Liebeserklärungen
Alte Beatles-Fans scheinen Paul McCartney zu glauben. Kürzlich erst hatte er noch einmal öffentlich betont, dass die „Fab Four“ sich aus eigener Kraft zugrunde gerichtet hätten und Yoko Ono keine Schuld daran trage. Kein Mensch jedenfalls scheint ihr mehr gram zu sein. Im Gegenteil. John Lennons Witwe ist heute selbst Pop-Star. Deswegen schien sich am Mittwochabend auch kaum jemand, der je eine Beatles-Platte besessen hat, ihre Performance im Frankfurter Dominikanerkloster entgehen lassen zu wollen. Karten waren im Nu ausverkauft gewesen und wurden zum Schluss zu Schwarzmarktpreisen im Internet gehandelt.
Am Tag vor der Eröffnung von Yoko Onos großer Ausstellung in der Schirn Kunsthalle und fünf Tage vor ihrem 80. Geburtstag am 18. Februar galt der kaum zu bewältigende Ansturm zunächst ihrem auf das Jahr 1965 zu datierenden „Sky Piece to Jesus Christ“, das sich auf John Cages Initialen und damit auf ihn selbst bezieht. Dafür wurden Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie während ihres klassischen Spiels diesmal aber nicht von der Fluxus-Heldin, Konzept- und Minimalismus-Pionierin, sondern von Helferinnen mit Mullbinden umwickelt, bis ein Musizieren nicht mehr möglich war und die Musiker verpackt wie Mumien und teilweise miteinander verbunden die Bühne verließen. Über körperliche Fesseln ist der Geist erhaben, stand dabei im Raum.
Wie hat sie John Lennon kennengelernt?
Zierlich, in ihrer schwarzen Designer-Uniform aus Blazer, Hut und einer Sonnenbrille, die die Hälfte eines dennoch erkennbar alterslosen Gesichts verdeckte, trat dann aber auch Yoko Ono buchstäblich in Aktion. Mit dickem Pinsel, schwarzer Farbe und eckigen Bewegungen komponierte sie sekundenschnell so zarte wie kraftvolle Zeichen auf eine weiße Stellwand: kalligraphisches Action-Painting.
Keine Frage, dass während des nur einstündigen „Evening with Yoko Ono“ auch John Lennon irgendwie dabei war. Seine Witwe selbst vermied es nicht, in ihren märchenhaften Erzählungen hier und da wie beiläufig seinen Namen zu erwähnen, und ließ sich später bereitwillig fragen, wie sich eines der berühmtesten Paare der neueren Kulturgeschichte denn kennengelernt habe. Wie offenbar alles in Yoko Onos Leben sei auch dies eine Fügung des Himmels gewesen, antwortete sie standesgemäß. Das Gespräch mit ihren Anhängern war schließlich Teil einer Performance und keine simple Fragerunde. Dabei wurde aber auch klar, dass der überwältigende Zulauf nicht etwa heimlich dem Geiste John Lennons galt, sondern Yoko Ono längst selbst eine Lichtgestalt ist. Über Mikrofon und vor Zuschauern gestand man ihr mehrfach die Liebe, richtete Grüße von Freunden aus und bat einmal sogar um Berührung. Umgekehrt bedachte sie ihr Publikum mit universellen Lebensmotti: „Wer nicht gibt, wird krank“, lautet eines davon. Und dass Glück und Unglück Fragen der inneren Einstellung sind, scheint sich für sie ohnehin von selbst zu verstehen.
Partizipation des Publikums auch zum guten Schluss: Von den Scherben eines zerschlagenen Tontopfes durfte sich jeder eine mitnehmen. Unter der Auflage allerdings, sie zu einem nächsten Treffen mitzubringen. In zehn Jahren. Wenn der Himmel, das Schicksal und alles, was sich dazwischen denken lässt, es so wollen.
