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Zwangsarbeit : Fernsehfilm sorgt für Unruhe bei der Lufthansa

Unterm Hakenkreuz: Die alte Lufthansa 1935, hier eine Ju 52. Bild: Getty Images

In einem Fernsehfilm, der heute von der ARD gezeigt wird, werden der Lufthansa Versäumnisse bei der Entschädigung von Zwangsarbeitern vorgeworfen. Der Konzern wehrt sich.

          Es lässt sich kaum mehr vorstellen, was Zwangsarbeit im Nationalsozialismus bedeutete. „Wie die Russen dahergekommen sind, Sie glauben es nicht“, heißt es von Zeitzeugen. „Keine Schuhe haben die gehabt, nichts, die haben nur Fußlumpen gehabt. Das kann man sich gar nicht vorstellen, wie die dahergekommen sind in Lumpen, Flöhe und Läuse, und nach Knoblauch gestunken haben die.“ So ist es in einer Studie über die Zwangsarbeit bei der Lufthansa zu lesen. An die 10 000 Frauen und Männer aus dem Ausland beschäftigte sie in ihren Werkstätten im Zweiten Weltkrieg, unter unterschiedlichen Bedingungen; wer aus dem Osten Europas kam, dem ging es übler als dem, der aus dem Westen stammte. Viele waren verschleppt worden aus ihrer Heimat, auch Kinder waren darunter. Sie konnten bei Reparaturen besser in die Tragflächen klettern.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Dass auf einmal bei der Lufthansa wieder von dieser menschenverachtenden Art der Beschäftigung die Rede ist, verdankt der Konzern einem Dokumentarfilm von Christoph Weber, der in der vergangenen Woche bereits auf Arte lief und heute um 23.15 Uhr in der ARD gezeigt wird. „Fliegen heißt siegen“ nennt sich die Dokumentation, die die Verstrickung der Fluggesellschaft rekonstruiert. Doch dies allein würde wohl nicht für derartige Unruhe sorgen – denn die Sachverhalte sind bekannt. Aber Weber erhebt in seinem Film den Vorwurf, die Lufthansa stelle sich ihrer Geschichte nicht. „Die Lufthansa gehört zu den Unternehmen, die nur zu einem Teil ihrer Vergangenheit stehen“, heißt es gleich zu Beginn. Und konkret zur Entschädigung der Zwangsarbeiter – es sollen 10 000 gewesen sein – wird gesagt, anhand ihrer Unterlagen wäre es der Lufthansa möglich, eine Liste mit deren Namen zu erstellen, um auf diese zuzugehen. Doch das unterbleibe. Zu den Vorwürfen zählt auch, dass eine Studie über Zwangsarbeit bei der Lufthansa, 1999 verfasst von dem Bochumer Historiker Lutz Budraß im Auftrag des Konzerns, nicht veröffentlicht worden sei.

          Früher ein kleines Unternehmen

          Bereits die Ausstrahlung auf Arte in der vergangenen Woche hat ein reges Echo im Konzern hervorgerufen, wie ein Sprecher berichtet. 6500 Mal sei das Thema innerhalb eines Tages im Intranet angeklickt worden, es habe einige Dutzend Kommentare gegeben. In der neuesten Ausgabe der Mitarbeiterzeitung „Lufthanseat“ befasst man sich auf einer ganzen Seite mit dem Film, unter der Überschrift „Befremden und Betroffenheit“. „Versäumnisse im Umgang mit der eigenen Geschichte während des Nazi-Regimes hat eine Fernseh-Produktion der Deutschen Lufthansa vorgeworfen“, heißt es dort. „Es ist ein Vorwurf, den Lufthansa auch nach intensiven Prüfungen der historischen Dokumente im Unternehmensarchiv so nicht nachvollziehen kann.“

          Dabei sind die Fakten über die Zwangsarbeit bis Kriegsende noch das geringste Problem. Sie sind unumstritten, der Historiker Budraß, der mit einer Arbeit über die Flugzeugindustrie und Luftrüstung in Deutschland zwischen 1918 und 1945 promoviert wurde, hat sie in der hundertzwanzigseitigen Studie für das Unternehmen detailliert aufgearbeitet. Die Lufthansa war ein im Vergleich zu heute kleines Unternehmen, das aber schon 1936 den Auftrag erhalten hatte, im Falle eines Krieges die Maschinen der Luftwaffe zu reparieren. Dieses Geschäftsfeld sollte von 1939 an die zivile Fliegerei an Bedeutung weit übertreffen. Das Unternehmen schuf für die Luftwaffe Werkstätten in ganz Europa; in Hoch-Zeiten beschäftigte es 16 000 Frauen und Männer, von denen gerade 300 zum fliegerischen Personal zählten, die anderen waren mit der kriegswichtigen Instandsetzung befasst – und das Gros von ihnen zählte zu der großen Gruppe ausländischer Beschäftigter, von denen viele regelrecht entführt worden waren.

          Wer sich gemeldet habe, sei auch entschädigt worden

          Aber hat sich die Lufthansa ihrer Geschichte gestellt? Dazu muss man wissen, das 1955 ein neues Unternehmen gegründet wurde, das vom alten lediglich Name und Logo übernahm. So verwies die neue Deutsche Lufthansa AG lange darauf, dass sie ja gar keine Vergangenheit vor 1955 habe, wie es im Film heißt. Als eigenwillig darf der Umgang mit der Studie von 1999 gelten. Während andere Unternehmen, die Großbanken etwa, in jenen Jahren ausführliche Bücher über ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus vorlegten, sah man bei der Fluggesellschaft von einer Veröffentlichung ab, schickte die Studie gleichwohl aber jedem, der danach fragte – falls er davon wusste.

          In der Frage der Zwangsarbeiter-Entschädigung sagt ein Sprecher, anders als im Film behauptet, ließen es die Unterlagen im Konzernarchiv eben nicht zu, die Namen der 10.000 Zwangsarbeiter zu rekonstruieren, denn es seien Akten im Krieg verlorengegangen. Wenn sich jemand gemeldet habe, sei er auch entschädigt worden, dies seien jedoch nur Einzelfälle gewesen. Zudem sei der Konzern der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft beigetreten. Es sei also nicht richtig, dass man sich vor Entschädigungszahlungen gedrückt habe.

          Abtauchen bringt nichts

          Seit einigen Tagen nun steht die Studie Budraß’ zumindest im Intranet des Konzerns; zu dem einen Klick, der sie auch ins Internet befördern würden, hat man sich bisher nicht entschieden. Sie wird allerdings auf Anfrage weiterhin jedem zugeschickt. Es war diese Veröffentlichung im Intranet, die bei der Belegschaft allein an einem Tag zu 6500 Klicks führte. Im „Lufthanseat“ ist nun nachzulesen, die heutige Lufthansa sei sich der Geschichte der alten Lufthansa bewusst; zu ihr gehörten fliegerische Pionierleistungen ebenso wie die Vereinnahmung durch das nationalsozialistische Regime.

          Doch sollte die Lufthansa genauer nachweisen, wie sie bei der Entschädigung von Zwangsarbeitern verfahren ist und warum nicht anders. Abtauchen hat bei dieser heiklen Angelegenheit noch nie geholfen, mag der Krieg nun auch 65 Jahre zu Ende sein.

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