20.09.2008 · Der Streik beim Hanauer Vorzeigeunternehmen Vacuumschmelze hat der IG Metall nur einen Etappensieg beschert. Der Abschied vom Flächentarifvertrag geht weiter – und damit der Häuserkampf um die Lohntüte.
Von Manfred KöhlerDie letzte Eskalationsstufe musste nicht mehr gezündet werden. Für Donnerstag dieser Woche hatte sich Berthold Huber in Hanau angesagt, um die Streikenden der Vacuumschmelze zum Durchhalten aufzufordern. Doch einen Tag vor dem Auftritt des Bundesvorsitzenden der IG Metall knickte die Geschäftsführung des Traditionsunternehmens ein und kündigte die Rückkehr in den Flächentarifvertrag der hessischen Metall- und Elektroindustrie an. Schon der einwöchige Arbeitskampf für das Fortgelten des Flächentarifs bei dem Spezialwerkstoffhersteller hatte dessen Management mürbe gemacht. Als dann am Mittwoch der erhoffte Beistand durch das Landesarbeitsgericht Frankfurt ausblieb, das keinerlei Anstalten machte, den Streik zu stoppen, drehte die Geschäftsleitung der Vacuumschmelze mit galligen Worten bei. Seit Donnerstag laufen die Maschinen bei der Vacuumschmelze wieder.
Damit endete ein Arbeitskampf, wie ihn die Region lange nicht mehr erlebt hatte. Landespolitiker, Bürgermeister, Kirchenobere, ein Sparkassenchef und sogar Vertreter der mittelständischen Industrie hatten sich mit den 1500 Beschäftigten des Hanauer Betriebs solidarisiert, die nach dem Austritt aus dem Flächentarif Lohneinbußen fürchteten. „Eine Region steht auf“, freute sich die IG Metall.
Die Geschäftsführung agierte ungeschickt
Die Ingredienzen für einen langen und grundsätzlichen Konflikt waren in der Tat vom ersten Tag an vorhanden. Eine ungeschickt agierende Geschäftsführung, die den Austritt aus der Tarifbindung an die zwei Monate vor der Belegschaft verheimlichte, traf auf einen professionell agierenden Betriebsrat, dessen Vorsitzende als Mitglied der IG-Metall-Tarifkommission das Kämpfen gelernt hat. Ein hoher Organisationsgrad der Gewerkschaft im Betrieb kam hinzu; jetzt, nach dem Streik, soll er gar bei 95 Prozent liegen. Dass schließlich die Vacuumschmelze angelsächsischen Finanzinvestoren gehört, die vielen als Kapitalisten übelster Art, gar als Ungeziefer erscheinen, gab der Auseinandersetzung die rechte Würze.
In den Hintergrund trat dabei, dass das Management unter Verweis auf schlechte Geschäftszahlen als Gegenleistung für eine Beschäftigungsgarantie grundsätzlich nichts anderes forderte als Chefs anderer Betriebe in vergleichbarer Lage auch – eine Nullrunde und den Verzicht auf Sonderzahlungen etwa. Die Vacuumschmelze hatte in den vergangenen Jahren gut verdient, 2008 droht jedoch wegen gestiegener Rohstoff- und Energiekosten ein leichter Verlust, wie es heißt. Die Arbeitnehmerseite wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass manches leichter wäre, hätte die Übernahme durch den Investor One Equity Partners 2005 nicht zu einer enormen Kreditbelastung geführt. 260 Millionen Euro muss die Vacuumschmelze abtragen; ein schlechteres Betriebsergebnis führt nach den Verträgen auch noch postwendend zu steigenden Zinsen. Zwölf Millionen Euro soll das Notopfer der Belegschaft 2008 betragen; im Durchschnitt sind das 8000 Euro pro Kopf. 2009 reicht nach Angaben aus Unternehmenskreisen selbst das nicht aus.
Doch über all dies wäre mit Betriebsrat und IG Metall womöglich zu reden gewesen – hätte ihnen das Management mit dem Austritt aus dem Flächentarifvertrag nicht den Fehdehandschuh hingeworfen. Das Erodieren der einheitlichen Lohnfindung betrachten Gewerkschaftsfunktionäre mit allergrößter Sorge; auch die Arbeitgeberverbände mögen das nicht. Wiederholt hatte Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer von Hessenmetall, Hilfe und Vermittlung angeboten.
