Von klein an hatte sie Bauchweh. „Ich kannte es nicht anders“, sagt die Wiesbadenerin in der Rückschau. Nach dem Abendessen legte ihre Mutter ihr regelmäßig die Hand auf den Oberbauch. Und das tat ihr gut. Doch nach dem nächsten Essen kamen die Schmerzen wieder. Tagein, tagaus. Sie hatte sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt, wie sie sagt, ohne die Gründe zu kennen. Bis sie nach einer Schilddrüsengeschichte weiter Gewicht verlor und sich mit 50 Jahren einer Magen- und Darm-Spiegelung unterzog. Seitdem weiß die Wiesbadenerin: Sie hat Zöliakie – eine chronische Dünndarm-Erkrankung, die auf der Unverträglichkeit gegenüber dem in Getreide enthaltenen Klebereiweiß Gluten beruht. Wer an Zöliakie leidet, muss strenge Diät einhalten, wie es bei der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft heißt. Mit Arzneimitteln kann Zöliakie nicht behandelt werden. Die Zedira GmbH in Darmstadt will das aber ändern: Sie forscht an einem Wirkstoff.
Das im Sommer 2007 gegründete Unternehmen von Ralf Pasternack und Martin Hils geht auf die ebenfalls in Darmstadt ansässige N-Zyme Biotech zurück, die aus beiden Hochschulen am Ort heraus entstand. Pasternack war nach dem Studium der Chemie und Biochemie von der Technischen Universität an die damalige Fachhochschule gewechselt, um seine Doktorarbeit über Transglutaminasen, das sind körpereigene Enzyme, zu schreiben. Eine dieser Transglutaminasen steht im Mittelpunkt der Forschungsarbeit von Zedira.
Körpereigenes Eiweiß ausschalten
Dabei handelt es sich um einen Eiweißstoff, der in der Schleimhaut des Dünndarms vorkommt – jener Schicht, über die der menschliche Körper die Nährstoffe aufnimmt. Diese Transglutaminase verändert das über Getreideprodukte wie Brot, Nudeln oder Bier in den Körper gelangte Gluten und macht es für die Immunabwehr sichtbar. Diese wiederum erkennt das Klebereiweiß als fremd und bekämpft es. Entzündungen sind die Folge.
Hils und Pasternack wollen mit ihrem Wirkstoff in diesen für die Gluten-Unverträglichkeit entscheidenden Vorgang eingreifen, indem die Transglutaminase ausgeschaltet wird. In der Folge wird das Gluten nicht mehr verändert – und einer Entzündung vorgebeugt, wie sie sagen. 2,5 Millionen Euro sind bisher in die Wirkstoffentwicklung investiert worden. Die eine Hälfte hat das Unternehmen aus Eigenmitteln aufgebracht, die andere Hälfte hat der Bund zugeschossen, der das Projekt aus dem Programm „Bio Chance plus“ fördert.
Unbedenklichkeit zu beweisen
Noch befindet sich der Wirkstoff in der sogenannten präklinischen Forschung. Dabei muss geklärt werden, wie er sich im Körper verteilt, ob und wie er im Zuge dessen chemisch verändert wird und wie er den Organismus wieder verlässt. Nicht zuletzt muss die Unbedenklichkeit mit Blick auf eine mögliche Giftigkeit nachgewiesen werden. Dies will die 15 Mitarbeiter zählende Zedira in diesem Herbst in Angriff nehmen.
Erweist sich der Wirkstoff wie erhofft als unbedenklich, folgt neun Monate später der erste Test an gesunden Testpersonen, bei dem wiederum die Unbedenklichkeit im Fokus steht. Ein weiteres dreiviertel Jahr danach steht die Phase II mit Zöliakie-Patienten an, um die Wirksamkeit der Entwicklung zu beweisen. Eine Anzahl an Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit hat sich laut Hils und Pasternack für Tests vormerken lassen. Dies lässt erahnen, wie sehr manche Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit ein Medikament herbeisehnen.
Teurer Weg bis zur Zulassung
Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung leiden unter Zöliakie, das Marktvolumen wird auf etwa 750 Millionen Euro weltweit geschätzt. So ist Zöliakie für Arzneimittelentwickler ein attraktives Feld. Der Weg bis zu einem zugelassenen Mittel ist aber nicht nur lang, sondern auch teuer. Bis zur Phase II benötigt Zedira rund fünf Millionen Euro. Obwohl die Firma mit 75 verschiedenen Produkten rund 800.000 Euro im Jahr erlöst, kann sie diese Investition allein nicht stemmen. Sie verhandelt deshalb mit Investoren.
Die Wiesbadenerin kommt derweil ohne Arznei klar: „Ich kann Zöliakie vermeiden“, sagt sie – seitdem sie die Ernährung umgestellt hat. „Das hat ein Jahr gedauert, aber seitdem geht es gut damit.“

