Home
http://www.faz.net/-gzg-73ra7
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Woolrec Das Patentrezept

 ·  Ein einst hochgelobtes Recyclingunternehmen hat für eine Umweltaffäre gesorgt, wie sie Hessen lange nicht erlebt hat. Warum es so lange dauerte, bis die Behörden reagierten.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Es war einmal ein Kaufmann, der saß auf einem Berg von Glaswolle. Keiner wollte sie haben, denn ihre Fasern gelten als gefährlich. Der Kaufmann aber verzagte nicht, er grübelte, was er damit wohl anfangen könnte. Beim Kuchenbacken, nur so viel hat er einmal über sein Patentrezept verraten, sei ihm die Idee gekommen, wie er aus seiner Not eine Tugend machen, der Umwelt einen Dienst erweisen und auch noch Geld verdienen könnte.

Nicht wenige haben noch vor einigen Jahren die Geschichte von dem mit Preisen dekorierten Tüftler aus dem kleinen Ort Braunfels-Tiefenbach in Mittelhessen als modernes Märchen erzählt. Anwohnern im Ort jedoch gruselte es von Beginn im Jahr 2002 an bei der Vorstellung, was da alles in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft angeliefert und geschreddert werde. Rund 20000 Tonnen pro Jahr, die Lastwagen standen mitunter Schlange vor dem Tor und brachten Abbruchmaterial von Wohnhäusern, Bürogebäuden und Fabriken; nicht wenig stammte von der HIM, vormals Hessische Industriemüll GmbH. 15 Mitarbeiter waren zum Teil im Dreischichtbetrieb tätig, um der Berge Herr zu werden.

Die ökologisch-ökonomische Quadratur des Kreises

Das Unternehmen Woolrec nahm an, was ansonsten als Sondermüll teuer hätte entsorgt, zum Teil ob seiner Brisanz sogar in sogenannten Big Packs hätte vergraben werden müssen: Dämmstoffe, vor allem künstliche Mineralfasern, die als potentiell krebserregend gelten. Sie wurden in Braunfels-Tiefenbach kleingemahlen, Melasse, Ton und Wasser wurden untergemischt. Heraus kam ein Granulat, in dem die Fasern angeblich sicher gebunden sind. Unter dem Namen Woolit verkaufte man das Material als Zusatzstoff an die Ziegelindustrie. Das Brennen der Steine mache die Fasern definitiv unschädlich, so die Theorie. Da Woolit auch noch die Isolierqualität der Ziegel erhöhen sollte, schien, ökologisch-ökonomisch betrachtet, die Quadratur des Kreises gelungen.

Braunfels-Tiefenbach mit rund 1100 Einwohnern liegt in einem kleinen Tal, rund 15 Kilometer von Wetzlar entfernt. Die vielen alten Bäume bieten in diesen goldenen Herbsttagen ein besonders malerisches Bild, die Rabatte vor den Häusern sind penibel gepflegt. Mitten im Ort hängt ein Kästchen, dem Hundehalter Plastikbeutel für die Hinterlassenschaft ihrer Lieblinge entnehmen können. Den Eindruck, hier sei die Welt in Ordnung, stören jedoch die vielen Plakate, auf den meisten ist ein Totenkopf zu sehen. Sie prangern den „gefährlichen Dreck“ von Woolrec an. Die Interessengemeinschaft der Nachbarn fürchtet, auch Dioxin, polychlorierte Biphenyle (PCB) und Schwermetalle seien in der Umgebung verteilt.

Ein Loch in der Außenwand

Weshalb die Interessengemeinschaft erst vor einem Monat ihr Ziel erreichte, dass der Betrieb am Ortseingang (vorläufig) geschlossen wurde, kann man auf verschiedene Weise zu erklären versuchen. Der Gießener Regierungspräsident Lars Witteck (CDU) hat am Donnerstag in einer Sondersitzung des Umweltausschusses des Landtags leidenschaftlich die Meinung vertreten, seine Behörde müsse sich keine Versäumnisse vorwerfen. Man habe regelmäßig kontrolliert und überprüft, das Unternehmen habe aber in einem ihm zuvor unbekannten Maße getrickst und getäuscht. Nur wenn ein Gericht ihn zwingen sollte, werde er noch einmal erlauben, dass dort wieder die gefährlichen Stoffe verarbeitet würden. Das Maß war voll für den wuchtigen Chef des Regierungspräsidiums, als er merkte, man hatte seine Behörde angelogen. Ein Radlader hatte ein großes Loch in die Außenwand der Fabrikhalle gerissen, Anwohner informierten die Behörde. Auf Nachfragen stritten der Geschäftsführer und der Betriebsleiter zunächst ab, dass es ein Leck gebe. Als die Kontrolleure aus Gießen sich selbst ein Bild machten, entdeckten sie, dass versucht worden war, das Loch mit einem Container und Abfallbergen zu verdecken.

