09.11.2009 · Neue Stromzähler informieren Verbraucher sekundengenau über den Stromverbrauch von Waschmaschine oder Kühlschrank. Sie schaffen die Voraussetzung für neue Preissysteme. Doch viele Fragen sind ungeklärt.
Von Julia KrellDie flache Aluminium-Drehscheibe rotiert im Keller ohne Unterlass. Mal schneller, mal langsamer - je nachdem, wie viele Geräte in der Wohnung von Familie Schmidt drei Stockwerke über dem schwarzen Kasten gerade in Betrieb sind. Über die Drehzahlen machen sich die Schmidts ohnehin kaum Gedanken. Allenfalls regen sie sich auf, wenn sie mit der Jahresabrechnung eine satte Nachforderung erhalten, weil die monatlichen Abschlagszahlungen die Stromkosten nicht gedeckt haben.
Mit solch bösen Überraschungen soll bald Schluss sein. Vom nächsten Jahr sind digitale Stromzähler, die den Stromverbrauch im Haushalt sekundengenau erfassen und per DSL-Verbindung oder Funk auf den Computer des Endverbrauchers senden, in allen Neubauten und bei Modernisierungen Pflicht.
So hat es die Politik 2008 mit der Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes beschlossen. Von 2011 an müssen Versorger ihren Kunden zudem flexible, tageszeitabhängige Tarife anbieten, etwa solche, bei denen der Strom nachts günstiger ist als tagsüber.
Stromkosten ähnlich den Einzelverbindungsnachweisen beim Handy
Profitieren soll der Verbraucher, indem er Stromfresser im Haushalt enttarnt, austauscht oder wenigstens öfter komplett vom Netz nimmt. Dabei helfen soll eine monatliche Rechnung, auf der die Stromkosten ähnlich den Einzelverbindungsnachweisen in der Telefonrechnung aufgelistet sind. In diesem Fall entfiele die Nachzahlung zum Jahresende.
Langfristig sollen Wäschetrockner und Geschirrspüler dank neuer Technik automatisch zu genau den Uhrzeiten gestartet werden, in denen der Strom besonders preiswert ist. So gesehen, ist der digitale Stromzähler nur der erste Schritt auf einem Strommarkt, der nach Einschätzung von Energiefachleuten vor dem größten Umbruch in seiner Geschichte steht.
Das Problem heute ist: Anlagen für Wind- und Sonnenenergie werden weiter ausgebaut - sie produzieren jedoch abhängig von der Wetterlage mal wenig, mal viel Strom. Das macht in den Netzen Probleme. Überschüsse können sie nicht unendlich aufnehmen. Im Extremfall müssen Windräder abgeschaltet werden, weil Leitungen überlastet sind. Mit einem intelligenten Stromnetz, das Verbraucher animiert, dann Strom zu ordern, wenn dieser im Überfluss vorhanden und günstiger ist, würden die Netze entlastet.
Investitionen werden auf Netznutzungsgebühren umgelegt
In anderen europäischen Ländern sind Smart Meter, wie die digitalen Stromzähler heißen, längst Praxis. In Deutschland konnte man sich bisher nicht auf einheitliche Standards für Geräte und Datentransfers einigen. Klar ist, dass neben den Energieversorgern auch Gebäudetechniker, Elektroinstallateure und IT-Firmen an der neuen Technik verdienen wollen. Schon drängen Unternehmen auf den Markt, die mit Strom bisher eigentlich nicht viel am Hut haben. Der IT-Dienstleister T-Systems etwa macht in Friedrichshafen einen Pilotversuch für die Deutsche Telekom.
Klar ist auch: Die Investitionen für die Technik in Neubauten werden demnächst auf die Netznutzungsgebühren umgelegt. Für bestehende Haushalte gibt es noch keine einheitliche Regelung.
Der Stromanbieter Yello Strom, der seit knapp einem Jahr seinen Kunden in Deutschland Smart Meter anbietet, berechnet für den Einbau des Gerätes einmalig 79 Euro. Hinzu kommt eine monatliche Nutzungsgebühr, die zwischen vier und neun Euro liegt. Gespart wird hier erst einmal nichts. Die Frage wird auch sein, ob Kunden mit dem Stromzähler eines bestimmten Versorgers in Zukunft woanders werden Strom beziehen können. Die Unternehmen behaupten dies. Doch Verbraucherschützer sind skeptisch. Grundsätzlich verschaffen die neuen Zähler den Unternehmen mehr Macht, weil sie anhand der Daten ein konkretes Bild von ihren Stromkunden erhalten. Sie könnten, so wird befürchtet, säumigen Kunden in Zukunft den Strom zuteilen.
Die Stromanbieter in der Rhein-Main-Region können zurzeit nach eigenen Angaben noch keine Aussagen zu Nutzungsentgelten machen. Sowohl Mainova als auch Entega und Süwag testen die Smart-Meter-Technik in Pilotprojekten. Der Frankfurter Versorger Mainova hat nach Angaben eines Sprechers bisher 3000 neue Geräte im turnusmäßigen Austausch alter Zähler eingebaut. Allerdings messen die neuen Stromzähler vorerst wie bisher nur den Gesamtstromverbrauch. Um die tatsächliche Intelligenz der Geräte zu testen, sucht Mainova freiwillige Haushalte.
Datentransfer per DSL-Leitung?
Auch der Darmstädter Stromversorger Entega ist noch dabei, die Übertragung und Verarbeitung der gespeicherten Daten zu testen. Unter anderem wollen die regionalen Anbieter klären, ob sie für den Datentransfer auch die DSL-Leitung nutzen, wie es Yello Strom macht. Technisch wäre dies auch via Mobilfunk möglich. Schon fest steht für die Unternehmen Entega und Süwag, dass sie im nächsten Jahr spezielle Stromspartarife anbieten werden.
Ob die intelligenten Stromzähler am Ende helfen, tatsächlich Strom zu sparen, bezweifeln Verbraucherschützer. Optimistische Prognosen gehen von 40 Prozent aus. Das sei sehr hoch gegriffen, meint Hans Weinreuther von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Er rechnet mit Einsparungen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Denn ein intelligenter Stromzähler allein macht aus seiner Sicht noch keinen intelligenten Stromkunden. „Die Verbraucher werden nur dann sparen, wenn sie sich intensiv mit dem Thema Stromsparen und den Stromdaten auseinandersetzen“, sagt er.
Wer wissen will, welches Gerät im Haushalt wie viel Strom verbraucht, für den sind laut Weinreuther Strommessgeräte die bessere Alternative. Das Energiereferat der Stadt Frankfurt (Telefon 0 69/21 23 90 90) leiht die Geräte, die zwischen dem potentiellen Stromfresser und der Steckdose geschaltet werden, unentgeltlich aus. Einen IT-Dienstleister oder einen Energieversorger brauchte also auch Familie Schmidt zum Enttarnen besonders durstiger Haushaltsgeräte nicht.