http://www.faz.net/-gzg-79d9j

Zum Tode Moritz von Hessen : Er machte von sich kein Aufheben

  • -Aktualisiert am

Moritz von Hessen. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Kunstförderer, Familienmensch und Bewahrer von Geschichte: Moritz von Hessen ist im Alter von 86 Jahren gestorben.

          Die Besucher auf Schloss Wolfsgarten in Langen waren irritiert. Das Gemälde, das da hinter Moritz von Hessen an der Wand hing, kam ihnen vage bekannt vor. Endlich fiel der Groschen: „Ist das nicht der Mann vom Zehnmarkschein?“ „Ja, ja“, sagte der Gastgeber beiläufig, „das ist das Bildnis eines jungen Mannes, wahrscheinlich von Lucas Cranach dem Älteren.“ Er tat so, als sei das nichts Besonderes, er war überhaupt kein Mann großer Worte. „Tue Gutes und sprich wenig darüber“ - so könnte sein Lebensmotto gelautet haben, meinte gestern die stellvertretende Kirchenpräsidentin der EKHN.

          Umgeben von Kunstwerken solcher Güte lebte Moritz von Hessen, Oberhaupt des Hauses Hessen, zurückgezogen auf Wolfsgarten, jenem im englischen Stil gehaltenen Jagdschloss, in dem Benjamin Britten einen Teil seiner Oper „The Turn of the Screw“ geschrieben und wo der kunstsinnige Ludwig von Hessen-Darmstadt sich mit Golo Mann, Hans Werner Henze oder Dolf Sternberger umgeben hatte.

          Kunst und Antiquitäten ein Leben lang

          Ludwig und seine aus England stammende Frau Margaret hatten Moritz von Hessen-Kassel 1960 adoptiert und als Erben eingesetzt. Dadurch wurden die beiden seit 1567 getrennten hessischen Hauptlinien in Moritz wieder vereinigt. Moritz von Hessen war mit dem fast gesamten europäischen Hochadel verwandt. Er selbst war der Urenkel des deutschen Kaisers Friedrich III., des 99-Tage-Kaisers, dessen Witwe Kaiserin Friedrich, eine Tochter der Queen Victoria, ihren Alterssitz im heutigen Schlosshotel Kronberg nahm. Moritz’ Mutter Mafalda von Savoyen war eine Tochter des Königs Viktor Emanuel III. von Italien. Regelmäßig verbrachte Moritz von Hessen auf Einladung des britischen Königshauses im Sommer einige Wochen auf Schloss Windsor. Mit seiner geschiedenen Frau Tatiana Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg hat Moritz von Hessen vier Kinder: Mafalda, Elena, Philipp und Heinrich Donatus, der in Kronberg die Hessische Hausstiftung leitet und nun Chef des Hauses Hessen wird. Der Stiftung gehören die Schlösser Wolfsgarten und Fasanerie in Eichenzell bei Fulda, die beiden Luxushotels Hessischer Hof in Frankfurt und Schlosshotel Kronberg, das Weingut Prinz von Hessen im Rheingau und das Gestüt Panker in Schleswig-Holstein,

          Moritz, am 6. August 1926 auf Schloss Racconigi in Piemont geboren, studierte Landwirtschaft und leitete lange das Gut Panker. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit Kunst und Antiquitäten. In dem schönen Barockschloss Fasanerie ist ein Großteil der Kunstschätze beider hessischer Linien zusammengetragen, vor allem die Antikensammlung und das Porzellan sind von kunsthistorischer Bedeutung. Als geschätzten Kunstförderer und Bewahrer hessischer Geschichte würdigte ihn dann gestern auch Ministerpräsident Volker Bouffier; schon 1999 erhielt Moritz von Hessen die Wilhelm-Leuschner-Medaille.

          Moritz von Hessen war kein gefälliger Plauderer, aber ein herzlicher, an anderen interessierter Mensch. Von sich machte er wenig Aufheben; wenn er in „seinem“ Hotel Hessischer Hof zu Mittag aß, saß er bescheiden am Rande und wollte nicht anders behandelt werden als jeder andere Gast. Er wusste um die Geschichte seines Hauses, ohne Adelsstolz zu verbreiten. Wer ihn im Kreise seiner weitläufigen Familie erlebte, spürte, dass ihn tiefe Bande mit ihr verknüpften. Das Alter machte dem ungebeugten Mann zu schaffen, er atmete mühsam. Am Donnerstag ist er in einem Frankfurter Krankenhaus im Alter von 86 Jahren gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Ich war am Ende nur noch ein Wrack Video-Seite öffnen

          Video-Serie „Frankfurt & ich“ : Ich war am Ende nur noch ein Wrack

          Seit über zehn Jahren ist Thomas Adam trocken und erzählt auf Stadtführungen durch sein ehemaliges „Sauf- und Bettelgebiet“ seine Geschichte von der Straße. FAZ.NET hat Adam für die Video-Serie „Frankfurt & ich“ begleitet.

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Lindner: Wir fühlten uns gedemütigt

          Im Interview mit der F.A.Z. spricht der FDP-Vorsitzende über die Gründe für den Ausstieg aus den Jamaika-Sondierungen. Vor allem einer Partei wirft Christian Lindner fehlende Kompromissbereitschaft vor.
          Keine Zeit für Grokodilstränen: Sigmar Gabriel und Martin Schulz am Dienstag im Bundestag

          SPD nach Jamaika-Aus : Einmal Opposition und zurück

          Nach dem Paukenschlag wird in der SPD noch einmal neu nachgedacht. Es gelte, Neuwahlen zu vermeiden – heißt es hinter vorgehaltener Hand. Behutsam müsse man die Partei auf eine Regierungsbeteiligung vorbereiten. Nur wie?
          Heute ein seltenes Phänomen: Steiger in Deutschland.

          Letztes Bergwerk im Ruhrgebiet : Schicht im Schacht

          Auf Prosper-Haniel, der letzten Zeche im Ruhrgebiet, bereiten sich die Arbeiter auf die Schließung vor. Von 2700 Mitarbeitern werden viele in den Vorruhestand gehen, andere sich neue Jobs suchen. Die Pumpen unter Tage aber müssen weiterlaufen – für immer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.