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Zehn Jahre nach Hoechst Das Leben als neue Geschäftsidee

30.06.2009 ·  Vor zehn Jahren verschwand die Hoechst AG von den Kurszetteln. Auch Nachfolger Aventis ist längst Geschichte. Der Streit, ob die Manöver dem Standort Frankfurt geschadet haben, ist noch nicht entschieden.

Von Thorsten Winter
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Wenn Karl-Gerhard Seifert über den traditionsreichen Chemie- und Pharmakonzern spricht, zückt er gerne eine Grafik. Das nicht mehr ganz aktuelle Schaubild zeigt einen Fixstern, um den sich 27 gelbe Satelliten und fast 50 blaue Sterne gruppieren. Die gelben Satelliten stehen für die seit Mitte der neunziger Jahre an Investoren verkauften Geschäftsfelder des Unternehmens. Amerikanische, japanische schweizerische, belgische, niederländische oder französische Flaggen stecken ab, was Seifert, jahrelang Pharmavorstand von Hoechst, einen Ausverkauf ans Ausland nennt und als Ergebnis von Managementfehlern geißelt.

Schon seinerzeit hatte sich Seifert gegen die von Konzernchef Jürgen Dormann betriebene Aufspaltung gewandt. In der Rückschau findet er noch drastischere Worte für die einstige Chefetage: „Man kann sich nicht vorstellen, dass ein Vorstand, von dem man glaubt, was das alle für tolle Kerle wären, so viel Unsinn gemacht hat.“

Die Idee, einen Life-Sciences-Konzern zu schaffen, haben Investmentbanker in die Welt gesetzt, wie er sagt. Nach dem Motto: Die Einzelteile des Konzerns sind mehr wert als der unübersichtliche Chemie- und Pharmariese Hoechst, zu dem auch das Industriegasegeschäft Messer Griesheim, der Impfstoffespezialist Behring Marburg, der Wursthüllenhersteller Kalle Nalo, der Faserproduzent Trevira oder der Textilfarbenhersteller Dystar gehörten. Um nur einige zu nennen.

„A Star Is Born“

Noch heute findet sich in Seiferts Büro im alten Cassella-Rotklinkerbau an der Hanauer Landstraße eine Investmentstudie einer großen deutschen Bank mit dem Titel „A Star Is Born“. Thema dieses blumigen Titels war Aventis, der aus der Fusion der Hoechster Pharma- und der Agrarchemiesparte und des Konkurrenten Rhône-Poulenc aus Frankreich entstandene Life-Sciences-Konzern mit Sitz in Straßburg statt in Frankfurt. Seifert, der heute Aufsichtsratschef des aus Cassella hervorgegangenen Chemieunternehmens Allessa in Frankfurt-Fechenheim ist, hat sich nach eigenem Bekunden frühzeitig gegen die Idee gewandt, sich auf die Vermarktung der Erkenntnisse der Biowissenschaften zu konzentrieren: „Ich habe immer gesagt: Es gibt Agro auf der einen Seite und Pharma auf der anderen - beide gehorchen unterschiedlichen Gesetzen in den jeweiligen Märkten. Im Vorstand wurde das aber auf die Aussage reduziert: Beides fußt auf der DNA, die Menschen und Pflanzen aufweisen.“

Als Aventis 1999 auf dem Kurszettel der Börse erschien, gingen Schweizer Unternehmer, die ebenfalls mit einem Life-Sciences-Konzern geliebäugelt hatten, einen anderen Weg: Novartis brachte seine Agrosparte im Jahr 2000 mit jener von Astra-Zeneca zu der Gesellschaft „Syngenta“ zusammen, die mittlerweile auf dem weltweiten Markt für Agrarchemikalien eine führende Rolle spielt. Aventis verabschiedete sich hingegen recht schnell: 2003 reichte man die Agrosparte Crop Science an Bayer weiter. Und schon Mitte 2004, fünf Jahre nach Gründung, ging Aventis in den französischen Arzneimittelhersteller Sanofi-Synthélabo ein.

Sanofi-Aventis investiert regelmäßig 200 Millionen Euro

Nun sitzt der neue Pharmariese Sanofi-Aventis zwar in Paris und nicht in Frankfurt - doch bekennt er sich regelmäßig nicht nur mit Worten zum Standort Höchst. In den vergangenen Jahren investierte Sanofi-Aventis regelmäßig um die 200 Millionen Euro im Jahr in seine dortigen Anlagen. So flossen zuletzt allein 150 Millionen Euro in den Bau einer Anlage, in der Pens produziert werden - Geräte, mit denen sich Zuckerkranke ihre Arzneien spritzen können. Gerade hat Sanofi-Aventis mitgeteilt, weitere 23 Millionen Euro in den Ausbau der Fertigung des noch zu Seiferts Hoechster Zeiten entwickelten Langzeitinsulins Lantus und der Pens zu stecken. Für 30 Millionen Euro will Sanofi-Aventis eine Zellkulturanlage für die Produktion monoklonaler Antikörper für die klinische Entwicklung aufbauen. Ein weiteres Beispiel für die Perspektiven, die der Standort Höchst auf diesem Sektor nach wie vor besitzt.

