02.12.2006 · Auf der Suche nach Unternehmen, die etwas herstellen, für das dieses Bundesland bekannt ist: Produzenten von Bembeln, Apfelwein und Handkäs' haben es in der globalisierten Welt nicht immer leicht.
Von Christian SiedenbiedelEs ist ein seltsam Ding mit diesem Bundesland. Wenn man danach fragt, was „typisch hessisch“ sei, kommen ganz viele schnell auf Heinz Schenk. Dabei stammt der aus Mainz. In der Politik sagen sie, Hessen, das sei dort, wo die SPD immer ein bißchen linker sei als im Bundesdurchschnitt und die CDU etwas konservativer. Und in der Wirtschaft? Was steht da für dieses Land?
Die Banken sind es nicht, auch nicht der Flughafen; Frankfurt ist nicht Hessen. In Norden des Bundeslandes sind immer noch weite Landstriche mit Wald bedeckt, trotzdem ist weder die Forstwirtschaft noch der Wandertourismus wirklich kennzeichnend für das Land.
Eine Firma hingegen, die ein gleichsam für das verbreitete Hessenbild konstitutives Produkt herstellt, sitzt ausgerechnet in Rheinland-Pfalz. Das Unternehmen Schilz in Höhr-Grenzhausen im Westerwald in der Nähe von Montabaur produziert Bembel. Für Nichthessen: Dabei handelt es sich um grau-blaue Steinzeugkannen, in die Hessen ihren Apfelwein füllen, bevor dieser ins Glas kommt, das wiederum landesüblich als „Geripptes“ bezeichnet wird.
Absatz des „Stöffche“ ist rückläufig
Die Firma Schilz, deren ganze Gegend wegen ihrer Bembelproduktionstradition auch als Kannenbäckerland bezeichnet wird, scheint eine herausragende Stellung in dieser Branche zu haben und beliefert viele wichtige Apfelweinkeltereien in Hessen wie Possmann, Heil und Höhl mit individuell beschrifteten Bembeln. 1661 wurde das Unternehmen gegründet, seit 80 bis 100 Jahren ist die Bembel-Manufaktur ein wesentlicher Geschäftszweig. Das verwendete Produktionsverfahren, die sogenannte Salzglasur, die zu einer bestimmten Oberflächenstruktur führt, soll für den Apfelwein als solchen besonders gut sein, heißt es. 80 Mitarbeiter beschäftigt die Firma. Zur Geschäftsentwicklung sagt Geschäftsführer Harald Schilz: Die produzierte Menge stagniere seit längerem bei etwas mehr als 20.000 Stück im Jahr.
Wenn man auf der Suche nach dem Typischen für Hessen weiter durch dieses Land zwischen Bergstraße und Kasseler Bergen, zwischen Sauerland und ehemaliger Zonengrenze zieht, stößt man natürlich auch auf Firmen, die das herstellen, was der Hesse in die Bembel gemeinhin einzufüllen pflegt. Immerhin noch rund 60 Mitglieder zählt der Verband der hessischen Apfelwein- und Fruchtsaftkeltereien: sehr kleine Familienbetriebe, aber auch einige etwas größere Anbieter, die eher industriell arbeiten. Alle haben mehr oder minder damit zu kämpfen, daß der Absatz des in Hessen „Stöffche“ genannten Produkts seit etlichen Jahren tendenziell rückläufig ist, zuletzt von fast 90 Millionen Litern im Jahr 1994 auf nur noch gut 60 Millionen. Possmann in Frankfurt verlor in zehn Jahren etwa ein Viertel des Absatzes. Höhl aus Hochstadt hatte wirtschaftlich mit dieser Entwicklung bis zur Existenzbedrohung zu kämpfen und entwickelte neue Produkte wie den Apfelweinsekt „Pomp“. Heil aus Laubuseschbach bei Limburg erhöhte kurzerhand den Anteil der Saftproduktion.
