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Zeugen Jehovas : Andächtige Ruhe im Fußballstadion

  • -Aktualisiert am

Nase zu und durch: Taufszene in der WM-Arena. Bild: Cunitz, Sebastian

Die Zeugen Jehovas tagen auch in diesem Jahr wieder in der Arena im Stadtwald. 90 von ihnen lassen sich im Schwimmbecken taufen.

          17.000 Menschen sitzen still auf ihren Plätzen - und das ausgerechnet in einem Fußballstadion. Selbst die vielen kleinen Kinder sind so gut erzogen, dass sie keinen Mucks von sich geben. Nur einer spricht unten auf dem Rasen an einem Rednerpult. Sein Konterfei wird per Video auf den Würfel an der Stadiondecke übertragen. In seinen kurzen Sprechpausen kann man förmlich das Krakeln von Stiften auf Papier hören. Denn die Zuhörer schreiben eifrig mit. Bisweilen unterbrechen sie die Mitschrift, um zu applaudieren. Nein, es handelt sich nicht um eine Vorlesung, sondern um den Jahreskongress der Zeugen Jehovas in der WM-Arena.

          Jeder der Anwesenden trägt eine kleine Taschenbibel bei sich, die praktisch in einem Ledereinband mit Reißverschluss steckt. Immer, wenn der Mann auf dem Fußballplatz eine Stelle aus dem Alten Testament zitiert, blättern 17.000 Menschen gleichzeitig die Pergamentseiten auf. Am Rande des Feldes steht ein rundes Bassin, das am Morgen noch mit Wasser gefüllt war. Es diente als Taufbecken für etwa 90 Täuflinge.

          Es gibt einen falschen Glauben

          Unter ihnen ist Susann Liegel. Die Dreißigjährige kam zur Ausbildung aus Sachsen Anhalt nach Frankfurt. Sie hat sich heute taufen lassen und ist damit eine neue „Schwester“ der Zeugen Jehovas geworden. „Das ist der richtige Weg. Es gibt nichts Schöneres“, sagt sie. „Vorher war ich überhaupt nicht gläubig. Deswegen hat es so lange bis zur Taufe gedauert.“Vor fünf Jahren besuchte sie zum ersten Mal eine Bibelstunde der Zeugen Jehovas. Einer ihrer Kommilitonen von der Frankfurt School of Finance hatte sie hergebracht. Ihre Eltern sind Atheisten. „Vermisst habe ich gar nichts“, sagt sie. „Ich habe tolle Eltern und eine super Kindheit gehabt.“ Aber die Versammlung der Zeugen habe sie „in Bann“ gezogen und sie dazu gebracht, mit ihrem Bibelstudium zu beginnen.

          Die Zeugen Jehovas glauben an die Bibel. Nur das, was in der Bibel steht, ist für sie wahr. So steht das Programm, das auf den Kongressen gleich abläuft, unter dem Motto „Gottes Wort ist Wahrheit“. Im Stadion pflegen alle einen zuvorkommenden Umgang miteinander. Sie betrachten sich als Mitglieder einer großen Familie und das Stadion als friedlichen Ort für einen Familiennachmittag. Jetzt wäre es doch schön, wenn auch die „Unerfahrenen“ an das Königreich Gottes glauben würden.

          Auf die Frage, ob es einen falschen Glauben gebe, entgegnet die Pressesprecherin: „Wenn das was in der Bibel steht, wahr ist, und Jehovas Zeugen sich genau daran halten, dann steht alles andere im Widerspruch dazu.“ Also ja, es gibt einen falschen Glauben. Nur wer die Grundannahmen dieser Lehren akzeptiert, kann ihrer Logik folgen. Was suchen diese vielen Menschen und was glauben sie hier zu finden? „Geistige Befriedigung, Antworten auf die Fragen des Lebens, Bestärkung und Gemeinschaft“, sagt die Sprecherin. Susann Liegels Eltern sind heute nicht gekommen. „In der geistigen Familie ist man nie allein“, sagt sie. Noch leben ihre Eltern nicht nach den Gesetzen der Bibel. Doch wenn es nach Susann Liegel geht, wird sich das in Zukunft ändern.

          Quelle: F.A.Z.

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