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Wohnen im Alter : Arbeiten am letzten Nest

  • -Aktualisiert am

Hausherren und Handwerker: Vier von acht, die heute für später planen, auf der gemeinsamen Baustelle. Bild: Kaufhold, Marcus

Gemeinsam leben, im Alter einander helfen. Das haben vier Paare sich versprochen. Und in Wiesbaden einen Ort dafür gefunden.

          Der dreistöckige Altbau liegt in einer ruhigen Einbahnstraße in der Wiesbadener Innenstadt. Ein hohes, grünes Holztor schirmt den Hof vor neugierigen Blicken ab. Wie bei vielen der umliegenden Gründerzeitbauten könnte die schmutzig graue Fassade einen neuen Anstrich vertragen. Doch im Haus Nummer 57 soll sich mehr verändern als die Farbe der Außenwände. Es soll eine Wohngemeinschaft werden für vier befreundete Paare, die gemeinsam alt werden wollen. Dafür unterziehen sie das Gebäude einer Verjüngungskur: Renovierungsarbeiten für das letzte Nest, das sie sich bauen wollen.

          „Achtmalklug“ steht in einer runden Handschrift hinter einem der Klingelknöpfe am Tor. So haben die acht Frauen und Männer zwischen Ende vierzig und Anfang sechzig ihr Projekt genannt. Eine von ihnen ist Klaudia Vogt. Ihre richtige Namen möchten sie und die anderen Gruppenmitglieder nicht in der Zeitung lesen. So lange die Umbauarbeiten noch nicht abgeschlossen sind, wollen sie mit ihrem Projekt noch nicht zu sehr in die Öffentlichkeit treten.

          Der dustere Dachboden soll ein lichtdurchflutet sein

          Ihr rotblondes Haar trägt sie schulterlang, über die Stirn fällt eine graue Strähne. Sie ist Architektin, führt die Fachaufsicht über das gemeinsame Projekt. Mit festen Schritten geht sie über den Hof auf das Vorderhaus zu. Die Holzstufen im Treppenhaus sind mit feinem Sand überzogen, es riecht nach feuchtem Stein. Die Wohnräume sind ausgeweidet, im Boden klaffen Löcher, aus den Decken quillt Lehm. Im Dachgeschoss ist ein großer Fleck auf dem Boden, es hat hereingeregnet.

          Doch Vogt sieht das Haus schon vor sich, wie es einmal sein wird. Den dusteren Dachboden malt sie sich als lichtdurchflutetes Geschoss aus. Sie schwärmt von freiliegenden Backsteinmauern, die es in den Wohnungen einmal geben soll, von einem begrünten Garagendach, einer großen Gemeinschaftsküche, einer Sauna und einem Weinkeller. Vorher müssen die Rohre und elektrischen Leitungen neu verlegt und Wände eingerissen werden, die Fassade muss gedämmt werden. Die schwellenlosen Bäder werden Haltegriffe an den Wänden haben, an der Außenwand soll ein Aufzug angebracht werden. Vogt freut sich darauf. Aber die Verantwortung für das Projekt wiegt schwer; manchmal nehme es die Luft, sagt sie. „Ich hoffe, es geht alles gut.“

          Einmal in der Woche gibt es ein Treffen

          Die anderen kennen diese Gefühle. Die Begeisterung, den Elan. Und die Sorgen. Einer sei immer gerade optimistisch und könne die anderen aufbauen, sagt Ulrike Stein. Die 58 Jahre alte ehemalige Grundschullehrerin sitzt in einer dicken Winterjacke auf einer Bierbank im Erdgeschoss des Hinterhauses. Hier soll später die Gemeinschaftsküche entstehen. Im Moment zeigt sich das Zimmer mit Laminatfußboden und dunkelroten Wänden noch so, wie die früheren Bewohner es verlassen haben.

          Einmal in der Woche trifft sich die Wiesbadener Gruppe in möglichst großer Besetzung, um die nächsten Schritte auf der Baustelle zu besprechen. Heute sind sie zu sechst: Ulrike Stein und ihr Mann Manfred, ein Arzt im Ruhestand, der mit 61 der älteste der Truppe ist; Architektin Vogt, ihr ein Jahr jüngerer Lebensgefährte Jürgen Lehmann, der als Jurist tätig ist; die 53 Jahre alte Landschaftsarchitektin Maria Jung, die mit einem gleichaltrigen Fotografen verheiratet ist und die 48 Jahre alte Architektin und Energieberaterin Heike Baumgart, die mit ihrem Mann, einem Bauunternehmer Mitte fünfzig, einziehen wird. Ihre Eigenständigkeit, sagen sie, werden sie mit dem gemeinsamen Wohnen nicht aufgeben. „Wir sind eine Hausgemeinschaft, die sich aktiv gefunden hat“, sagt Jürgen Lehmann und fährt sich durch das kinnlange Haar. Jedes Paar wird eine eigene Wohnung haben, der Garten, die große Wohnküche oder der Hof sollen nur ein Angebot sein, jeder soll sich zurückziehen können.

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