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Wohnungsnot in Frankfurt : Platz eins für die spontane Controllerin

  • -Aktualisiert am

Sondierungsgespräch: Manuel Kiel und Franziska Bauer zeigen Controllerin Jasmin Valler (links) ihre Wohnung Bild: Rosenkranz, Henner

Günstige Unterkünfte sind in Frankfurt heiß begehrt. Manche Wohngemeinschaften laden Bewerber sogar zu „Castings“ ein - mit Fragebogen und Punktesystem.

          Der dunkelgrüne Linoleumboden im Flur schlägt Wellen, und dass die Wände weiß waren, ist lange her. Manuela Meisner findet die Wohnung von Franziska Bauer und Manuel Kiel trotzdem „cool“. „Wow“, sagt sie, als sie ihren Kopf in das fünf Quadratmeter große Badezimmer mit dunkelblauen, gesprungenen Fliesen steckt, „das gefällt mir total gut.“ Die 22 Jahre alte Studentin will das Zimmer in der Dreier-WG von Bauer und Kiel unbedingt haben. Auf Wohnungssuche in Frankfurt müsse man nehmen, was man kriegen könne. Und 325 Euro warm für 15 Quadratmeter seien vergleichsweise günstig.

          “Was sich auf dem Wohnungsmarkt für Studenten abspielt, ist katastrophal“, sagt Anja Engelhorn, Sozialreferentin des AStA der Goethe-Universität. In Frankfurt und Umgebung gebe es 53.000 Studierende, denen nur rund 3800 Wohnheimplätze zur Verfügung stünden. Laut Engelhorn sind die meisten Privatwohnungen für Studenten einfach zu teuer; umso härter umkämpft seien die wenigen günstigen Angebote.

          Zimmer für weniger als 400 Euro

          Manuela Meisner (Namen der Bewerber und Anbieter geändert) ist im ersten Semester und seit zwei Wochen auf Wohnungssuche. Die BWL-Studentin hat auf die Offerten von rund 20 Wohngemeinschaften geantwortet, die im Internet ein Zimmer für weniger als 400 Euro angeboten haben. Die meisten Wohnungen seien schon vergeben gewesen oder man habe ihr gar nicht erst geantwortet, berichtet Meisner. Der Termin bei Bauer und Kiel in der Dreier-WG sei eine von drei Besichtigungen, die sie ergattert habe. „Was sind denn deine Hobbys?“, fragt Kiel scheinbar beiläufig. Der 24 Jahre alte Pharmaziestudent sucht jemanden, der mit ihm im nahegelegenen Park joggen geht. Seiner 20 Jahre alten Mitbewohnerin Bauer ist es wichtiger, dass sie abends und am Wochenende Gesellschaft hat, wenn sie von ihrer Arbeit als Bürokauffrau nach Hause kommt.

          Der einzige Sport, den Meisner treibt, ist Tennis, und an den meisten Wochenenden will sie nach Hause fahren, um zu trainieren. Spätestens da ist für Bauer und Kiel klar, die Bewerberin passt nicht zu ihnen. „Eigentlich war da von Anfang das Gefühl, dass es mit ihr nichts wird“, sagt Bauer. Trotzdem sei es ihnen wichtig, jeden zunächst näher kennenzulernen - so gut das eben in der kurzen Zeit gehe. Rund 30 Personen haben auf die Anzeige geantwortet. Alle empfangen wollen Bauer und Kiel aber nicht. Sie hätten nur zwei Tage Zeit und wollten für jeden Bewerber eine Stunde einplanen, sagen sie. So viel Zeit nehmen sich nicht alle Wohngemeinschaften. Der Mitbewohner von Bauer und Kiel, dessen Zimmer zu vergeben ist, plant zusammen mit einem Freund in seiner zukünftigen Wohnung ein Massencasting. „Wir laden zur Vorstellungsrunde ein, mit Castingbogen und Punktesystem.“ So könne man die Bewerberflut besser bewältigen.

