18.02.2012 · Immer mehr Fitnesswillige versuchen sich mit einer Mischung aus Aerobic und lateinamerikanischen Tänzen. „Zumba“ ist zumindest für seine Erfinder eine Erfolgsgeschichte.
Von Julia Kern, FrankfurtNach kaum zehn Minuten beschlagen die Fenster, wenig später sogar die großen Spiegel an der Wand. Dutzende Frauen lassen ihre Hüften zu karibischen Klängen kreisen, die bis auf die Straße dröhnen. Der Winter hat Frankfurt fest im Griff, im Tanzstudio herrscht tropische Atmosphäre. „Ab der ersten Minute fühlt man sich wie im Urlaub“, sagt Stephanie Förstl.
Vor einem halben Jahr hat die 32 Jahre alte Bayerin diesen neuen Sport für sich entdeckt: Zumba, eine Mischung aus Aerobic und den Grundschritten lateinamerikanischer Tänze. Viele haben schon davon gehört, knapp drei Millionen Freunde hat der Sport auf Facebook. Zumba ist aber nicht der Name einer Sportart, sondern eine eingetragene Marke. Das amerikanische Unternehmen bezeichnet sein Konzept selbst als „größtes und aufregendstes Tanz-Fitnessprogramm der Welt“. In Amerika entwickelte sich Zumba schon vor Jahren zum Trendsport. Auch in Deutschland bieten mittlerweile viele Fitnessstudios Kurse an. Und viele Fitnesstrainer haben sich schon darauf spezialisiert: Daniela Kühnert und ihr Ehemann unterrichten seit drei Jahren, die Teilnehmerzahl ihrer Kurse ist im vergangenen Jahr stetig gestiegen - meist sind sie schon Monate im Voraus ausgebucht.
Karina Bochow ist Zumba-Neuling. Von einer Kollegin hat sie davon erfahren, überzeugt haben sie die geschickt plazierten Werbevideos auf Youtube. „Das hat nach guter Laune ausgesehen“, sagt sie. Ein wenig Erfahrung bringt sie mit, früher tanzte sie in einem Verein. Auch sonst sei sie recht fit, meint sie. Ihr gefällt die Mischung aus Aerobic und Tanz: „Da kann man Spaß mit Sport verbinden.“ Nach ersten Versuchen auf dem Campus der Universität Frankfurt beschloss sie, Zumba auszuprobieren.
Bei Trainerin Daniela kosten zehn Unterrichtsstunden 60 Euro. Viermal in der Woche finden Kurse statt, die Teilnehmer können kommen, wann und so oft sie wollen. Karina hat heute das erste Kreuzchen auf ihre Zehnerkarte gesetzt, sie ist bereit für das Experiment. Ein bisschen skeptisch wirkt die Achtundzwanzigjährige vor Beginn der Stunde aber dennoch. Ob Zumba ihre Erwartungen erfüllen kann, wird sich erst zeigen.
19 Uhr. Die Trainerin begrüßt ausschließlich Teilnehmerinnen - Männer scheinen sich bedeutend weniger mit dem neuen Trend anfreunden zu können. Im Tanzstudio ist jeder per Du, die meisten kennen sich schon aus dem vorigen Kurs. Aus der Musikanlage ertönt eine Mischung aus Salsa-Klängen, Trompetenkonzert und Technobass. Schultern nach vorne, Hüften nach hinten, Kopf nach links. Die Trainerin gibt ihre Befehle in einer Lautstärke, die einem Ausbilder vor seinen Rekruten gleicht. „Runter!“, „Woo!“, „Take it to the floor!“
Und das ist erst die Aufwärmphase. In drei Reihen hüpfen Frauen, in der Spanne zwischen Erstsemester und Renteneintrittsalter, von rechts nach links, schwingen dazu die Arme im Kreis. Die Schritte wechseln schnell, doch Daniela muss wenig erklären, die meisten sind nicht zum ersten Mal hier. Nur wenige stolpern etwas unbeholfen durch den Raum oder kollidieren nach einer etwas überschwänglichen Drehung mit der Nachbarin.
