Home
http://www.faz.net/-gzg-75lp0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Zeitzeugen Wenn niemand mehr den Holocaust bezeugt

Die Generation der Zeitzeugen stirbt. Mit ihrem Verschwinden, das ist jetzt schon klar, wird sich die Erinnerungskultur verändern.

© Dreisen, Linda Vergrößern Die Zeit lässt die Zeugen verschwinden: Es gibt noch etwa 425.000 Holocaust-Überlebende. Mit ihnen könnte auch die Erinnerung an das Dritte Reich sterben.

Kann die Bitte um ein Paar Hausschuhe eine tiefere Bedeutung haben? Es kommt darauf an, wer sie sich wünscht: Im Oktober 1944 schrieb der Auschwitz-Gefangene Emil Behr seiner Frau Hedwig einen Brief. Die Zeilen sind eng beschrieben, der Stil ist fast stenographisch. In der Mitte des Blattes steht der Satz „Bitte ein paar Hausschuhe“. Hausschuhe in Auschwitz, dem Ort des „Zivilisationsbruchs“, wie es der Historiker Dan Diner ausdrückte?

Für den Germanisten Jesko Bender ist diese Bitte eine der eindrucksvollsten Passagen in den Briefen des jüdischen Gefangenen Emil Behr, die dieser aus dem Konzentrationslager an seine Familie in Mannheim schickte. Bender lehrt an der Goethe-Universität. Gemeinsam mit Monique Behr, Emils Enkelin, hat er die Ausstellung „Emil Behr - Briefzeugenschaft vor, aus, nach Auschwitz“ im Museum Judengasse kuratiert. Geht es nach Behr und Bender, soll die Briefzeugenschaft eine neue Methode der Geschichtsvermittlung werden, eine, die auch ohne Gespräche funktioniert. Denn die Generation der Zeitzeugen stirbt. Die Jewish Claims Conference geht davon aus, dass es nur noch etwa 425.000 Holocaust-Überlebende gibt.

Etwas Abstraktes

Zeitzeugen gelten als authentisch und als lebendige Verbindung zum Früher. Einige Forscher jedoch sehen ihr Auftreten - etwa in TV-Dokumentationen - kritisch, weil das nachträglich erworbene Wissen um die Geschichte die eigene Erinnerung verfärben kann. Einige Zeitzeugen hätten zum Beispiel berichtet, im Konzentrationslager vom Mediziner Josef Mengele selektiert worden zu sein, obwohl dies nicht stimmen könne, sagt Céline Wendelgaß, die in der Frankfurter Anne-Frank-Jugendbegegnungsstätte die Ausstellungen koordiniert. Sie rät deshalb, Schüler und Jugendliche auf Zeitzeugen-Gespräche vorzubereiten. Sie müssen wissen, dass es keine Historiker sind, die zu ihnen sprechen, sondern Menschen mit einer langen Leidensgeschichte, die ihre Empfindungen und Erinnerungen wiedergeben.

Der Essener Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer vertritt in seinem aktuellen Buch über die „Renovierung der deutschen Erinnerungskultur“ die These, dass sich die Geschichte des Nationalsozialismus mit dem Tod der Zeitzeugen etwas Abstraktes werde, dass sie erkalte. Die beiden Ausstellungsmacher Behr und Bender sagen: „Hätte ihr Tod größere Folgen für den Umgang der Deutschen mit der Vergangenheit, wäre das eine Armutserklärung.“ Möglicherweise verberge sich hinter dieser Angst auch der Wunsch, dass es endlich keine Autoritätsperson mehr gebe, die mahnend den Finger hebe.

Die Zusammensetzung der Gesellschaft ändert sich

Die Jugendlichen des Geschichte-Leistungskurses am Mainzer Theresianum sind achtzehn, neunzehn Jahre alt. Sie haben „Das Tagebuch der Anne Frank“ gelesen und „Schindlers Liste“ geguckt, manche gehören der Israel-AG des Gymnasiums an. Die Hälfte der Schüler sagt, noch Verwandte zu haben, die das Dritte Reich erlebt haben: den distanzierten Urgroßvater, der aus Stalingrad zurückkam, oder die immer traurig wirkenden Großeltern, die im Krieg geboren wurden. Das wird sich in absehbarer Zeit ändern.

Hinzu kommt, dass sich die Zusammensetzung der Gesellschaft ändert. Migranten haben aus Deutschland ein heterogenes Land gemacht. Alexander kam mit seiner Mutter als Dreijähriger aus Armenien nach Deutschland. Die Geschichte, die er im Unterricht lernt, ist nicht seine Geschichte. Er sagt, für ihn sei der Nationalsozialismus fast so steril wie der Dreißigjährige Krieg.

„Ich habe die schwere Aufgabe, von meiner Kindheit zu erzählen“

Noch im Herbst besuchten einige der letzten Holocaust-Überlebenden das Theresianum. Vorne im Biologie-Saal, neben dem Lehrerpult, hatten vier Frauen Platz genommen. Drei Polinnen, die in Konzentrations- und Arbeitslagern inhaftiert waren, eine Übersetzerin. Ein Strauß mit Herbstblumen stand auf dem Tisch. Fotos von Auschwitz wurden durch die Reihen gereicht, Aufnahmen von Stacheldraht, Etagenbetten, den Ruinen der Gaskammern.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Holocaust-Überlebende in Haifa Man muss leben weiter, kannst nichts machen

Ein Altenheim in Haifa. Die Bewohner erinnern sich an Elektrozäune und Todesmärsche. Und erzählen vom Trost in der Gemeinschaft, die auch die Grausamkeiten des zweiten Weltkriegs miterlebt hat. Mehr Von Jörn Klare

22.11.2014, 11:26 Uhr | Gesellschaft
Bundesstiftung in der Krise Flucht, Vertreibung, Verwirrung

Ein Direktor, dem man misstraut, eine Ausstellung ohne Sachverstand, brüskierte Berater, heftige Diskussionen: Was ist bei der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung los? Mehr Von Jürgen Kaube

15.11.2014, 17:14 Uhr | Feuilleton
Anschlag in Jerusalem Die Angst vor den einsamen Wölfen

In Jerusalem dreht sich die Gewaltspirale weiter. Die israelischen Sicherheitsbehörden müssen sich auf einen Feind einstellen, den sie nur schwer einschätzen und stoppen können: Palästinensische Einzeltäter. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem

18.11.2014, 20:58 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.01.2013, 19:39 Uhr

Der öffentliche Zugang zählt

Von Hans Riebsamen

Der Vorschlag, „entartete Kunst“ an das Museum zurückzugeben, dem sie entwendet wurde, würde einen riesigen Ringtausch nötig machen. Dabei kommt es nicht darauf an, in welchem Haus ein Werk zu sehen ist. Mehr 2