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Veröffentlicht: 10.05.2017, 15:17 Uhr

Frankfurter Gründerpreis Von Wachstum und Pleiten

58 Start-ups haben seit 2001 den Frankfurter Gründerpreis erhalten, drei weitere kommen am Donnerstag hinzu. Die meisten profitierten von dem Preis – aber längst nicht alle.

von , Frankfurt
© Lukas Kreibig Elektrische Teilung: 2016 gewann Michael Lindhof mit seiner Elektro-Carsharing-Firma Mobileee den Gründerpreis.

Sascha Hildebrandt will wirklich nicht klagen, selbst dann nicht, sobald er schon wieder nach dem Namen seines Start-ups Tyntyn gefragt wird. „Das erzähle ich immer wieder gern“, sagt der Zweiundvierzigjährige: Es handele sich um die Abkürzung für „Things you never thought you needed“. Ungeahnt nützliche Dinge, wie Fotoboxen für Gruppen-Selfies, mit denen Firmen für sich werben können. Das ist sein Geschäft.

Falk Heunemann Folgen:

Hildebrandt wird ziemlich häufig danach gefragt, spätestens seitdem die Firma, die er mit seinem Partner Andrè Lutz gegründet hatte, vor zwei Jahren den Gründerpreis der Stadt Frankfurt verliehen bekommen hatte. 10 000 Euro gab es damals für sie. „Das Geld hat uns damals sehr gut getan“, sagt er heute. Er investierte es sofort in eine weitere Fotobox. Seitdem konnte die Firma den Umsatz vervierfachen auf 800.000 Euro im Jahr und beschäftigt aktuell vier Mitarbeiter.

Wenige Fintech-Firmen

Solche Erfolgsgeschichten können nicht alle, aber viele der bislang 58 Gewinner des Frankfurter Gründerpreises erzählen. Mobileeee etwa gewann im vergangenen Jahr mit dem Konzept, Elektroautos an Unternehmen am Frankfurter Flughafen zu vermieten. „Seit dem Sommer 2016 sind wir auch am Berliner Flughafen tätig“, berichtet Geschäftsführer Michael Lindhof, demnächst wollen sie ihr Carsharing-Konzept auch Kommunen anbieten. Bis Ende des Jahres will die Firma auf 20 festangestellte Mitarbeiter wachsen.

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Seit 2001 wird der mit insgesamt 30 000 Euro dotierte Preis von der städtischen Wirtschaftsförderung ausgeschrieben, um Start-ups zu fördern und zu einer Gründung zu motivieren. Die Bilanz: 48 der 58 Preisträger haben sich bis heute am Markt gehalten. „Diese 83 Prozent sind eine sehr gute Quote“, heißt es aus der Wirtschaftsförderung

Unter den vielen Siegern sind bemerkenswert wenige Fintech-Firmen, die Software für Finanzdienstleistungen anbieten. Und das, obwohl Frankfurt vor allem auf diese Finanz-Start-ups setzt und für sie extra das Tech-Quartier im Pollux-Hochhaus eingerichtet wurde. In diesem Jahr zum Beispiel waren nur zehn Prozent der Bewerber Fintechs. Die Preisträger seit 2001 kamen meist aus anderen Branchen, vom Verlagswesen über Kinderbetreuung und Gastronomie bis hin zu Biotechnik und Marktforschung.

Vaterschaftstests und Mosch-Mosch

Nicht allen war jedoch Erfolg beschieden. 2001, als der Gründerpreis zum ersten Mal überhaupt verliehen wurde, ging der erste Platz an Knowbotic Systems, einen Entwickler von Software, mit dem Unternehmen die Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter erfassen konnten. Die Jury hatte damals die „Nachhaltigkeit des Konzepts“ gelobt. Zwei Monate später musste das Start-up aber Insolvenz anmelden. Auch die damals drittplazierte Meruba.com AG, die Schüler- und Studentenarbeiten ins Netz stellte, musste aufgeben. Es war damals allerdings eine schwierige Zeit für IT-Unternehmen, so kurz nach dem Platzen der Dotcom-Blase und der Wirtschaftskrise infolge der Terroranschläge am 11. September 2001.

46308387 © Max Kesberger Vergrößern Bild mit Fotobox: Sascha Hildebrandt (links) und André Lutz von Tyntyn

Den Siegern der Folgejahre erging es deutlich besser. Die Pfungstädter Humatrix AG, Preisträger 2002, machte gute Geschäfte mit Vaterschaftstests und bietet inzwischen Gentests an, die zeigen, ob gängige Arzneien gegen Brustkrebs, Depressionen und andere Krankheiten auch für den jeweiligen Patienten gut sind. Mosch-Mosch, ein Betreiber japanischer Nudelbars, hat seit dem Gewinn 2003 eine Filiale nach der anderen eröffnet, mittlerweile sind es ein Dutzend in neun Großstädten.

Wie ein Gütesiegel

Manche Bewerber wurden von der Jury aber auch verkannt. Vor einem Jahr zum Beispiel prüfte sie die Bewerbung von Lizza, einem Hersteller von Pizzateig aus Leinsamen. Das Start-up schaffte es zwar ins Finale, nicht aber unter die ersten Drei. Wenige Wochen später rissen sich allerdings die Investoren der TV-Show „Höhle der Löwen“ um das Unternehmen, heute produzieren die 28 Mitarbeiter jeden Tag zwei Tonnen Teig.

Was also bringt der Gründerpreis überhaupt? Eine Menge, sagt Sascha Hildebrandt von Tyntyn. „Er hat für enorm viel Aufmerksamkeit gesorgt und unser Netzwerk deutlich erweitert.“ Durch die Verleihung habe das Unternehmen viele neue Kunden gewonnen und sich dadurch wiederum auf Firmenkunden spezialisieren können. Der Preis wirke wie ein Gütesiegel für das Geschäftsmodell, bestätigt Mobileeee-Gründer Lindhof. „Die Konzeptbewertung durch eine unabhängige Jury hilft uns sehr, um von Konzernen ernst genommen zu werden.“

Vom Preisträger zum Informatik-Dozent

Der Gründerpreis reicht allerdings nicht als Start-up-Förderung, meint Hildebrandt. Der Chef des Fotobox-Anbieters, der kürzlich eine Filiale in Berlin eröffnete, vermisst in Frankfurt Orte, an denen sich Gründer treffen, austauschen und Kontakte zu Kunden oder Investoren knüpfen können. Offene Co-Working-Spaces, Gemeinschaftsbüros und Laptop-Arbeitsplätze in Cafes und Kneipen, wie es sie in Berlin an fast jeder Ecke gebe. „Es passiert in Frankfurt schon viel – aber es könnte noch deutlich mehr sein“, gibt er zu bedenken.

Für den gescheiterten allerersten Gewinner des Frankfurter Gründerpreises, Gerd Döben-Henisch von Knowbotic Systems, hatte der Preis durchaus sein Gutes. Bei der Verleihung 2001 lernte er den damaligen Präsidenten der Frankfurter Fachhochschule kennen. Durch dessen Vermittlung erhielt Döben-Henisch dort erst eine Stelle als Informatik-Dozent und wurde schließlich Professor.

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