16.07.2008 · Unternehmen müssen gut aufpassen, was bei Wikipedia über sie geschrieben steht. Denn die Enzyklopädie zählt zu den wichtigsten Seiten im Netz. Doch nicht alle Artikel über die Wirtschaft der Region sind auf dem neuesten Stand.
Von Manfred KöhlerDie Personalberatung Dr. Rochus Mummert und Partner hat es nicht geschafft. Ein Beitrag über das Unternehmen bei Wikipedia wurde im Juni schlicht gelöscht. „Keine Relevanz erkennbar“, meinte jemand knapp in der im Internet geführten Diskussion dazu, und auch ein Versuch, den Beitrag mit dem Hinweis auf die dreißigjährige Unternehmensgeschichte zu retten, verfing nicht. „Auch vor 30 Jahren gab es schon andere Personalberatungen“, lautete eine letzte Anmerkung, bevor der Artikel im Nirwana verschwand.
So hart kann es zugehen in der Gemeinschaft der weitgehend anonymen Autoren der Internet-Enzyklopädie, die weiter und weiter wächst. Andere Unternehmen finden Gnade, weil sie lange diskutierte Relevanzkriterien erfüllen. Die kleine Lufttaxi Fluggesellschaft aus Dortmund etwa scheint bleiben zu dürfen – darüber wurde im Netz heftig gerungen –, weil sie Mitglied der IATA ist. Und die großen Adressen sind sowieso bei Wikipedia vertreten. Ob Fraport, Heraeus oder Schott aus Mainz – über viele Unternehmen des Rhein-Main-Gebiets finden sich dort Beiträge.
Flotter Auftritt, guter Ruf
Doch nicht alle sind auf dem neuesten Stand. Bei der Messer Group ist der Wiedereinstieg ins Deutschland-Geschäft mit keinem Wort erwähnt. Bei der Frankfurter Sparkasse stammen die Geschäftsdaten noch von 2006. Bei Neckermann ist von dem neuesten Personalabbau mitnichten die Rede. Und bei der Auflistung der Frankfurter Messen fehlt die „Decorate Life“, der Name für die neue konzipierte Sommermesse, von Geschäftszahlen, wie alt auch immer, oder Angaben über die Geschäftsführung ganz zu schweigen.
Dabei wird Wikipedia immer wichtiger. Denn nicht jeder arbeitet sich durch verschachtelte Internet-Auftritte durch, wenn er einen Überblick über ein Unternehmen gewinnen will. Das ständig fortgeschriebene Lexikon hingegen kommt flott daher und hat einen guten Ruf. So veröffentlichte die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen kürzlich eine Studie, wonach Journalisten Wikipedia zu den drei wichtigsten Angeboten im Internet für ihren Beruf zählen.
Zunehmend wird das auch in den Presseabteilungen der Unternehmen erkannt. Man verfolge durchaus, wie sich der Beitrag über das eigene Haus ändere, heißt es einhellig. Dabei reicht es nicht, nur alle paar Wochen nachzuschauen: Der Artikel über die Commerzbank wurde allein in diesem Monat schon fünfmal erneuert, der der Lufthansa gar 16 Mal. Denn an Wikipedia darf jeder mitschreiben, der sich kompetent fühlt. Und Tausende machen mit. Es sind Leute wie „Karsten11“. „Ich freue mich, Informationen über das Bankgeschäft und Bankrecht beisteuern zu können“, schreibt er. „Als alter Taunustiroler kann ich meinen Lokalpatriotismus voll ausleben.“ Und so legte „Karsten11“ 2007 einen Beitrag über die Frankfurter Volksbank an. Ihm ist auch zu verdanken, dass sich seit einigen Tagen ein Eintrag über die Hochtaunus-Kliniken bei Wikipedia findet.
„Wikiscanner“ zeigt Autoren von Änderungen auf
Die Unternehmen verhalten sich unterschiedlich. Offensiv geht die Helaba vor – die Mitarbeiter halten den Eintrag über die Bank selbst auf dem neuesten Stand, und sie machen kein Geheimnis draus. „Presse-Helaba“ lautet ihr Autorenname im Netz. Bei der Frankfurter Sparkasse heißt es, ein einziges Mal habe man selbst an dem Artikel eine Änderung vorgenommen – seitdem kann sich dort jeder über das soziale und kulturelle Engagement des Hauses informieren. In der Lufthansa-Pressestelle wiederum lautet die Vorgabe, zwar hinschauen, aber keinesfalls selbst zu schreiben, aus Respekt vor der Wikipedia-Community.
Tatsächlich werden die Artikel über Unternehmen mit Argusaugen beobachtet. Jedes dritte Dax-Unternehmen manipuliere, ist in den Weiten des Internets zu lesen. Wer „Wikiscanner“ googelt, findet eine Seite, über die sich in manchen Fällen nachvollziehen lässt, ob der Autor einer Änderung bei Wikipedia im betreffenden Unternehmens sitzt. Umstritten sind in der Wikipedia-Gemeinde aber weniger Geschäftszahlen und Informationen über die Struktur von Unternehmen als vielmehr die Darstellungen über ihre Geschichte – der Beitrag über Hermann Josef Abs wurde nahezu 200 Mal erweitert und geändert – und über aktuelle Vorhaben wie den Flughafenausbau. Auch bei Biblis fechten Anhänger und Gegner der Kernkraft immer wieder aus, was in ein Lexikon gehört.
Unterdessen lernen die Unternehmen, Wikipedia nicht nur hinzunehmen, sondern derartige Instrumentarien auch zu nutzen. Im Intranet mancher Konzerne finden sich vergleichbare Lexika, um Transparenz zu schaffen. Und die Sulzbacher Messer Group kündigte unter www.gase.de eine eigene deutschsprachige Enzyklopädie über Industriegase an. Auch dort darf jeder mitschreiben, der sich für Sauerstoff und Stickstoff interessiert. Arbeitstitel: „Gasewiki“.