Der Sport erfordert nicht nur Durchhaltevermögen, sondern auch Koordination. Während im klassischen Aerobic dieselben Bewegungen immer wiederholt werden, erhält beim Zumba jedes Lied seine eigene Choreographie, die mit jeder Stunde etwas schwieriger wird.
Mit dieser Fitnessmethode hat der Kolumbianer Alberto Perez, seinerzeit Choreograph der Sängerin Shakira, bewiesen, dass man mit dem richtigen Einfall viel Geld machen kann. Dem Mythos zufolge hatte er an einem Tag Mitte der neunziger Jahre die Musik für seinen Aerobic-Kurs vergessen. Kurzerhand verwendete er, was er im Auto fand: Kassetten mit Salsa, Mambo, Chachacha. Seine Schüler waren angeblich begeistert, Zumba war geboren. 2001 siedelte Perez nach Miami um, wo er auf zwei tüchtige Geschäftsleute traf. Die erkannten in der Aerobicvariante eine lukrative Geschäftsidee, produzierten eine DVD mit einfachen Schritten und vertrieben sie über einen Homeshopping-Kanal. Weit mehr als zehn Millionen Stück wurden inzwischen verkauft.
Im Tanzstudio in Frankfurt an der Hanauer Landstraße nähert sich die Stunde ihrem Höhepunkt, die Gesichter röten sich zusehends. Einen Schluck trinken können die Teilnehmerinnen lediglich in den wenigen Sekunden zwischen den Liedern; auch hier beweist das Unternehmen sein Marketinggeschick, in fast jedem Text geht es irgendwie um Zumba.
Gegen 19.40 Uhr ist es Zeit für einen Merengue. „Ist ganz einfach, nur anstrengend“, erklärt Daniela. In ihrer neongrünen Hose und dem nicht weniger leuchtenden Shirt, auf dem unübersehbar zu lesen steht, um was es hier geht, springt sie gutgelaunt auf und ab. Wer den Sport unterrichten will, muss eine zweitägige Schulung mitmachen, die rund 400 Euro kostet. Danach erteilen die Veranstalter eine offizielle Trainerlizenz. Danielas Mann flog dazu noch nach Chicago, erst seit zwei Jahren können Interessierte die Schulung in Deutschland absolvieren. Monatlich entrichten Zumba-Trainer einen Mitgliedsbeitrag, dafür erhalten sie Werbematerial und Sportkleidung. Jeder entscheidet selbst, wo, wie, wann und zu welchem Preis er unterrichtet. Die regelmäßige Teilnahme an weiterhin kostenpflichtigen Fortbildungen ist jedoch „erwünscht“. Zusätzlich gibt es Kurse für Kinder, Senioren oder Aqua Zumba im Schwimmbecken; auch dafür müssen Trainer eine Lizenz vorweisen können.
Die sportbegeisterte Stephanie Förstl hat viele Aerobic-Sportarten kommen und gehen sehen. Deshalb glaubt sie, dass auch Zumba bald wieder vergessen sein wird. In der Tat erweisen sich diese Trends meist als kurzlebig. Es gibt keine einheitlichen Maßstäbe, jeder Trainer unterrichtet nach eigener Fasson. Und womöglich auch, weil man sich mit niemandem außer sich selbst und der Waage messen kann, verliert der ehrgeizige Sportler schnell das Interesse. Nach der Devise, der nächste Trendsport kommt bestimmt.
Karina aber zeigt sich nach ihrer ersten Stunde begeistert. Angeblich kann man in dieser Zeit bis zu 1000 Kalorien verbrennen, doch der anstrengende Teil ist für heute vorbei. Zur Auflockerung erklingen langsame Rhythmen aus der Musikanlage, die Muskeln müssen nach dem Training gedehnt werden. Ohne ihre Erfahrungen mit dem lateinamerikanischen Tanz hätte sie wohl nicht mithalten können, sagt Karina. „Zum Glück bin ich niemandem auf die Füße getreten.“
Sie lacht, wischt sich dabei den Schweiß von der Stirn. Nächste Woche will sie wiederkommen. Aber erst einmal geht es aus dem Südseeklima des Tanzstudios zurück in den Frankfurter Winter.
Sport der begeistert
Juliane Schmal (juliasport)
- 21.02.2012, 10:53 Uhr