Eine schöne Welt
Ihre Botschaften sind von bestechender Klarheit. Und doch kann jederzeit von ihnen behauptet werden, sie seien die reine Avantgarde. „Jeder Mensch ist ein Künstler, alle haben kreative Potentiale, jeder muss nur er selbst sein“, formulierte Yoko Ono gestern in der Frankfurter Schirn mit entwaffnender Überzeugung in der Stimme eine Einsicht von Joseph Beuys um. Ein paar Stunden vor der Eröffnung der „Half-a-Wind Show“ betitelten Retrospektive auf ihr OEuvre gab sie, flankiert von Kuratorin Ingrid Pfeiffer und Schirn-Direktor Max Hollein, Auskunft über die Schau, ihr Kunstverständnis und ihre Weltsicht im Allgemeinen. Es war ein Auftritt der etwas besonderen Art: Bodyguards standen breitbeinig herum. Und nicht nur Yoko Ono hatte mit schief sitzendem Hut und Sonnenbrille ein besonderes Outfit.
“Mein Mann John Lennon“, sagt die Künstlerin, „hat gefordert: Give me some truth.“ Heute gehe es mehr denn je darum, die Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. „Manche Künstler fragen mich: Yoko, wie kann ich ohne Geld und Einfluss die Welt verändern? Ich antworte ihnen: Indem ihr ihr selbst bleibt.“ Sie gibt eine Anleitung, wie die Ausstellung zu betrachten sei. „Meine Arbeit ist sehr ruhig, und es geht darum, dass ihr etwas herausfindet.“ Es gebe zum Beispiel die Installation „Half-a-room“ mit Möbeln und anderen Objekten, die nur zur Hälfte zu sehen seien. „Da müsst ihr eure Imagination benutzen, um die andere Hälfte zu betrachten.“ Die Menschen müssten zusammenhalten, fährt sie fort. „Gemeinsam können wir eine schöne Welt erschaffen. Manche Leute wollen vielleicht einfach vom Hochhaus springen, ich bin nicht dazu bereit.“ Es gehe darum, dass alle zeigten, wie sehr sie sich lieben. Spätestens jetzt würden wir gerne „All we are saying is give Peace a Chance“ von der Plastic Ono Band vor uns hin summen. Oder gleich „All you need is love“ von den Beatles. Von John Lennon zu abstrahieren, fällt hier und heute schwer. Dabei hat Yoko Ono schon lange vor ihrer Liaison mit ihm Kunst gemacht, war Teil der Fluxus-Bewegung, hat sich mit der gesellschaftlichen Rolle der Frau beschäftigt, bevor es mit dem Feminismus so richtig losging.
Yoko Ono war vielen Vorurteilen ausgesetzt
Die Beziehung mit Lennon und die gemeinsamen Projekte gaben ihrer Kunst freilich noch einmal einen Schub. Und verbanden sie nicht nur mit der Pop-Geschichte, sondern ließen sie zu einem Teil der kollektiven Biographie von einer, wenn nicht mehrerer Generationen werden. Dass bei ihrem Aufenthalt in Frankfurt so viele ihre Nähe suchen, hat gewiss auch damit zu tun, dass sie eine Verbindung herstellt zu den Stimmungen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, als alles möglich schien. Sogar der Weltfriede, für den man sich einfach ein paar Tage lang gemeinsam und in aller Öffentlichkeit ins Bett legen musste.
Yoko Ono war vielen Vorurteilen ausgesetzt. Womöglich hat diese Erfahrung etwas damit zu tun, dass sie ein Lob auf die Deutschen ausspricht, die für viele Amerikaner nichts als ein Klischee seien. Sie habe gar nicht für möglich gehalten, dass ein Deutscher so musikalisch sprechen könne wie Schirn-Direktor Max Hollein, sagt sie. Niemand verrät ihr, dass der Mann Österreicher ist. Ingrid Pfeiffer klinge schon härter, findet Yoko Ono. So sei das bei Frauen heute eben.
Die Ausstellung "Yoko Ono. Half-A-Wind-Show" in der Schirn Kunsthalle ist noch bis zum 12. Mai 2013 zu sehen.
Naja....
Edith von Weisenstein (Noblesse60)
- 15.02.2013, 13:47 Uhr