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„Woyzeck“ in Darmstadt : Ein Kissen aus schwarzer Erde

  • -Aktualisiert am

Der einzige Mensch: Woyzeck (Simon Köslich) hat nur noch Marie, aber er bringt sie um Bild: Staatstheater/Archiv

Im Staatstheater Darmstadt ist Büchners „Woyzeck“ zu sehen, bearbeitet von Robert Wilson und Tom Waits.

          Man kann eigentlich nicht viel verkehrt machen, wenn man Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ in der Bearbeitung von Robert Wilson und der Musik von Tom Waits auf die Bühne bringt. Die kleinen Mosaikteile des Dramas, in dem Büchner in einer genialen Mischung aus schonungslosem Naturalismus und entlarvender Groteske die Biedermeierwelt konterkarierte, eignen sich perfekt für einen in Einzelszenen dahinperlenden Moritaten-Song-Abend ohne dramaturgischen Plot.

          Nachdem in den vergangenen Jahren verschiedene deutsche Bühnen die nach „The Black Rider“ und „Alice“ dritte Zusammenarbeit der beiden Amerikaner zeigten, die vor mehr als zehn Jahren in Kopenhagen uraufgeführt und erst 2009 zur Inszenierung freigegeben wurde, ist dieser für Puristen vielleicht allzu süffige Pop-Woyzeck nun endlich auch in der Büchner-Stadt Darmstadt angekommen. Und auch hier, auf der mit schwarzer Erde überhäuften Bühne im Kleinen Haus des Staatstheaters, überzeugen die Show- und Unterhaltungswerte des Stücks.

          Weniger statisch als im Original

          Vor allem Nikolaus Porz’ überzeugend einfache Bühnenkonstruktion ist für die starken visuellen Eindrücke des Abends verantwortlich. Zwei zimmerhohe Holzringe lassen sich auf einem Schienenkreis öffnen und schließen, darin sitzen und stehen die Akteure, gleichsam eingefroren zwischen den einzelnen Szenen. Die Schauspieler agieren weniger choreographisch und weniger statisch als in den exakt durchgestylten Originalinszenierungen Robert Wilsons. In Darmstadt dominiert eine sympathisch improvisiert wirkende Quirligkeit. Das hat etwas von Brettlbühne, von Gauklern in der Stadt, und nicht von ungefähr beginnt das Stück mit dem Song „Misery’s the river of the world“ des in bunte Zirkuskluft gekleideten Ausrufers (Aart Veder). Damit ist das Motto vorgegeben, und was dann in anderthalb Stunden vorbeirollt, sind Bilder zum Beleg dieser These.

          Sie zeigen von Anfang an eine geschundene Kreatur um untersten Rand der Gesellschaft, einen Mann, dem selbst noch dann, wenn er zu stehen scheint, das innere Zappeln anzusehen ist. Denn er hört Stimmen, er spürt die Hohlheit der Welt, er ahnt in hellsichtiger Dumpfheit, dass die Werte seiner Klassengesellschaft allein dazu dienen, ihn dort unten zu halten, dass dahinter nicht mehr steht als der Eigennutz derer, die über ihm stehen und ihn wie ein Tier behandeln. Wie ein in die Enge getriebenes Wild wirkt dieser Woyzeck und er rennt und rennt ohne Ende im Bühnenkreis herum.

          Außer ein paar zentralen Sätzen hat Simon Köslich als Woyzeck nicht viel zu sagen, doch bleibt seine Figur mit den abstehenden Haaren und dem flatternden Blick immerzu präsent. Er ist der eine Mensch in diesem Drama, umzingelt von Typen, von Karikaturen, von Verkörperungen der Borniertheit, Geilheit und Macht. Der andere Mensch ist Marie (Maika Troscheit), die für die stillen, ja bewegenden Momente sorgt. Dieser spröden, nicht mehr ganz jungen Marie nimmt man die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach Augenblicken der Lust in den Armen des Tambourmajors (Andreas Manz) ebenso ab wie die stille verzweifelte Liebe zu Woyzeck, von dem sie sich widerstandslos erdolchen lässt. Einmal formt sie sich aus Erde ein kleines Kissen und legt müde den Kopf darauf. In diesem kleinen Bild verdichtet sich das ganze Leid dieser wahrhaftigen Figur.

          Sozialschauermärchenspiel

          Es ist der große Vorzug der Inszenierung von Malte Kreutzfeldt, dass sie aus dem süffigen Honky-Tonk-Jahrmarkts-Woyzeck von Wilson und Waits den Darmstädter Hausherren Büchner gleichsam herauspräpariert. Dessen 1836 geschriebener, aber erst 1913 uraufgeführter „Woyzeck“ ist noch völlig frei von Sozialkitsch, während zwei Jahrhunderte später auch das Zeigen der sozialen Misere sich zu wiedererkennbaren Mustern verfestigt hat, widerstandslos konsumierbar wie die schön dahingeknödelten Jammersongs von Waits und Kathleen Brennan. Auf dem schmalen Grat zwischen persiflierendem Klischee und dem Anspruch, Menschen erkennbar zu machen, hält Kreutzfeldts Inszenierung über weite Strecken die Balance. Doch hört man die Stimme des Südhessen Büchner, auch in der stellenweise dialektal gefärbten Aussprache der Schauspieler, ein wenig akzentuierter als die seiner amerikanischen Bearbeiter.

          Natürlich ändert das nichts daran, dass man dem übertreibenden Sozialschauermärchenspiel von Uwe Zerwer als Doktor oder Hubert Schlemmer als Hauptmann mit dem größtem Vergnügen zusieht, dass man sich auch an den traurigen Duetten von Marie und Woyzeck das Herz wärmt und sich an den schrägen Walzerrhythmen der siebenköpfigen Combo im Orchestergraben labt, während auf der Bühne die traurige Kreatur Woyzeck keuchend ihre Kreise zieht.

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