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Woolrec Das Patentrezept

 ·  Ein einst hochgelobtes Recyclingunternehmen hat für eine Umweltaffäre gesorgt, wie sie Hessen lange nicht erlebt hat. Warum es so lange dauerte, bis die Behörden reagierten.

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Es war einmal ein Kaufmann, der saß auf einem Berg von Glaswolle. Keiner wollte sie haben, denn ihre Fasern gelten als gefährlich. Der Kaufmann aber verzagte nicht, er grübelte, was er damit wohl anfangen könnte. Beim Kuchenbacken, nur so viel hat er einmal über sein Patentrezept verraten, sei ihm die Idee gekommen, wie er aus seiner Not eine Tugend machen, der Umwelt einen Dienst erweisen und auch noch Geld verdienen könnte.

Nicht wenige haben noch vor einigen Jahren die Geschichte von dem mit Preisen dekorierten Tüftler aus dem kleinen Ort Braunfels-Tiefenbach in Mittelhessen als modernes Märchen erzählt. Anwohnern im Ort jedoch gruselte es von Beginn im Jahr 2002 an bei der Vorstellung, was da alles in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft angeliefert und geschreddert werde. Rund 20000 Tonnen pro Jahr, die Lastwagen standen mitunter Schlange vor dem Tor und brachten Abbruchmaterial von Wohnhäusern, Bürogebäuden und Fabriken; nicht wenig stammte von der HIM, vormals Hessische Industriemüll GmbH. 15 Mitarbeiter waren zum Teil im Dreischichtbetrieb tätig, um der Berge Herr zu werden.

Die ökologisch-ökonomische Quadratur des Kreises

Das Unternehmen Woolrec nahm an, was ansonsten als Sondermüll teuer hätte entsorgt, zum Teil ob seiner Brisanz sogar in sogenannten Big Packs hätte vergraben werden müssen: Dämmstoffe, vor allem künstliche Mineralfasern, die als potentiell krebserregend gelten. Sie wurden in Braunfels-Tiefenbach kleingemahlen, Melasse, Ton und Wasser wurden untergemischt. Heraus kam ein Granulat, in dem die Fasern angeblich sicher gebunden sind. Unter dem Namen Woolit verkaufte man das Material als Zusatzstoff an die Ziegelindustrie. Das Brennen der Steine mache die Fasern definitiv unschädlich, so die Theorie. Da Woolit auch noch die Isolierqualität der Ziegel erhöhen sollte, schien, ökologisch-ökonomisch betrachtet, die Quadratur des Kreises gelungen.

Braunfels-Tiefenbach mit rund 1100 Einwohnern liegt in einem kleinen Tal, rund 15 Kilometer von Wetzlar entfernt. Die vielen alten Bäume bieten in diesen goldenen Herbsttagen ein besonders malerisches Bild, die Rabatte vor den Häusern sind penibel gepflegt. Mitten im Ort hängt ein Kästchen, dem Hundehalter Plastikbeutel für die Hinterlassenschaft ihrer Lieblinge entnehmen können. Den Eindruck, hier sei die Welt in Ordnung, stören jedoch die vielen Plakate, auf den meisten ist ein Totenkopf zu sehen. Sie prangern den „gefährlichen Dreck“ von Woolrec an. Die Interessengemeinschaft der Nachbarn fürchtet, auch Dioxin, polychlorierte Biphenyle (PCB) und Schwermetalle seien in der Umgebung verteilt.

Ein Loch in der Außenwand

Weshalb die Interessengemeinschaft erst vor einem Monat ihr Ziel erreichte, dass der Betrieb am Ortseingang (vorläufig) geschlossen wurde, kann man auf verschiedene Weise zu erklären versuchen. Der Gießener Regierungspräsident Lars Witteck (CDU) hat am Donnerstag in einer Sondersitzung des Umweltausschusses des Landtags leidenschaftlich die Meinung vertreten, seine Behörde müsse sich keine Versäumnisse vorwerfen. Man habe regelmäßig kontrolliert und überprüft, das Unternehmen habe aber in einem ihm zuvor unbekannten Maße getrickst und getäuscht. Nur wenn ein Gericht ihn zwingen sollte, werde er noch einmal erlauben, dass dort wieder die gefährlichen Stoffe verarbeitet würden. Das Maß war voll für den wuchtigen Chef des Regierungspräsidiums, als er merkte, man hatte seine Behörde angelogen. Ein Radlader hatte ein großes Loch in die Außenwand der Fabrikhalle gerissen, Anwohner informierten die Behörde. Auf Nachfragen stritten der Geschäftsführer und der Betriebsleiter zunächst ab, dass es ein Leck gebe. Als die Kontrolleure aus Gießen sich selbst ein Bild machten, entdeckten sie, dass versucht worden war, das Loch mit einem Container und Abfallbergen zu verdecken.

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