25.10.2007 · Für die Anbauer in der Region hat derzeit das Geschäft mit der Zuckerrübe einen bitteren Beigeschmack: Die Preise verfallen, die Zuckerfabrik in Groß-Gerau wird geschlossen.
Von Hanns MattesDie Vertragsrübe ist vom Aussterben bedroht. Und die Schuld trägt diesmal keine Umweltkatastrophe, sondern die Europäische Union: Weil sie die Spielregeln auf dem Markt für Zucker verschärft hat, sollen auf dem Kontinent Anbauflächen stillgelegt werden. Um 13,5 Prozent wird die Südzucker Aktiengesellschaft ihre Produktion drosseln, und in das Einzugsgebiet des Konzerns fallen auch die rund 12.000 Hektar Land, auf denen in Südhessen und der Wetterau derzeit noch Zuckerrüben angebaut werden.
Und deswegen geht es der Vertragsrübe an den Kragen: Der Begriff meint die Kontingente an Feldfrüchten, über die der Konzern Lieferkontrakte mit den Landwirten abgeschlossen hat. Denn nicht nur die Abgabemenge wird verringert, zudem fallen die Preise. Statt derzeit knapp 33 Euro je Tonne Rüben werden den Bauern in zwei Jahren nur noch 26 Euro garantiert.
Deutschland muss Anbaumenge reduzieren
Der Impuls zur Neuregelung ging nicht von Brüssel, sondern von der Welthandelsorganisation aus. Diese gab Anbauländern wie Brasilien recht, dass die Union ihr Geflecht aus Garantiepreisen und Lieferrechten aufgeben müsse. Bei den Zuckerfabriken und Rübenbauern in Deutschland gilt es als ausgemachte Sache, dass die Unterhändler der Europäischen Union bei den Gesprächen mit der WTO kein akzeptables Ergebnis erreicht haben. Denn auch in Brasilien hat der Staat die Finger im Zuckermarkt, ganz zu schweigen von den sozialen und ökologischen Bedingungen, unter denen dort Zuckerrohr angebaut wird.
Bei der Europäischen Union hoffte man, dass vor allem Landwirte ihre Produktion in den Regionen umstellen, in denen Zuckerrüben aus klimatischen Gründen nicht gut gedeihen. Tatsächlich haben einige Mittelmeer-Anrainer und skandinavische Anbauer Kontingente aufgegeben, aber bei weitem nicht genug, um die nötige Sparvorgabe zu erfüllen. Die großen Zuckerproduzenten in Europa sitzen in Frankreich mit mehr als vier Millionen Tonnen Jahresproduktion oder Deutschland mit etwas mehr als 3,5 Millionen Tonnen und Polen; dort werden etwa 1,75 Millionen Tonnen Zucker jährlich hergestellt.
Dass Portugal und Slowenien ihre ohnehin minimale Produktion auf null heruntergefahren haben, fällt dagegen kaum ins Gewicht. Um sechs Millionen Tonnen soll die Zuckerproduktion in Europa verringert werden, aber nur um 2,2 Millionen Tonnen ist die Zuckermenge abgebaut worden. Daher werden nun auch die Landwirte in den großen Anbauländern zur Ader gelassen.
Südzucker schließt zwei Werke
Im Schnitt werden in diesem Jahr je Hektar rund 67 Tonnen Rüben geerntet, wie Manfred Menz vom Verband Wetterauer Zuckerrübenanbauer schätzt, der Zuckeranteil liegt bei sehr guten 18 bis 18,2 Prozent. Werte, mit denen die Anbaugebiete Hessens durchaus wettbewerbsfähig sind. Aber auch sie werden nun von der in Brüssel verordneten Zwangskürzung erfasst. Erstes Opfer des Einschnitts ist die Zuckerfabrik in Groß-Gerau: Nach dem Ende der Kampagne genannten Rübenernte im Dezember wird sie heruntergefahren. Denn Südzucker wird seine beiden kleinsten Werke schließen – und das sind Regensburg und eben Groß-Gerau. Künftig sollen die Bauern ihre Ware nach Offstein, Wabern oder Ochsenfurt bringen, und so fürchten die Anbauer, dass sie vom Markt verdrängt werden könnten, weil die Fuhren zur Fabrik zu teuer würden.
Den Ausstieg erleichtern soll den Bauern ein Prämiensystem: Wenn sie Kontingente – Vertragsrüben eben – zurückgeben und den Anbau einstellen, dann erhalten sie als Ausgleich 45 Euro je Tonne von der EU. Südzucker zahlt zusätzlich eine Frachtprämie an Bauern, die ihren Betrieb umstellen; der Konzern finanziert den Transport der Feldfrüchte vom Acker in die Fabriken. Wie es bei Südzucker heißt, kommen für diesen Schritt am ehesten Betriebe in Frage, die wegen schlechter Ertragsbedingungen oder zu großer Entfernungen zur nächsten Fabrik Nachteile haben. Oder die ohnehin vor der Aufgabe stünden, weil zum Beispiel kein Nachfolger zu finden sei.
In den vergangenen Tagen hat Südzucker den Landwirten in der Region detaillierte Berechnungen aufgestellt, mit welchen Prämien sie rechnen könnten. Und der Konzern informiert die Bauern, gestern zum Beispiel in Florstadt. 600 Landwirte sind der Einladung gefolgt, und viele von ihnen, sagt Südzucker-Gebietsdirektor Manfred Kröhl, hätten wohl in den vergangenen Tagen „schlecht geschlafen“. Noch können sie sich „freiwillig“ für die Südzucker-Offerte entscheiden, aber Kröhl und seinem Publikum ist klar, dass die Bedingungen in Zukunft nur schlechter werden können. Viel Zeit bleibt nicht: Bis zum 16. November müssen die Landwirte ihre Entscheidung fällen. Eine bittere Entscheidung, auch für Kröhl, seit 33 Jahren bei Südzucker: „Die Wetterau ist super organisiert – und wir legen still.“
Hanns Mattes Jahrgang 1964, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Groß-Gerau.
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