          Große Vorstellungsrunden, die stark an Castings erinnerten, seien mittlerweile die Regel, berichtet Engelhorn. „Angesichts der Bewerberflut bleibt vielen Studierenden auch nichts anderes übrig, als so etwas zu veranstalten.“ Der Grund sei vermutlich Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Viele Studenten suchten mehr als eine reine Zweck-WG. „Das ist ein Familienersatz auf Zeit“, erklärt Engelhorn. Und genau das mache es so schwierig. Weil günstiger Wohnraum so rar sei, hätten die WGs eine Flut an Bewerbern und die Studenten auf Zimmersuche wenig Zeit und kaum Wahlmöglichkeiten.

          Auch Max Lauer sucht seit einigen Wochen nach einem Zimmer - vergebens. Aus der Wohnungsnot heraus wollte er eine Sechs-Zimmer-Wohnung mit zwei Kommilitonen mieten und zwei weitere Studenten suchen, die sich mit ihnen die Räume teilen. Seine Bekannten seien allerdings im letzten Moment abgesprungen, weil die Zimmer ihnen nun doch zu teuer seien. „Jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll“, klagt Lauer. Zusammen mit dem entnervten Besitzer, der an fünf Leute vermieten will, und acht fremden Interessenten steht er in der rund 150 Quadratmeter großen Neubauwohnung in Sachsenhausen. Keiner kann sich so recht entscheiden, den Mietvertrag zu unterschreiben.

          AStA-Referentin Engelhorn weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, in so kurzer Zeit jemanden auszuwählen, mit dem man in Zukunft zusammenleben will. „Man muss sich vorstellen, dass man mit diesen Menschen am Frühstückstisch sitzt und dieselbe Toilette benutzt.“ Da brauche man schon etwas Zeit, um herauszufinden, ob man Sympathie füreinander empfinde. Der Vermieter der Wohnung löst die Bewerberrunde schließlich auf: „Wenn Sie sich nicht entscheiden können, überlasse ich die Wohnung lieber dem Paar, das mich gestern angerufen hat.“ Einer der Studenten sagt, er sei an solche Rückschläge gewohnt. Das sei die zehnte Wohnung, die er sich anschaue. Viele WGs meldeten sich nicht einmal mehr, um Bescheid zu geben, dass sie das Zimmer an jemand anderen vermietet hätten.

          „Ist mit mir etwas nicht in Ordnung?“

          So fair, den Bewerbern abzusagen, wollten sie schon sein, sagt Franziska Bauer. Sie wohnt selbst noch nicht lange in der WG und kann sich noch gut erinnern, wie belastend die Wohnungssuche für sie war. Irgendwann gehe es nicht mehr nur darum, eine Unterkunft zu finden, meint die Sozialreferentin des AStA. Manche bekämen durch die Absagen „ein echtes Egoproblem“. „Woran liegt es, ist mit mir etwas nicht in Ordnung?“, das seien Fragen, die sich manche Studenten stellten, wenn sie nach mehreren Besichtigungen noch keine Wohnung gefunden hätten.

          “Wir wollen verhindern, dass jemand sich schlecht oder übergangen fühlt“, versichert Bauer. In der Küche liegt eine Liste, in die jeder Interessent seinen Namen einträgt. Die WG-Bewohner wollen so den Überblick behalten. Die nächste Besucherin heißt Jasmin Valler. Neben ihren Namen schreibt sie das Wort „spontan“ und malt einen Smiley. „Das passt zu ihr“, sagt Kiel, als er hinter Valler die Haustür schließt. Die 23 Jahre alte Controllerin habe bis jetzt den besten Eindruck hinterlassen. „Momentan ist sie auf Platz eins, aber wer weiß? Morgen kommen noch so viele andere Bewerber.“

          Quelle: F.A.Z.

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