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Zeugen Jehovas Flucht zu den Weltmenschen

 ·  Der Mann bestimmt und die Bibel, so sehen die Zeugen Jehovas das. Wer dazu eine andere Sicht gewinnt, hat es im Leben schwer.

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Sie werde gerade erwachsen, sagt sie. Annabell Schäfer hat zart geschminkte Lippen, sie spitzt sie, wenn sie sich freut. An dem Tag zum Beispiel, an dem es Sekt gibt und Kuchen und Glückwünsche und Geschenke. Da wird sie 45 Jahre alt, und sehr viele Geburtstagsfeste hat sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefeiert.

Annabell wurde in eine Sekte hineingeboren. Seit drei Generationen gehört ihre Familie den Zeugen Jehovas an, auch sie selbst war 40 Jahre lang Mitglied der umstrittenen Glaubensgemeinschaft. Dann ist sie ausgestiegen, als erste und einzige ihrer Familie. Seitdem versucht sie, sich unter den „Weltmenschen“, wie Nicht-Zeugen innerhalb der Sekte genannt werden, zurechtzufinden. Es ist schwer. Weil sie unter Ängsten leidet und unter Depressionen. Weil das Leben in der Gemeinschaft ein ganz anderes war, als ihr jetziges ist. Wer, wie die Zeugen Jehovas, jeden Moment mit dem Weltuntergang rechnet, schließt keine Lebensversicherung ab. Sorgt nicht vor. Lernt nicht für Abschlussprüfungen, studiert nicht.

Ein Austritt sei „problemlos möglich“

Harmagedon, der Weltuntergang, wie er in der Offenbarung des Johannes geschildert wird, hat für die rund 180.000 Zeugen Jehovas in Deutschland zentrale Bedeutung. Alles dreht sich bei ihnen um den finalen Vernichtungsschlag Gottes gegen die Ungläubigen, den ihrer Lehre nach nur sie selbst überleben. Einige werden dann zusammen mit Christus eine Himmelsregierung bilden, die anderen werden im Paradies auf Erden leben. Vor diesem Tag gilt es, noch möglichst viele Ungläubige zu missionieren. Pionierdienst heißt die Aufgabe, an Türen zu klingeln und zu versuchen, Bibeltexte unter die Leute zu bringen, jeder muss eine bestimmte Anzahl von Stunden in diesem Dienst leisten.

Auch für Annabell war der Pionierdienst wichtiger als alles andere, dennoch hat sie, als sie noch Mitglied der Zeugen Jehovas war, eine Ausbildung gemacht. Heute arbeitet sie in einem Büro. Dass sie durch den Beruf mit einem Bein in der Realität stand, hat ihr später geholfen, sich von der Sekte zu lösen, denn sie konnte, anders als viele andere Frauen, ihr Leben selbst finanzieren. Eigenen Angaben nach haben die Zeugen Jehovas in Deutschland 220.000 Mitglieder, darunter 170.000 sogenannte Missionsaktive. In Hessen sind es 12.500, im Raum Frankfurt gibt es etwa 2050 Zeugen Jehovas. Wolfram Slupina vom Informationsbüro der Glaubensgemeinschaft in Selters sagt, ein Austritt sei „problemlos möglich“, man müsse lediglich die Ältesten der Versammlung schriftlich oder mündlich informieren.

Sekte „mit regelrecht faschistischen Strukturen“

Der Münchner Psychologe Dieter Rohmann ist einer der wenigen Therapeuten in Deutschland, die sich auf Sektenaussteiger spezialisiert haben. Er nennt die Zeugen Jehovas eine gefährliche Sekte „mit regelrecht faschistischen Strukturen“. Wer sich von ihr Gemeinschaft abwende, werde verachtet und gehe aller seiner Kontakte verlustig, oft seien Aussteiger suizidgefährdet.

Gefragt, welche Konsequenzen ein Austritt aus der Gemeinschaft habe, verweist ihr in Selters auf einen im Internet nachzulesenden Text. In dem heißt es unter anderem: „Wenn sich jemand eines schweren Fehlverhaltens schuldig macht (z. B. Trunkenheit, Diebstahl oder Ehebruch) und daran festhält, wird er aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und ehemalige Glaubensbrüder vermeiden den Umgang mit ihm. Es wird alles getan, um zu helfen, doch wenn jemand keine Reue zeigt, muss die Versammlung vor schlechtem Einfluss geschützt werden. Die Bibel sagt klar und deutlich: ,Entfernt den bösen Menschen aus eurer Mitte‘ (1. Korinther 5:13).“

Er ist ein guter, ein „braver“ Zeuge

Annabell hat einen Sohn. Jakob ist, genau wie ihr Mann, noch immer Mitglied der Sekte. Er ist ein guter, ein „braver“ Zeuge. Sie selbst hat ihn einst dazu gemacht. Ihren Mann habe sie aufgegeben, sagt sie doch dem Sohn will Annabell jetzt vorleben, dass ein freies Leben möglich ist. Angst hat sie davor, dass Jakob sich mit der Heirat einer „braven Zeugin“ noch stärker an die Sekte binden könnte.

