14.04.2009 · Das Rheingauer Weingut Lang liefert seine mit dem Traubenadler der deutschen Prädikatsweingüter gekennzeichneten Weine nun im zweiten Jahr auch an Aldi. Winzer Hans Lang kann über das Geschäft nicht klagen.
Von Oliver Bock, HattenheimEin Wein von „hellgelber Farbe mit zarten, grünlichen Reflexen“. Im Duft typisch Rheingau, am Gaumen mit angenehmer Länge und frischer, gut eingebundener Säure und einem saftigen, angenehmen und fruchtbetonten Finale. So preist der Discounter Aldi-Süd in dieser Woche einen deutschen Wein im Sortiment, der in Eltville-Hattenheim im Keller von Hans Lang gekeltert wurde.
Der Rheingauer Winzer Lang wiederholt damit eine Aktion aus dem vergangenen Jahr, die seither die Winzerschaft und die Weinjournalisten bewegt: Darf und soll ein Winzer, der sich als Mitglied des Verbands der Prädikatsweingüter (VDP) zur Elite der deutschen Winzerschaft zählt und Protagonist des Qualitätsstrebens im deutschen Weinbau sein will, einen Tropfen über den großen Billigheimer Aldi verkaufen? Er darf, wenn der Preis stimmt, meint Lang, der zwar Kritik, aber auch viel Zuspruch und Anerkennung erfahren hat und gerade erst zur jüngsten Aldi-Aktion das Lob eines Stammkunden, es tatsächlich in die Regale des Discounters geschafft zu haben.
Gut betuchte Weinliebhaber zum Discounter locken
Dass der preisaggressive Discounter einer der größten deutschen Weinhändler ist, ist nicht neu. Fast jede vierte Flasche in Deutschland wird über eine Scannerkasse von Aldi gezogen. Allerdings bewegen sich die meisten Weine von Aldi in der Preisklasse zwischen zwei und drei Euro. Auch einen Rheingauer Riesling gab es vor einigen Jahren schon einmal beim Discounter, damals allerdings für 1,99 Euro, was den Weinbauverband entsetzt hatte.
Doch nun schlagen 7,99 Euro für den Rheingauer Riesling beim Aldi-Kunden zu Buche. Es ist damit aktuell der teuerste Weißwein im Weinregal des Discounters. Das lässt wenig Raum für Kritik. Aldi hat das Weinsegment längst als ein Feld entdeckt, das für Aufmerksamkeit, Profilbildung, Werbung und Überraschungen gut ist. Echter Champagner, Chateau-Weine aus Bordeaux, Barolo und Brunello di Montalcino aus Italien – Aldi hat schon mit vielen, bis zu 20 Euro teuren Aktionstropfen für Furore gesorgt und gut betuchte Weinliebhaber in seine fast 4300 Filialen gelockt, die sich bislang ausschließlich und direkt beim Winzer oder beim gut sortierten Fachhändler bedient haben.
Dass Aldi auch mit deutschen Weinen eine gute Nase hat, bewies der Discounter schon vor Jahren, als er mit einer Kellereiabfüllung einen Wein der gerade erst neu geschaffene Classic-Kategorie für 4,99 Euro in die Regale stellte. Hans Lang ist auch nicht der erste VDP-Winzer, der Aldi als Vertriebsschiene entdeckt hat. Den Anfang machte Raimund Prüm von der Mosel, und zu den Lieferanten gehört inzwischen auch der Winzer Fritz Keller aus Baden, der zwar kein VDP-Mitglied ist, aber unumstritten als ein Qualitätserzeuger von Rang gilt.
Er vertreibt gerade einen Weißburgunder zum Preis von 5,99 Euro über Aldi. Dieser Wein ist allerdings keine Erzeugerabfüllung wie die von Lang, sondern ein Gemeinschaftsprojekt von 750 badischen Winzern. Alle diese Aktionen mit Aldi sind stets von langer Hand geplant: Hans Lang hat den Auftrag schon im August vergangenen Jahres erhalten und entsprechend den Vorgaben die Lese in den Weinbergen gesteuert. Nach der Ernte hat er regelmäßig Qualitätsproben eingeschickt, weil Aldi ein eigenes, strenges Kontrollsystem etabliert hat. Im Februar wurde gefüllt.
Lang zufolge wurden die 60.000 Flaschen Classic-Wein im vergangenen Jahr zu 70 Prozent schon binnen einer Woche verkauft. Der Rest wenig später, nachdem die nicht verkauften Tropfen aus den Filialen in Regionen mit geringem Weinabsatz umverteilt worden waren. Diesmal ist die Menge Lang zufolge jahrgangsbedingt etwas geringer, und er geht abermals von einem schnellen Verkauf aus.
„Moet gibt es ja auch an der Tankstelle“
Nach den teils heftigen Diskussionen im vergangenen Jahr „regt sich jetzt keiner mehr auf“, sagt Lang, der über die Geschäftsabwicklung voll des Lobes ist. Mit Aldi direkt hat der Winzer ohnehin nichts zu tun, denn die Abwicklung liegt bei der Essener C.A. Warren GmbH. Die Bedingungen seien fair, die Bezahlung erfolge prompt: „Das ist das sauberste Geschäft, das ich je gemacht habe“, sagt Lang, dem zudem bedeutet worden ist, sein Mut, als VDP-Winzer bei Geschäften mit Aldi voranzugehen, werde durch Folgeaufträge belohnt werden.
Lang geht fest davon aus, dass weitere renommierte Winzer seinem Beispiel folgen. Solange der Preis stimme, sollten die deutschen Winzer die Aldi-Regale nicht allein den ausländischen Erzeugnissen überlassen, sondern die Chance nutzen, mit deutschen Qualitätsweinen ein breites Publikum zu erreichen, das kaum den Weg direkt in einen VDP-Betrieb finde.
Aldi habe durchaus Interesse, auch hochwertige und teure deutsche Weine ins Sortiment zu nehmen, weiß Lang und schließt nicht aus, dass eines Tages sogar einmal ein Spitzenprodukt wie ein Erstes Gewächs in den Regalen steht.
Christina Fischer, Vorzeige-Sommeliere und VDP-Preisträgerin, hatte schon im April vergangenen Jahres zur Eröffnung der VDP-Weinmesse in Mainz vor Berührungsängsten gewarnt: VDP-Weine in Discountern oder Tankstellen? Warum nicht, wenn das Segment und der Preis stimme: „Moet oder Veuve Cliquot gibt es ja auch an der Tankstelle“, sagt Fischer und argumentiert im Sinne aller Weinfreunde: „Guter Wein bei Aldi ist besser als schlechter Wein beim Winzer.“