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Zu Besuch in London : Neues Selbstbewusstsein für Hessens Kreative

Ein Zentrum der Kunst: das von der hessischen Delegation besuchte Somerset House in London. Im Vordergrund das Kunstwerk „Western Flag (Spindletop, Texas) 2017“ von John Gerrard, aufgenommen am Earth Day, dem 22. Bild: dpa

Der hessische Wirtschaftsminister ist ausnahmsweise einmal nicht mit Vertretern des Finanzplatzes Frankfurt in London. Diesmal hat er Kreative in die britischen Hauptstadt mitgenommen.

          Der erste Blick ist erhaben und einprägsam zugleich. Vom Konferenzraum der Londoner Wirtschaftsförderungsgesellschaft namens London and Partners, die direkt neben dem Rathaus liegt, genießt man durch eine Glasfassade einen freien Blick auf die Themse und die berühmte Tower Bridge. Als die Vertreter der hessischen Kreativwirtschaft zu Beginn ihrer Delegationsreise den Raum betreten, zücken die meisten von ihnen ihr Smartphone und nehmen Erinnerungsfotos auf. Auch Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) setzt sich vor das Fenster und macht ein Selfie.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit Dienstag weilt der grüne Wirtschaftsminister mit 50 Vertretern der hessischen Kreativwirtschaft, darunter Architekten, Designer, Filmproduzenten und Fachleuten für Kommunikation und Werbung, in der britischen Hauptstadt. Der Zeitpunkt für die vierte Delegationsreise des Ministers ist gut gewählt: London und das Vereinigte Königreich befinden sich mitten in den Verhandlungen zum Austritt des Landes aus der Europäischen Union und stehen kurz vor der von Premierministerin Theresa May angesetzten Parlamentswahl am 8. Juni. Es ist eine Zeit des Umbruchs, sagt der Leiter der Wirtschaftsabteilung der Deutschen Botschaft, Norman Walter. „Die Briten glauben, es werde schon nicht so schlimm werden.“ Auch viele Brexit-Gegner hätten sich mittlerweile mit der Tatsache abgefunden, dass Großbritannien die Union verlassen werde.

          Am schnellsten wachsende Wirtschaftssektor des Landes

          Nichtsdestotrotz sagt Al-Wazir schon bei der Begrüßung der Delegation am Flughafen, London sei wirtschaftlich und kulturell nach wie vor eine globale Metropole. „Und das wird sie auch nach dem Brexit bleiben.“ Schon vor seinem Amtsantritt hatte Al-Wazir angekündigt, die Kreativwirtschaft stärker in den Blick nehmen zu wollen. Im Februar gab es den ersten Kreativwirtschaftstag mit 500 Teilnehmern, die Fördermittel aus Wiesbaden wurden jüngst auf 400000 Euro im Jahr verdoppelt. Die Reise nach London passt da durchaus ins Bild, denn in London schlägt das europäische Herz der Branche.

          Die Kreativwirtschaft ist derzeit der am schnellsten wachsende Wirtschaftssektor des Landes, ihre Bruttowertschöpfung ist mit rund 100 Milliarden Euro viermal so groß wie jene der Automobilindustrie. Etwa die Hälfte davon trägt London bei. Zum Vergleich: Die Kreativwirtschaft in Hessen erwirtschaftete zuletzt jährlich 11,7 Milliarden Euro.

          Etwa 800000 Menschen sind in der 8,5-Millionen-Einwohner-Metropole an der Themse in der Kreativwirtschaft beschäftigt. Doch das sind nur nackte Zahlen gegenüber den Geschichten, die die Branche hier zu erzählen hat, allein in der Filmindustrie. So pilgern Tausende Touristen im Jahr zum Londoner Bahnhof Kings Cross, um dort auf dem Bahnsteig „9 3/4“ auf den Spuren der Harry-Potter-Erzählungen zu wandeln. Einem Stadtteil wie Notting Hill wurde ein Film mit Hugh Grant und Julia Roberts gewidmet. Und allein die im Londoner Stadtteil Soho angesiedelten Kreativunternehmer sollen in den vergangenen 15 Jahren mehr als 20 Oscars gewonnen haben.

          Entsprechend selbstbewusst stellt Eliza Easton als Vertreterin der lokalen Kreativwirtschaft in den Räumen der Wirtschaftsförderung ihre Branche vor. Easton sagt, künftig wolle man noch stärker auf die Kraft der Kreativen setzen, und präsentiert eine Zahl, die viele Mitglieder der hessischen Delegation durchaus beeindruckt. 87 Prozent der Jobs der Kreativindustrie seien nicht von den Folgen der Automatisierung betroffen, zitiert sie aus einer Studie. Während also in vielen Branchen ein durch die Digitalisierung getriebener Stellenabbau drohe, liege die Zukunft der Beschäftigung in Tätigkeiten, die nicht von Computern ersetzt werden könnten. Und dazu gehören kreative Arbeiten ohne Zweifel. In London soll deshalb noch mehr in Bildung und Ausbildung für diesen Wirtschaftssektor investiert werden.

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