26.01.2009 · Taugt das Siegel „Ohne Gentechnik“ auf Lebensmitteln etwas? Es könne trotzdem Gentechnik drin sein, heißt es bei der Marketinggesellschaft „Gutes aus Hessen“. Aber das Label sei doch besser als gar nichts, antworten die Grünen und die Handelskette Tegut.
Von Manfred KöhlerIm Supermarkt wird man suchen müssen, bis man ein Produkt mit dem Schriftzug „Ohne Gentechnik“ findet. Die Novellierung der Verordnung, die derlei Hinweise erlaubt, ist noch nicht einmal ein Jahr alt; erst nach und nach fangen Unternehmen an, solche Bemerkungen auf ihren Verpackungen anzubringen, falls es gerechtfertigt ist. Milch und Joghurt der Marke „Landliebe“ sind derzeit wohl die bekanntesten Artikel, die diesen Hinweis tragen. Ein Sieg der Verbraucherschützer, endlich Klarheit für die Konsumenten? So scheint es. Tatsächlich aber ist um die Frage, inwiefern das neue Label Landwirtschaft und Konsument hilft, ein Streit zwischen der Marketinggesellschaft „Gutes aus Hessen“ und der Grünen-Fraktion im Landtag entbrannt.
Die Marketinggesellschaft hatte vergangene Woche eine Umfrage vorgestellt, aus der im Grunde Selbstverständliches hervorging: Wenn auf Lebensmitteln „ohne Gentechnik“ draufsteht, glauben Verbraucher in der Tat, es sei auch keine Gentechnik drin. Die Wirklichkeit aber ist komplizierter, wie die Marketinggesellschaft bei diesem Anlass ausführlich erläuterte. In Wahrheit darf zum Beispiel ein Huhn, dessen Eier mit dem Stempel „ohne Gentechnik“ im Supermarkt liegen, durchaus sechs Wochen vor dem Legen noch gentechnisch verändertes Futter gefressen haben. Bei Schweinen dauert die Karenzzeit vier Monate – falls sie überhaupt so lange leben. Die klare Aussage der Gesellschaft, die sich die Werbung für die hessische Landwirtschaft auf die Fahnen geschrieben hat: Die gesetzliche Kennzeichnung erfülle nicht die Verbrauchererwartung.
Verordnung nachbessern
Eine Stellungnahme, über die sich die Grünen-Politikerin Ursula Hammann, agrarpolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Landtag, ärgert. Man müsse sich wirklich fragen, welche Interessen die aus Steuermitteln finanzierte Marketinggesellschaft vertrete, äußerte sie. „Nur Firmen wie der Agromulti Monsanto und diejenigen, die gentechnisch veränderte Futtermittel verkaufen wollen, haben bisher ein Interesse daran, dass das Label ,ohne Gentechnik‘ als Verbrauchertäuschung denunziert wird.“
Die Grünen sehen die Angelegenheit pragmatischer. Zwar sei es tatsächlich erlaubt, die Tiere eine Zeitlang auch mit gentechnisch verändertem Futter zu verpflegen, und hier müsse die Verordnung auch nachgebessert werden. Doch zerstöre die Marketinggesellschaft mit ihrer Stellungnahme die Marktchancen für hessische Unternehmen. Mit einem Wort: Besser dieses als gar kein Label – so sehen es die Grünen. Bisher, so sagt Hammann, hätten die Verbraucher schließlich überhaupt nicht unterscheiden können.
Hessische Produkte näherbringen
So wird es auch bei der Handelskette Tegut in Fulda gesehen. Sie bietet unter ihren Eigenmarke „Deutsche Küche“ Milch und Joghurt mit dem Siegel an, außerdem unter der Marke „Landprimus“ Schweinefleisch von Bauern aus der Umgebung Fuldas. Er sei froh, dass es seit April vergangenen Jahres die Verordnung gebe, die es erlaube, auf der Verpackung zu vermerken, wenn ein Produkt ohne Gentechnik sei, sagt Andreas Swoboda, Mitglied der Tegut-Geschäftsleitung. „Wie soll der Kunde die Leistung des Landwirts sonst erkennen?“ Überdies verlange die Handelskette von den Tiermastbetrieben, die sie belieferten, dass die Ferkel schon vom ersten Tag an kein gentechnisch verändertes Futter bekämen.
Bei der Marketinggesellschaft „Gutes aus Hessen“ wird die Kritik an der Untersuchung und ihrer Veröffentlichung unterdessen zurückgewiesen. Er sei enttäuscht, sagt Geschäftsführer Wilfried Schäfer. Mehrfach sei er von Unternehmen angesprochen worden, wie das neue Label wahrgenommen werde. Dass sich die Marketinggesellschaft schlicht zum Sprecher der konventionellen Landwirtschaft machen will – der Vorsitzende Friedhelm Schneider ist zugleich Chef des Hessischen Bauernverbands –, weist der Geschäftsführer zurück. Es gehe darum, dem Verbraucher hessische Produkte näherzubringen, auf welche Weise sie auch erzeugt worden seien.
Restalkoholgehalt
Die Marketinggesellschaft schlägt ihrerseits vor, bei Fleisch anstelle des Schriftzugs „ohne Gentechnik“ den Satz „keine Verfütterung von gentechnisch veränderten Futterpflanzen in der Mast“ zu verwenden. Um einen solchen Satz zu ermöglichen, müsste jedoch sogar EU-Recht geändert werden, sagt Dietmar Groß, Sprecher des Bündnisses „Keine Agrotechnik auf Hessens Feldern und Tellern“. Außerdem: „Wir sind gespannt, ob die Marketinggesellschaft ,Gutes aus Hessen‘ demnächst die Brauereien geißelt, weil in alkoholfreiem Bier ein Restalkoholgehalt nachweisbar ist.“