Schon jetzt gilt der Flächentarif nach Schätzungen dieses Arbeitgeberverbands nur noch für 125.000 der 230.000 Beschäftigten in der hessischen Metall- und Elektroindustrie. Als die Tarifflucht vor Jahren zunahm, schuf Hessenmetall gar eine spezielle Mitgliedschaft „OT“ – „ohne Tarifbindung“. Ein Drittel hat sich schon dafür entschieden, vorwiegend sind es kleinere Unternehmen.
„Es gibt eben Belegschaften, die das mit sich machen lassen“, sagt Armin Schild, Leiter der IG Metall in Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Thüringen, „und es gibt Belegschaften, die das nicht mit sich machen lassen.“ Dann hilft die Gewerkschaft gerne. Denn der Flächentarif sichert ihre Macht – genauso wie die der Arbeitgeberverbände.
Gewerkschaft: Drohung mit Stellenabbau ist nackte Erpressung
Um die einheitliche Lohnfindung zu retten, verständigten sich die Tarifpartner 2004 sogar auf ein Verfahren für vorübergehende Abweichungen, wenn es einem Unternehmen schlechtgeht. Das sogenannte Pforzheimer Modell gilt freilich als kompliziert. Während solche Abweichungen in der Regel von den Unternehmen beantragt wurden, wird es im Fall der Vacuumschmelze jetzt die Arbeitnehmerseite sein, die das Procedere in Gang bringt, nachdem der Flächentarif wieder maßgeblich ist. Die Geschäftsführung allerdings scheint noch zu zögern, wie es weitergehen soll. Die Lage in Hanau ist vertrackt: Mit dem Streik haben IG Metall und Betriebsrat Erwartungen in der Belegschaft geschürt, dass das Opfer nicht zu groß ausfallen wird. Das Management hingegen hat nach der Rückkehr in die Tarifbindung härteste Schnitte wie Personalabbau angekündigt, um sein Einsparziel zu erreichen. Es wird viel Mühe kosten, einen Kompromiss zu finden – und ihn der siegestrunkenen Belegschaft schmackhaft zu machen.
Währenddessen geht der Häuserkampf weiter. Ohne dass es zu vergleichbarem Wirbel wie in Hanau geführt hätte, hat im vergangenen Jahr Viessmann in Allendorf mit 3700 Beschäftigten den Flächentarif verlassen. Vor einigen Monaten folgte die Offenbacher Dematic, spezialisiert auf Lager- und Fördertechnik. Die Konstellation in dem Betrieb mit seinen 430 Beschäftigten ist in vielem vergleichbar mit der in Hanau. Auch in Offenbach soll die Belegschaft unter Verweis auf die fehlende Profitabilität des Betriebs ein Opfer bringen – eine höhere Wochenarbeitszeit, Streichung von Urlaubstagen, Kopplung von Weihnachts- und Urlaubsgeld an den Geschäftserfolg. Auch dieses Unternehmen gehört einem Finanzinvestor. Und auch dort hat die IG Metall schon heftig protestiert, der Betriebsrat klagt, es fehle an einem schlüssigen Sanierungskonzept.
In Heppenheim hingegen wäre die Belegschaft des Papierverarbeitungswerks Smurfit-Kappa schon froh, wenn es zumindest einen Haustarif gäbe, mit dem die Tarifverträge der Branche anerkannt würden – hier ringen Belegschaft und Geschäftsführung derzeit um die künftige Wochenarbeitszeit. Am Freitag hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zum vierten Mal zum Warnstreik aufgerufen.
Auch in Hanau werden weiterhin scharfe Worte gewechselt. Die Geschäftsleitung schimpfte am Mittwoch, mit ihrem Streik habe die IG Metall den Standort in fahrlässiger Weise gefährdet, Gewerkschaftschef Schild bezeichnete die Drohung mit dem Stellenabbau am gleichen Tag als nackte Erpressung. Wenn in die Vacuumschmelze, seit Generationen einer der wichtigsten Arbeitgeber Hanaus, wieder Frieden einkehren soll, wird man zunächst einmal die Tonlage ändern müssen.