Annabell, eine zierliche, blonde Frau, spricht klar und reflektiert. Sie berichtet von ihrer Vergangenheit, und mitunter fällt es schwer zu glauben, dass es nicht ihr Verstand war, der sie aus der Sekte trieb, sondern ihre Ehe.

Mit „Weltmenschen“ lediglich im Büro in Kontakt

Ihren Mann hat sie beim Predigtdienst kennengelernt. Weil Sex ohne Trauschein genauso wie das uneheliche Zusammenleben von Mann und Frau bei den Zeugen Jehovas streng verboten ist, haben es viele Paare eilig mit der Heirat. So auch Peter und Annabell, für die mit der Ehe ein Martyrium beginnt, das 18 Jahre währen wird. Schon in den ersten Tagen hat Peter den ersten Wutanfall. Er schlägt sie und vergewaltigt sie, später betrügt er sie. Sie kann mit niemandem drüber sprechen; Scheidung, sagt sie, sei keine Option bei den Zeugen, sondern eine Schande - auch wenn Ehen grundsätzlich geschieden werden können, etwa wegen Ehebruchs. Und ihr Leben habe sich nur innerhalb der Sekte abgespielt. Mit „Weltmenschen“ kommt sie lediglich im Büro in Kontakt, so wie andere Sektenmitglieder sie nur an Türschwellen und in Fußgängerzonen sehen, wo das Magazin der Zeugen, der „Wachtturm“, verteilt wird.

„Du sollst demütig sein“, steht in der Bibel. Peter wird Mitglied der Ältestenversammlung. Ein ehrenvolles Führungsamt, das wie so vieles bei den Zeugen Jehovas Männern vorbehalten ist. Die Hierarchien sind klar: Frauen sollen sich zwar in der Gemeinde engagieren, führende Ämter und entscheidungsrelevante Posten dürfen sie aber nicht ausüben. Die Bühne gehört den Männern, auch in den Familien: Die Frau muss sich dem Mann, die Kinder müssen sich den Eltern unterordnen. Denn so, sagen die Zeugen Jehovas, so stehe es in der Bibel.

Von einem Tag auf den anderen beginnt sie, ihr Leben zu hinterfragen

Heute ist Annabell geschieden. In einer Nacht vor fünf Jahren hat sie verstanden, dass sie wegmuss von dem Mann, der ihr den Atem nimmt. Zum Ende der Ehe verschlimmert sich ihr Asthma so sehr, dass sie mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus kommt. Annabell wendet sich an ihre Freunde, doch sie haben kein Verständnis. Eine Frau, sagen sie, verlässt ihren Mann nicht. Da hört sie auf, zu den Versammlungen zu gehen. Von einem Tag auf den anderen beginnt sie, ihr Leben zu hinterfragen.

Inzwischen liegen Psychotherapien, Klinikaufenthalte und viele Gespräche mit anderen Aussteigern hinter ihr. Bald will sie Harry Potter lesen - ein Buch, das bei der Glaubensgemeinschaft auf dem internen Index stand. „Ich habe ein bisschen Angst“, gesteht sie, aber sie traut sich immer mehr. Vieles, was für „Weltmenschen“ alltäglich ist, erlebt sie zum ersten Mal. Geht ins Theater, ins Kino und in Kunstausstellungen. Treibt Sport, hat Sex und verschlingt klassische Literatur und wissenschaftliche Texte. Lange haben die Bibel und der „Wachtturm“ ihr Leben bestimmt, jetzt liest sie den „Zauberberg“, schaut Nachrichten, blättert durch Zeitungen und flucht voller Freude, mit richtig derben Ausdrücken. „Fluchen ist Freiheit“, sagt sie, und das sie an sich „einen Hang zum Exzessiven“ feststelle, der „ manchmal mit meiner altersbedingten Reife kollidiert“. Aber es will ja auch ein halbes Leben nachgeholt werden.

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Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr