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Wiesbadener Auktionator Muth : Mehr als 120.000 Autos unter dem Hammer

Hammering Man aus Wiesbaden: Karl Rolf Muth steht seit fast 30 Jahren an der Spitze der Auktion & Markt AG Bild: Michael Kretzer

Der Wiesbadener Karl Rolf Muth versteigert seit fast 30 Jahren Autos. Aus einem Zwei-Mann-Unternehmen hat der Auktionator ein europaweit tätiges Unternehmen aufgebaut, das allerdings nur Insider kennen.

          Allein im vergangenen Jahr hat Karl Rolf Muth mehr als 120000 Autos umgeschlagen. Gut, nicht er alleine, sondern der öffentlich bestellte und vereidigte Auktionator zusammen mit den inzwischen 250 Mitarbeitern seines Unternehmens Autobid.de. Es ist die Cash Cow unter den Marken seiner Auktion & Markt AG aus Wiesbaden, deren Aktien alle in Familienbesitz sind. Der Warenwert, den der sportive Endsechziger und seine Leute zuletzt in zwölf Monaten unter den Hammer genommen haben, beläuft sich auf rund 1,3 Milliarden Euro, der Umsatz lag bei 600 Millionen.

          Jochen Remmert

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein derartiges Geschäftsvolumen erreicht man nicht, wenn man Privatwagen in Auktionen vermarktet. Autobid.de ist seit der Jahrtausendwende ausschließlich Geschäftskunden vorbehalten, 25.000 registrierten Händlern, von denen rund 10.000 regelmäßig aktiv sind, wie Muth berichtet. Dass sich der Unternehmer mit der Tochter Autobid.de ausschließlich an den Handel wendet, hat gleichermaßen einfache wie plausible Gründe: Da ist zunächst die Gewährleistung. Die könne er im Geschäft mit den Händlern ausschließen, bei Privatkunden sei das nicht möglich. Außerdem tue sich der Deutsche gerade beim Autokauf schwer mit schnellen Entscheidungen, er prüfe und überlege meistens sehr intensiv. „Der Deutsche kauft das Auto nicht, er heiratet es“, scherzt Muth. Doch bei einer Auktion funktioniere die Brautschau nicht.

          Autos aus Werksflotten

          Vermarktet werden in den Auktionen vor allem Autos aus Werksflotten von Herstellern wie BMW, Volkswagen und Audi, Bestände von Markenniederlassungen, von Banken, Rückläufer von Leasinggesellschaften sowie Fahrzeuge von Autovermietern und anderen Flottenbetreibern.

          Bisweilen erhält Autobid.de auch von einzelnen Autobauern den Auftrag, Halbjahres und Jahreswagen in einer Ein-Marken-Auktion zu vermarkten. Bei den ganz großen unter den Herstellern kommt da rasch ein Katalog von der Stärke zustande, wie sie früher einmal für Telefonbücher von Millionenstädten typisch war. Bis dieser Katalog allerdings vorliegt, ist einige Arbeit zu leisten, denn die Autobauer übermitteln nur die Rohdaten der Fahrzeuge, wie Muth berichtet. Daraus stellen dann die Mitarbeiter Pakete zusammen, auf die die Händler bieten können. „Das sind mal kleinere Posten im Volumen von 500.000 Euro oder auch mal solche von mehreren Millionen“, erläutert Muth. Die Autos werden in ganz Europa vermarktet, ein Schwerpunkt bildet Osteuropa. An einem einzigen Tag wechseln mitunter Autos im Wert von 120 Millionen Euro den Besitzer.

          Auktionen ohne echten Hammerschlag

          Dass solche Geschäftsvolumina mit Kunden in ganz Europa nicht mehr mit Live-Auktionen und echtem Hammerschlag zu schaffen sind, versteht sich: „Wir vermarkten heute 90 Prozent unserer Autos online“, sagt Muth. Ein Händler aus Warschau etwa setze sich nicht ins Auto und fahre zu einer Auktion. Der biete online und verlasse sich auf die Angaben. Begonnen hat die Karriere des Juristen Muth als öffentlich bestellter und vereidigter Auktionator noch ganz traditionell. Als er 1988 Auktion & Markt gegründete, vermarktete er noch in reinen Präsenz-Auktionen Schmuck, Antiquitäten, aber auch schon Gebrauchtfahrzeuge – damals auch noch an Privatpersonen.

          Vor allem die Gebrauchtwagenversteigerungen entwickelten sich schnell so gut, dass noch im Gründungsjahr jede Woche eine solche Auktion in Wiesbaden stattfand. Ganz so leicht sei es aber nicht gewesen, den Deutschen die Scheu vor Auktionen zu nehmen, erinnert sich Muth. Sie hätten die Auktion bis dahin nur als Zwangsversteigerung gekannt oder allenfalls noch aus den Medien, wenn die Blaue Mauritius für viel Geld unter den Hammer gekommen sei. Deshalb habe man die Ankunft des amerikanischen Online-Auktionshauses Ebay in Deutschland auch nicht als unliebsame Konkurrenz erlebt, sondern als Hilfe. Dadurch habe selbst der eher innovationsscheue deutsche Kunde Auktionen als alltäglichen Weg der Vermarktung von Waren kennengelernt.

          Anfänge als Zwei-Mann-Auktionshaus

          Als Unternehmer dürfte der bald achtundsechzig Jahre alte Wiesbadener die größte Freude aus dem Auktionsgeschäft ziehen, das wesentlich dazu beigetragen hat, aus einem Zwei-Mann-Auktionshaus innerhalb von knapp 30 Jahren ein ertragstarkes, europaweit tätiges Unternehmen mit 250 Beschäftigten aufzubauen. Ein zweites noch nicht stark entwickeltes Geschäftsfeld ist die Versteigerung von Gewerbeimmobilien.

          Muths Leidenschaft gehört aber den Klassikern unter den Autos. Daher dürfte es auch kein Zufall sein, dass eine weitere Tochter von Auktion & Markt Classicbid heißt und sich dem Handel mit Old- und Youngtimern widmet. Hier können auch Privatleute als Käufer und Verkäufer in Aktion treten. Live erleben kann man diese Auktionen unter anderem auch in der Klassikstadt Frankfurt und im Auktionszentrum in Weiterstadt südlich von Frankfurt oder in dem im Sommer dieses Jahres in Grolsheim bei Bingen eröffneten Classicbid Zentrum Rheinhessen.

          Die Leidenschaft für klassische Autos schlägt sich auch im privaten Fuhrpark Muths nieder. Als neuesten Zugang findet sich dort ein Rolls Royce Silver Cloud II Cabriolet, das 1962 bei H.J. Mulliner gefertigt wurde. Von dieser automobilen Preziose wurden keine 100 Stück produziert.

          Quelle: F.A.Z.

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