20.07.2003 · Beim Verkauf vom neuen "Harry Potter" hat das Buchkaufhaus Hugendubel den Internet-Buchhändlern eine lange Nase gedreht. Als am Samstag, 21. Juni, der von den Fans lange ersehnte fünfte Band in englischer ...
Beim Verkauf vom neuen "Harry Potter" hat das Buchkaufhaus Hugendubel den Internet-Buchhändlern eine lange Nase gedreht. Als am Samstag, 21. Juni, der von den Fans lange ersehnte fünfte Band in englischer Sprache weltweit in einer Auflage von zwölf Millionen an den Start ging, bot Hugendubel das Buch über den Zauberlehrling für 14,80 Euro an. Das waren zwei Euro weniger, als das Buch bei Amazon via Internet kosten sollte. Möglich war dieser Coup, weil der englische Band nicht der hierzulande üblichen Preisbindung unterliegt.
In der Frankfurter Hugendubel-Filiale am Steinweg waren schon um 17 Uhr alle 1200 Harry-Potter-Bände ausverkauft. "Mit diesem Erfolg haben wir trotz allem nicht gerechnet", freut sich Geschäftsführer Peter Kaiser. Bei den kleinen Buchhandlungen, die im Preis meist nicht so stark heruntergehen können, rief die Hugendubel-Aktion hingegen Verärgerung hervor. "Wir könnten Harry Potter viel besser verkaufen, wäre das Buch jetzt nicht quasi monopolisiert", schimpft Wolfgang Kiekenap von der Buchhandlung Ypsilon. Auch wenn Hugendubel mittlerweile 19,95 Euro für Joanne K. Rowlings Geschichte verlangt, habe sich dieser Preisvorteil ins Gedächtnis der Kunden gegraben. Wohl deshalb zog Carolus nach und bot Harry Potter ebenfalls für 14,80 Euro an.
Kein Wunder, daß die Branche nervös reagiert: Die Hoffnungen des gebeutelten Buchhandels ruhen auf Harry Potter, vor allem auf dem deutschen Band, der Anfang November in den Handel kommt. Mit ihm wollen die Händler in diesem Jahr doch noch schwarze Zahlen schreiben. Erst vor einigen Tagen hatte Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins, die Wirtschaftszahlen für den Buchhandel bekanntgegeben: Im vergangenen Jahr sei der Umsatz um zwei Prozent auf 9,2 Milliarden Euro gesunken. Schormann führte den Rückgang besonders auf die schwache Konjunktur zurück.
Tatsächlich bekommen kleine wie große Buchhandlungen die Kaufunlust der Deutschen zu spüren. "Es geht abwärts", stellt Jutta Wilkesmann von der Kriminalbuchhandlung "Die Wendeltreppe" in Sachsenhausen fest: "An Büchern wird zuerst gespart." Seit einem Jahr baut die Ladenbesitzerin den Verkauf antiquarischer Bücher, auch signierter Erstausgaben, im Internet auf, um neue Käufer zu gewinnen. Ihre Stammkunden hält sie mit der monatlichen Präsentation von Neuerscheinungen bei Laune. Nachdem an ihrer Straße die Hälfte der Geschäfte zugemacht habe, verirre sich immer weniger Laufkundschaft zu ihr - doch ohne die gehe es nun einmal nicht. Das hat auch Peter Naacher festgestellt, dessen "Haus der Bücher" an der Schweizer Straße davon profitiert, weit und breit die einzige Buchhandlung zu sein. Trotzdem mußte er im vergangenen Jahr einen Umsatzrückgang von zweieinhalb Prozent hinnehmen. Ohnehin macht er, wie viele andere Buchhandlungen, sein Hauptgeschäft mit der öffentlichen Hand. Und das ist erst recht stark eingebrochen.
Jetzt macht sich bezahlt, was viele kleine Buchhandlungen schon länger gelernt haben: mit einem sehr spezialisierten Angebot private Kunden an sich zu binden. In der Branche herrsche zwar Niedergangsstimmung, hat Wolfgang Kiekenap von der Buchhandlung Ypsilon beobachtet: "Aber wir können uns den Klagen zum Glück nicht anschließen. Unsere Zuwächse sind seit zwei Jahren zwar deutlich abgeflacht. Doch einen Umsatzrückgang haben wir nicht." Das führt Kiekenap auf das Publikum der Buchhandlung an der Berger Straße zurück, die in diesem Frühjahr ihr 25-Jahre-Jubiläum mit einem großen Stadtteilfest im Mousonturm feierte: Psychologen, Anwälte, Ärzte, Lehrer oder Sozialarbeiter benötigten Bücher zum Leben so dringend wie Milch und Brot. "Sie kaufen immer und trotzdem." Die anhaltende Kauflust hat aber sicher auch etwas mit dem ausgesuchten literarischen Sortiment von Ypsilon zu tun, wo man sich auf Literatur aus Asien, Afrika und Lateinamerika spezialisiert hat. Und mit guter Beratung: "Wir sind zu fünft, alle seit 20 Jahren im Buchhandel, da kommt einiges an Fachwissen zustande. Und wir kennen die Kunden, es ist alles viel persönlicher als in den großen Läden", sagt Kiekenap.
