25.04.2008 · Mit dem Aufbau einer zentralen Anlaufstelle für kleine und mittlere Unternehmen, einem „Frühwarnsystem“ und einer Imagekampagne will Stadtrat Boris Rhein das Wirtschaftsklima in Frankfurt verbessern.
Von Mechthild HartingDie Wunde, die der angekündigte Umzug der Deutschen Börse AG nach Eschborn in Frankfurt geschlagen hat, ist noch lange nicht verheilt. Bei der ersten Bilanzpressekonferenz von Wirtschaftsdezernent Boris Rhein (CDU) in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der städtischen Wirtschaftsförderung widmete er dem Schockerlebnis und den Konsequenzen, die er daraus für die Stadt und die Arbeit der Wirtschaftsförderung ziehen will, großen Raum. Schließlich gehen mit der Börse 2000 Mitarbeiter und einer der größten Gewerbesteuerzahler der Stadt ins Umland.
Urda Martens-Jeebe, Geschäftsführerin der städtischen Wirtschaftsförderung, sprach dennoch von einem erfolgreichen Jahr 2007. Schließlich habe ihre Gesellschaft 37 Unternehmen mit rund 200 Beschäftigten nach Frankfurt geholt, 30 Prozent dieser Neuansiedlungen sind chinesische Unternehmen. Weitere 500 Arbeitsplätze hätten die Wirtschaftsförderer hier halten können. Damit habe die Gesellschaft ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt.
Ansiedlung von Ticona ein „großer Erfolg“
Dabei hatte die Geschäftsführerin in ihre „Erfolgsbilanz“ nicht die Umzüge von Unternehmen im Jahr 2007 nach Frankfurt eingerechnet, die seit längerem Niederlassungen in der Finanzmetropole geplant hatten, wie etwa Ikea mit der neuen, am Bad Homburger Kreuz liegenden Filiale, wo 250 Männer und Frauen arbeiten, die Kia-Europazentrale an der Theodor-Heuss-Allee mit 240 Mitarbeitern, die Fiat-Deutschland-Zentrale an der Hanauer Landstraße (250 Mitarbeiter) und die Ansiedlung des Lexus-Teams ebenfalls an der Hanauer Landstraße mit 125 Mitarbeitern.
Wirtschaftsdezernent Rhein verwies darauf, dass Frankfurt auch Unternehmen wie Merz-Pharma habe am Standort halten können, und er wertete die Ansiedlung von Ticona im Industriepark-Höchst als großen Erfolg des Industrieparkbetreibers Infraserv Höchst. Zu meinen, Ticona wäre in jedem Fall nach Frankfurt gekommen, sei eine „Fehleinschätzung“. Rhein wies weiter auf die starke kreative Industrie hin. Für Martens-Jeebe ist ohnehin die Vielfalt der Frankfurter Wirtschaft das Besondere. Mit weiteren starken Branchen wie der Logistik und dem Pharmabereich sei Frankfurt breiter aufgestellt als andere große Städte in Deutschland. Praktisch unbekannt sei, dass Frankfurt in der Biotechnologie als Standort inzwischen München überholt habe. Das „FIZ“, das Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie auf dem Campus Riedberg sei eine einzige „Erfolgsgeschichte“, ergänzte Rhein.
Die Wirtschaftsförderung will nach dem Wegzug der Börse mehr denn je ihren Schwerpunkt auf die Bestandspflege legen, kündigte Rhein an. Dabei sei schon 2007 die Beratungstätigkeit um 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesteigert worden, die Firmenbesuche um knapp 57 Prozent. Um als kompetenter Ansprechpartner für kleinere und mittlere Betriebe zu gelten – „auf die wollen wir unseren Schwerpunkt legen“ –, soll eine zentrale Anlaufstelle installiert werden. Weiter will der Wirtschaftsdezernent das „Frühwarnsystem“ für abwanderungswillige Unternehmen ausbauen, die „Business-Gespräche“intensivieren.
Mit dem Image der „kalten Bankenstadt“ aufräumen
Vor allem setzt Rhein auf eine Imagekampagne, um dem Klischee von der „kalten Bankenstadt“ zu begegnen. Details zur Kampagne, die Frankfurt im In- und Ausland bewerben soll, will er bis Ende des Jahres vorlegen. „Das wird richtig Geld kosten“, sagte Rhein, ohne Zahlen zu nennen. Die Kampagne sei eine „reine Frankfurter Sache“, obwohl er ansonsten die Zusammenarbeit im Rhein-Main-Gebiet lobte. „Die Region ist als Einheit zu betrachten.“ Frankfurt stehe im regen Kontakt mit den Bürgermeistern und Landräten.
Rhein brandmarkte jedoch das Verhalten der Stadt Eschborn, die mit dem niedrigsten Gewerbesteuerhebesatz im Main-Taunus-Kreis die Deutsche Börse angeworben habe, als „Form der Straßenräuberei“. Eine derartige Strategie sei „absolut kontraproduktiv“ und schädige die Region. Mit den Frankfurter Gewerbesteuereinnahmen werde eine Infrastruktur finanziert, die keine andere Stadt im Rhein-Main-Gebiet vorhalte. Dieses „Free-Rider-Verhalten“ muss Rhein zufolge beendet werden. Er appellierte deshalb an die Landesregierung, Frankfurt zu unterstützen, etwa durch eine strukturelle Reform des kommunalen Finanzausgleichs.