingespieltes Duo im Dienst der Erinnerung

Ende der achtziger Jahre: Die Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn (links) und die Widerstandskämpferin Irmgard Heydorn Bild: Adrian Oeser

Irmgard Heydorn und Trude Simonsohn gehören zu den wichtigsten noch lebenden Zeugen der NS-Zeit. Das dokumentiert nun auch eine Internetseite.

          In Schulen geht die Widerstandskämpferin Irmgard Heydorn schon lange nicht mehr. Ihre Gesundheit lässt das nicht mehr zu. Und auch ihre Freundin Trude Simonsohn, die so oft mit ihr zusammen Schülern von der NS-Zeit und dem Holocaust berichtet hat, macht sich zusehends rar. Jetzt sind die beiden alten Damen, die einst ein eingespieltes Zeitzeugen-Duo gebildet haben, noch einmal öffentlich aufgetreten. In der Bildungsstätte Anne Frank in Eschersheim konnten sie sich zwei Stunden lang selbst betrachten und ihren eigenen Worten lauschen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn der ausgezeichnete Interview-Film „Eine Ausnahme“, den Adrian Oeser gedreht hat, handelt von Heydorn und Simonsohn. Genauer gesagt: Er lässt die beiden Freundinnen von ihren Erlebnissen während der NS-Zeit erzählen. Vor zehn Jahren hat Oeser zum ersten Mal den Berichten der beiden gelauscht - als Schüler des Bertolt-Brecht-Gymnasiums in Darmstadt. Er war von den Damen so angetan, dass er sie noch während seiner Schulzeit vor der Kamera interviewte. Der 2007 fertiggestellte Film „Eine Ausnahme“ wird seither in der Bildungsarbeit eingesetzt.

          Heydorn spielt gerne die Rolle des „Bad Cops“

          Nun hat Oeser aus dem Streifen und nicht verwendetem Filmmaterial sowie Foto- und Textdokumenten eine Web-Site zusammengestellt und eine DVD herausgebracht. Sie geben Heydorn und Simonsohn nicht nur mehr Raum als der Film, sondern halten auch Zusatzinformationen und -dokumente zur NS-Zeit bereit. Filme können Augenzeugen nicht ersetzen. Wer einmal Heydorn und Simonsohn bei einem Auftritt vor einer Schulklasse erlebt hat, weiß das.

          Heydorn, die als Mitglied der Widerstandsgruppe „Internationaler Sozialistischer Kampfbund“ in Hamburg Kopf und Kragen riskiert hatte, war oft viel ungnädiger mit den Deutschen als Simonsohn. 99 Prozent von ihnen seien mitgelaufen und hätten nachher von nichts gewusst oder sich sogar als Judenfreunde und heimliche Widerstandskämpfer gebrüstet, klagt sie im Film. Bei den Zeitzeugen-Auftritten spielte Heydorn gerne ein wenig die Rolle des „Bad Cops“, wie man ihn aus amerikanischen Kriminalfilmen kennt.

          Zwei unterschiedliche Ausgangslagen

          Der „Good Cop“ war Simonsohn, die den jungen Menschen immer sagte, dass sie keine Schuld am Holocaust trügen, aber Verantwortung für die deutsche Geschichte übernehmen müssten. In Oesers Film erzählt sie noch einmal ihre Geschichte, die sie, die Tschechin, von einem deutschen Realgymnasium im mährischen Olmütz zur zionistischen Jugendbewegung, dann ins Gestapo-Gefängnis, anschließend ins KZ Theresienstadt, schließlich ins Vernichtungslager Auschwitz führte. Wenn Simonsohn von ihren Erlebnissen dort, von dem Marsch ihrer Häftlingsgruppe nach Westen und schließlich ihrer Befreiung durch russische Soldaten erzählt, scheint sie sich nicht mehr in der Gegenwart aufzuhalten, sondern das Vergangene noch einmal zu durchleben.

          Die beiden Frauen sind entschieden gegen die Nazis gewesen. Aber ihre Ausgangslagen waren grundverschieden. Für eine tschechische Jüdin, deren Land von den Deutschen okkupiert worden war und deren jüdische Landsleute deportiert wurden, waren die Deutschen zwangsläufig die Feinde. „Ich hatte keine Wahl“, sagt denn auch Simonsohn.

          Heydorn dagegen hätte sich als „Arierin“ auch auf die Seite des Regimes schlagen können. So wie das fast alle Deutschen damals getan haben. Doch sie, die aus einer sozialistisch gesinnten Familie stammte, blieb unbeirrt: „Ich war gegen die Nazis, weil ich wusste, dass sie die Katastrophe bedeuteten.“ Widerstandskämpfer wie sie waren in der neuen Bundesrepublik freilich nicht immer gern gesehen. Schließlich waren sie der lebende Beweis dafür, dass man sich nicht hätte anpassen müssen. Bis in die jüngste Gegenwart sah sich Heydorn dem Vorwurf ausgesetzt, sie und ihr Mann, ein Wehrmachts-Deserteur, seien Volksverräter gewesen. In Oesers Film erinnern sich Heydorn und Simonsohn in diesem Zusammenhang an einen denkwürdigen Auftritt in einer Schule.

          Gewiss wäre es besser, wenn die beiden Freundinnen weiter gemeinsam als Zeitzeugen auftreten könnten. Aber Oesers Web-Projekt oder seine DVD sind gar kein schlechter Ersatz. Die Ausstrahlung von Heydorn und vor allem von Simonsohn hat sich auch in der elektronischen Aufzeichnung nicht verflüchtigt. Sie und ihre Erzählungen leben weiter.

          Quelle: F.A.Z.

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