Das freut die 8500 Beschäftigten - und den Industriepark-Betreiber Infraserv Höchst, der vor gut zehn Jahren aus der Hoechst AG entstand. Infraserv-Geschäftsführer Jürgen Vormann, seinerzeit am Umbau des Konzerns beteiligt, hält die Transformation des Konzerns auch in der Rückschau für richtig, wie er sagt. Und: „Mit Blick auf den Industriepark Höchst gilt das uneingeschränkt.“ Schließlich hat das frühere Hoechst-Stammareal zuletzt ein regelrechtes Feuerwerk an Investitionen erlebt. Gut 600 Millionen Euro steckten Unternehmen in ihre dortigen Anlagen - und zum Ende dieses Jahres wird diese Summe noch übertroffen werden, wie Vormann und Geschäftsführer Roland Mohr prognostizieren. Seit dem Jahr 2000 sind mehr als 3,7 Milliarden Euro in den Industriepark Höchst gesteckt worden. Vormann sieht dies als „Voraussetzung für neue Prosperität“ am Standort an.

22.000 Beschäftigte im Industriepark Höchst

Zudem beschäftigen die rund 85 Unternehmen im Industriepark derzeit nicht weniger Mitarbeiter als der Hoechst-Konzern in seiner Endphase. Auf rund 22.000 beziffert Infraserv seit mehreren Jahren die Zahl der Beschäftigten, die Mitarbeiter von Fremdfirmen eingerechnet. Ähnlich viele Beschäftigte hatte Hoechst im Jahr 1995 - die Marke 30.000 war zuletzt zu Anfang der achtziger Jahre in Sichtweite gewesen. Damals arbeiteten 29.000 Männer und Frauen für die ehemaligen Farbwerke. Vor diesem Hintergrund bescheinigt Seifert den Infraserv-Managern, „einen guten Job“ zu machen.

Der Umbau-Gegner Seifert und der Umbau-Befürworter Vormann stimmen in zweierlei überein: Auch der Infraserv-Chef sieht die Abspaltung des klassischen industriellen Geschäfts von Hoechst als „kapitalmarktgetrieben“ an. So konnte sich Seifert nach eigenen Worten bereits seinerzeit nicht mit der Konzentration Dormanns auf Life Sciences anfreunden. Der Idee war der Schachzug vorausgegangen, Hoechst als strategische Management-Holding mit neun großen Töchtern aufzustellen: Hoechst Marion Roussell (Pharma), Agrevo (Agro), Hoechst Roussell Vet (Tierarzneien), Behring Diagnostics (Diagnostika), Celanese (Chemikalien), Trevira (PET und Fasern), Ticona (Technische Kunststoffe), Messer (Gase) und Herberts (Lacke).

Bei aller Kritik an Dormanns Strategie sieht Vormann aber einen Vorteil der Aufspaltung: Wettbewerbsdruck wirkt sich stärker aus als ehedem. „Sie spüren den Schmerz unmittelbar und müssen reagieren und können nicht darauf hoffen, dass die große Hoechst Verband und Tupfer reicht.“ Dies wirke sich letztlich günstig auf die Wettbewerbsfähigkeit etwa von Infraserv aus. Auch die größeren ehemaligen Standorte von Hoechst in der Region - Höchst und Wiesbaden - florierten.

Standorte Griesheim und Offenbach leiden

An den ehemaligen Standorten Griesheim und Offenbach sieht es dagegen trübe aus. In dem kleineren Frankfurter Industriepark sind mit Allessa und Weyl-Chem noch zwei Produktionsbetriebe übrig. In Offenbach ist nach dem Aus für den Faserhersteller Invista, der früher auch zu Hoechst gehörte, die Allessa künftig allein auf weiter Flur. Vormanns eher rhetorische Frage, ob sich beide Standorte unter Hoechst besser gehalten hätten, muss naturgemäß offenbleiben. Seifert gibt aber zu bedenken, dass der Konzern durchaus auch eine bewusste Standortpolitik für Rhein-Main betrieben habe.

Die Bilanz nach zehn Jahren ist zweischneidig: Aus der einst schier unerschütterlichen Mutter Hoechst sind viele Unternehmen geworden - und viele sitzen im Ausland. Dort, und nicht mehr am traditionsreichen Chemiestandort Frankfurt, wird über Investitionen und Karrieren entschieden - ein Verlust an Macht. „Das kann man so sehen“, meint Vormann dazu, „aber man kann auch sagen: So what - denn die Zahlen stimmen.“

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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