Inzwischen hat der RP binnen weniger Wochen mehrere Breitseiten gegen Woolrec abgefeuert: Der Bescheid, mit dem Woolit als Produkt anerkannt wurde, ist entzogen, es darf nicht mehr verkauft werden; das Unternehmen müsste, wollte es weiterarbeiten, zudem erheblich investieren, um sicherzustellen, dass die Fasern nicht umherfliegen; und die Firma muss 180000 Euro für die Entsorgung von rund 3000 Tonnen des Materials zahlen, das vor einer Ziegelei in Olfen lagert.

Woolrec gibt keine Auskünfte mehr

Woolit gilt (wieder) als Sondermüll. So sieht es auch der Hessische Verwaltungsgerichtshof, nachdem das Landesamt für Umwelt in Nordrhein-Westfalen in Proben aus Olfen festgestellte, die gefährlichen Fasern seien gar nicht in dem versprochenen Maße gebunden. Das Regierungspräsidium führt dies auf eine kostensparende Änderung in der Rezeptur schon vor fünf Jahren zurück. Das Unternehmen spricht dagegen davon, das Material sei in Olfen unsachgemäß gelagert worden.

Derzeit gibt Woolrec unter Hinweis auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaften Limburg und Gießen keine Auskünfte mehr. Zuvor war der Kaufmann aus Braunfels nicht müde geworden, zu wiederholen, er habe nichts zu verbergen, alles gehe mit rechten Dingen zu. Der Betrieb sei regelmäßig kontrolliert und das Produkt auf seine Ungefährlichkeit hin überprüft worden.

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines vermeintlichen Musterbetriebs kann man auch als Parabel erzählen. Sie handelt vom in Deutschland besonders ausgeprägten Umweltbewusstsein, der Angst vor Gesundheitsgefahren und dem Willen der Politik, alledem gerecht zu werden. Daraus ist, gerade auf dem Gebiet der Abfallwirtschaft, ein kaum noch überschaubares Genehmigungsbehörde- und Zertifizierungsgeflecht entstanden, zu dem Berlin und Brüssel mitunter verschiedene Muster vorgeben.

Die Notbremse ziehen fiel den Behörden schwer

Zu den vielen Ungereimtheiten dieser Affäre gehört aber auch die Rolle, die ein Professor für Umweltmanagement der Universität Gießen gespielt hat. Er entwickelte das Aufbereitungsverfahren mit, er führte all die Jahre die Untersuchungen bei Woolrec durch und bescheinigte, alles sei in bester Ordnung. Er hat gern die Anekdote erzählt, wie vor zehn Jahren der Kaufmann mit einem Plastikbeutel voller Abfälle in sein Büro gekommen sei, um sich Rat zu holen. Seit einigen Wochen ist der Hochschullehrer, der bis März Mitglied des Technikbeirates der Landesregierung war, krankgeschrieben.

Die Notbremse zu ziehen, das fiel den Behörden umso schwerer, als auch sie sich von einer Illusion verabschieden mussten, die sogar aus Mitteln des Bundesforschungsministerium gefördert wurde. Schon 2004 erhielt der Unternehmer den hessischen Gründerpreis für sein einzigartiges Verfahren, aus gefährlichem Sondermüll ein Handelsprodukt zu schaffen. Minister, Landräte, Bürgermeister und Wissenschaftler besuchten die unscheinbare Halle. Sie standen in dem künstlichen Nieselregen, der verhindern soll, dass die Fasern umherschwirren, staunten und nickten anerkennend, wenn der Tüftler und der Professor erklärten.

Die Bürger sind nicht beruhigt

Das einstige Renommee des Betriebs habe nicht dazu geführt, dass man nicht genau hingesehen habe, im Gegenteil, sagte der Regierungspräsident dieser Tage im Ausschuss und wandte sich damit gegen die Kritik von SPD und Grünen. Einen Betrieb zu schließen, das bedürfe aber hieb- und stichfester Beweise. Die Ergebnisse der Proben von Salat, Gras und den Böden aus den Gärten in der Nähe des Betriebs sollen Mitte November vorliegen. Auf der Fahrt nach Wiesbaden hatte das Landeslabor dem RP aber schon die Resultate der auf PCB untersuchten Trauben, Äpfel und Tomaten durchtelefoniert. Sie liegen zwischen 0,02 und 0,03 Pikogramm per Gramm - was ein Viertel des „Aktionswertes“ sei, der Anlass zur Sorge biete.

Bürger aus Tiefenbach, die im Landtag zuhörten, sahen nicht so aus, als habe sie das beruhigt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Rheintal am Gängelband

Von Oliver Bock

Dem Rheintal muss erspart bleiben, was Dresden mit seiner Waldschlösschenbrücke schmerzlich erfahren hat. Wo lag am Ende der Gewinn, der sächsischen Landeshauptstadt das Welterbeprädikat zu entziehen? Mehr 3 1