Auf maßgeschneiderten Service setzt auch die 25 Jahre alte Buchhandlung "Land in Sicht" im Frankfurter Nordend, die sich unter anderem auf psychoanalytische Literatur spezialisiert hat. "Wir scheuen uns nicht, umständliche Bestellwege zu gehen", erzählt Heike Nichaut, die zum Kreis der fünf Inhaber zählt. "Große Buchhandlungen besorgen oft bloß, was der Grossist vorrätig hat." Außerdem setzt der Laden auf kleinere Verlage und exotische Länder. "Herrn Effenbergs Autobiografie haben wir bei uns natürlich nicht ausliegen." Doch obwohl sich die Buchhandlung mit Lesungen, politischen Diskussionen und Musikveranstaltungen einen festen Kreis an Kunden geschaffen hat, gingen ihre Umsätze zwei bis drei Prozent zurück.
Kaum angewiesen auf das Geschäft mit den Büchern sind dagegen die drei Inhaber des Lesecafes samt zugehörigem Buchladen: Sie betreiben seit 18 Jahren in einem Sachsenhäuser Hinterhof das gemütliche Cafe und die kleine freundliche Buchhandlung, die vor allem Kinderliteratur und Belletristik im Sortiment hat. "Das Cafe sichert unser Überleben", stellt Lydia Helwig nüchtern fest. Mit dem Buchladen lasse sich kaum Geld verdienen.
Doch auch die Hugendubel-Kette mußte Umsatzrückgänge "im einstelligen Bereich" einstecken, die im "Branchenschnitt liegen", wie Thomas Nitz von der Geschäftsleitung in München zugibt: Rückläufig sei der Umsatz in Städten wie München oder Frankfurt gewesen, während in ostdeutschen Städten Zuwächse verzeichnet würden. In der Frankfurter Filiale jedenfalls hat man dem modernen Antiquariat nun schon mehr Platz eingeräumt. Außerdem werden die Bücher zielgruppenspezifischer plaziert, berichtet der Frankfurter Geschäftsführer Peter Kaiser: Der Florenz-Reiseführer wird zusammen mit toskanischen Kochbüchern präsentiert. Nach wie vor orientiert sich Hugendubel mit Sofas und Cafe an der Lust der Leseratten, stundenlang in Ruhe zu stöbern. Kunden dürften in den Büchern blättern, Bücher in die Hand nehmen, lesen und angucken, sagt Kaiser. Ein weiterer Vorteil: "Wir haben eine riesige Auswahl" - bis zu 130000 Titel führt das Buchkaufhaus. Mittlerweile bietet Hugendubel im Internet einen Bestellservice an: Wer sich ein Buch aussucht, kann es sich nach Hause schicken lassen, er hat aber auch die Möglichkeit, es erst im Laden anzuschauen, um festzustellen, ob er es kaufen möchte. Indem die Filiale jetzt an Samstagen bis 20 Uhr geöffnet hat, gehe sie ebenfalls stärker auf die Bedürfnisse der Kunden ein, hat Kaiser beobachtet: "Wir mußten die Leute samstags um vier ja fast rauswerfen."
Von geregelten Arbeitszeiten träumt Monika Steinkopf nur, die seit 25 Jahren die Berger Bücherstube führt. Wie die anderen Inhaber kleiner Buchläden steht auch sie rund um die Uhr hinter der Theke. Mit speziellen Angeboten gelingt es der Bücherfrau, die in der Jury für den Stadtschreiber von Bergen-Enkheim sitzt, Kunden zu begeistern: Jedes Jahr lädt sie zum Literarischen Picknick und einer Fahrt ins Grüne. Und diesen November, wenn der neue Band in Deutsch erscheint, veranstaltet sie mit den Nachwuchslesern eine Harry-Potter-Nacht. Die wird, dank Preisbindung, ruhig verlaufen.
KATHARINA DESCHKA-HOECK