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Zugefrorener Fluss Glühweinstände mitten auf dem Rhein

Der Rhein war 1963 unter einer Eisdecke verschwunden. Hunderte Schiffe lagen fest, und selbst Eisbrecher schafften es nicht, die Fahrrinne frei zu halten. Dass der Strom noch einmal zufriert, ist unwahrscheinlich.

© dpa Vergrößern Erstarrt: Eisschollen bedecken im Januar 1963 den Rhein zwischen St. Goar und Rüdesheim.

Wenige Tage vor seinem fünften Geburtstag ging Leo Gros das erste Mal übers Wasser. An der Hand des Onkels marschierte der Rheingauer Bub auf das Eis, zu dem der Rhein erstarrt war. Und er war nicht der Einzige. An Tagen wie diesem zog es ganze Völkerscharen auf den Strom, um das Naturschauspiel selbst zu erleben.

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Für Kinder waren diese Tage ein großer Spaß, für Anwohner eine kurzweilige Episode, für Schifffahrt und Wirtschaft aber jedes Mal eine kleine Katastrophe. Das letzte Mal stockte der Strom im Januar 1963. Eisschollen verkanteten sich in Höhe der Loreley, die Strömung verlor im Mittelrheintal an Kraft, und der Fluss fror zu.

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Berlin meldete minus 32 Grad

Trockenen Fußes vom linken zum rechten Ufer zu wandern, das war bis dahin jeder Generation meist mehrmals vergönnt. Zwischen 1803 und 1815 soll der Fluss zumindest abschnittsweise fast jährlich zugefroren gewesen sein, für die Zeit danach haben Heimatforscher weitere fast 20Jahre ermittelt, in denen eine geschlossene Eisdecke notiert wurde.

Im 20.Jahrhundert wurden diese Ereignisse seltener. Im kollektiven Gedächtnis verankert haben sich vor allem die drei Wochen zwischen dem 14 .Februar und dem 4. März 1929, als deutschlandweit besonders eisige Temperaturen herrschten. Berlin meldete minus 32 Grad. Für Rüdesheim notierte Stadtarchivar Rolf Göttert in seinen „Notizen aus dem Stadtarchiv“ weitere Eisgänge in den Jahren 1941 und 1942, danach wieder 1954 und 1956. Vor allem 1954 war der Rhein auf einem mehr als 40Kilometer langen Abschnitt zwischen Rüdesheim und Loreley zu Eis erstarrt, zwei Jahre später noch weiter in den Rheingau hinein bis nach Mainz.

„Eisstange“ von 270 Kilometern

Historische Bilder aus dem Jahr 1929 zeigen Schiffer, die ihre Nachen vor dem Eis an Land retteten. Nach alter Tradition stellten Küfer auf dem zugefrorenen Rhein über offenem Feuer zur Erinnerung ein Weinfass fertig. Und Gastronomen eröffneten mitten auf dem Fluss Glühweinstände, damit Spaziergänger sich aufwärmen konnten, die auf markierten Pfaden bis zum Binger Mäuseturm und ans andere Ufer liefen.

Anfang Februar 1963 berichtete das Physikalische Institut der Universität Freiburg vom „strengsten europäischen Winter seit 73 Jahren“. In Deutschland herrschten über längere Zeit Temperaturen von mehr als minus 20Grad. Die Bayerische Landesstelle für Gewässerkunde meldete den deutschen Donau-Abschnitt als nahezu vollständig zugefroren. Eine „Eisstange“ von 270 Kilometern sei die längste seit Beginn der Messungen in Bayern, hieß es damals.

Militärlastwagen für Öltransporte

Auf dem Main war die Eisdecke stellenweise einen halben Meter dick. Zwar blieb der Rhein zwischen Karlsruhe und Wiesbaden trotz mancher Eisscholle noch befahrbar, aber flussabwärts zwischen Rüdesheim bis zur Loreley bei St.Goar kam die Schifffahrt zum Stillstand. Die Folge waren Versorgungsengpässe nicht nur in der Rhein-Main-Region, weil Frachter mit Öl und Kohle in den Häfen liegenbleiben mussten und von einer Eisbarriere eingesperrt wurden. Der Heizölpreis kletterte um 20 Prozent über den Vorjahrswert. Die amerikanischen Streitkräfte stellten 80 Militärlastwagen für Öltransporte bereit.

Für diese Zeitung berichtete am 25.Januar 1963 der Schriftsteller, Frankfurt-Chronist und Journalist Heinrich Heym: „Denkt nur, es ist jetzt der Main zugefroren. 110 Schiffe liegen im Hafen, und viele Leute wissen nicht, ob sie in vierzehn Tagen noch heizen können.“ Die zugefrorenen Schleusen bei Frankfurt-Griesheim und Offenbach wurden zu unüberwindbaren Hindernisse. Die Reeder beklagten Millionenverluste. 2000 Schiffe lagen fest in 30 Häfen zwischen Karlsruhe und Oberwinter.

Dass es das letzte Mal sein sollte, war damals nicht absehbar

Nördlich von Lorch bildete sich sogar Grundeis. Um den Rhein wieder zu öffnen, ließ Rheinland-Pfalz die drei Eisbrecher „Nobeling“, „Reiher“ und „Josef Langen“ anrücken, die in Höhe der Loreley aber an den Eisschollen scheiterten. „Gefährlicher Eisstau an der Loreley“, berichtete diese Zeitung am 23. Januar. Schließlich wurde das Eis gesprengt.

Dass es das letzte Mal sein sollte, war damals nicht absehbar. Vom Klimawandel war noch keine Rede, doch dessen Folgen halten den Strom heute in Bewegung. Die Einleitung vergleichsweise warmer Abwässer trug ebenso zur Temperaturerhöhung des Stroms bei wie die Abwärme großer Kraftwerke, die den Rhein zum Kühlen nutzen. Der Salzgehalt stieg zeitweise wegen der Abwässer aus Kaligruben im Elsass. Schließlich erhöhte sich auch die Strömungsgeschwindigkeit durch den Ausbau.

„Aber ich sag niemals nie“

1964, ein Jahr nach dem letzten Eisgang, begann an 18 Stellen der Um- und Ausbau der Mittelrheinstrecke zwischen Mainz und Oberwesel. Unter den Schiffsbesatzungen berüchtigte, weil gefährliche Felsgruppen auf dem Grund wie die „Sieben Jungfrauen“ wurden beseitigt. Aus dem Felsenriff des „Binger Lochs“ wurde ein weiteres Stück herausgesprengt und die Fahrrinne verbreitert und vertieft. Das „Binger Loch“ hatte seinen Schrecken verloren, und die bis dahin unverzichtbaren Rheinlotsen jede Perspektive, denn die Lotsenpflicht gehörte für alle Rheinschiffe bald der Vergangenheit an.

Im März 1974 wurde der Rheinausbau abgeschlossen, den ursprünglich der badische Offizier und Ingenieur Johann Gottfried Tulla initiiert hatte. Vor der Rheinbegradigung nach Tullas Plänen zwischen 1817 und 1874 war das Zufrieren des Rheins noch ein häufiger zu beobachtendes Phänomen. 1740 soll der Fluss sogar zehn Wochen lang völlig zugefroren gewesen sein.

Ob der Rhein überhaupt noch einmal zufrieren kann? Dem Chemieprofessor und Heimathistoriker Leo Gros ist sein erster Eisgang von 1956 nachdrücklicher in Erinnerung geblieben als der letzte 1963. Dass er den Rhein so noch einmal erleben wird, hält er für wenig wahrscheinlich. „Aber ich sag niemals nie.“

Quelle: F.A.Z.

 
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