So sehr man auch den Apfelwein in der öffentlichen Wahrnehmung als Symbol für dieses Bundesland empfinden mag, er steht im Grunde doch nur für einen Teil des Landes: für Süd- und Mittelhessen. Irgendwo zwischen Marburg und Kassel soll nämlich die unsichtbare Apfelweingrenze verlaufen, so etwas wie der Weißwurstäquator für Flüssiges: Nördlich derer soll das Getränk schwieriger abzusetzen sein, wenn es auch nicht vollends unmöglich ist. Im Süden soll die Region überdurchschnittlichen Apfelweinkonsums bis Neckarsteinach reichen. Im Württembergischen trinkt man zwar auch, wie man dort sagt, „Most“ - in anderen Kannen aber, wie die Leute im Kannenbäckerland versichern, und in einer gänzlich anderen volkskundlichen Tradition. Als wichtigster Exporteur hessischer Apfelweinseligkeit in exotische Regionen jenseits der Landesgrenzen gilt übrigens Possmann: Die Frankfurter versorgen unter anderem Exilhessen in kulturell und feiertechnisch anders geprägten Regionen wie dem Ruhrgebiet oder dem Saarland.
Weniger Nachfrage nach Rippchen mit Kraut
In Mittelhessen gibt es einen Ort, der für die Produktion einer weiteren landestypischen Spezialität bekannt ist: Hüttenberg bei Gießen gilt als Hochburg der Handkäs'-Herstellung. Eine Branche, die auch harte Zeiten und einen Verdrängungswettbewerb durchgemacht hat. Sechs Hersteller sind in Hessen übriggeblieben: zwei in Groß-Gerau, vier in Hüttenberg, außerdem soll es noch vier jenseits der Landesgrenzen geben. Der größte hessische Handkäs'-Produzent ist eine Firma, die größten Wert darauf legt, nicht mit dem gleichnamigen Gesundheitslatschen-Anbieter verwechselt zu werden: die Käserei Birkenstock. Ihr Marktanteil im Bundesland soll nach Angaben von Geschäftsführer Lothar Weber bei fast 50 Prozent liegen. Das Unternehmen beschäftigt 30 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von immerhin rund elf Millionen Euro. Kämpfen müssen Birkenstock und die anderen hessischen Familienbetriebe nicht nur gegen den Preis- und Lieferdruck ihrer Handelspartner. Sie ringen auch darum, daß große Molkereikonzerne außerhalb des Landes ihre Produkte nicht „hessischer Handkäs'“ nennen dürfen - ähnliche Diskussionen gab es auch mal bei den Frankfurter Würstchen. Vor allem Müller Milch macht den Käsereien offenbar zu schaffen.
Die Frankfurter Gastronomen jammern seit langem, daß typisch hessische Produkte wie Apfelwein oder Rippchen mit Kraut nicht mehr so nachgefragt würden wie früher. Bei den Gründen sind die Wirte auf Spekulationen angewiesen: Manche tippen auf das gestiegenen Kostenbewußtsein der Menschen, andere auf den Gesundheitswahn und die Verteufelung vom Alkohol und Fett.
Einer, der nicht jammert, ist Jörg Köster. Um mehr als sechs Prozent hat die Höchster Porzellan-Manufaktur im vergangenen Jahr ihren Umsatz steigern können, auf rund 3,5 Millionen Euro. Wie das „weiße Gold“ aus Meißen, so haben auch die Produkte der 1746 gegründeten Manufaktur im heutigen Frankfurter Stadtteil Höchst seit je einen exzellenten Ruf über die Landesgrenzen hinaus. Das Land Hessen hatte sich 2001 an der Manufaktur beteiligt, um das jahrelang in den roten Zahlen wirtschaftende Unternehmen zu stützen. Zuvor war die Firma vom Pharmakonzern Aventis, der sich der hessischen Tradition offenbar weniger verbunden fühlte als sein Vorläufer Hoechst AG, sowie von der Dresdner Bank an eine Beteiligungsgesellschaft verkauft worden. Seit das Land dort engagiert ist, verschenkt Ministerpräsident Roland Koch (CDU) gern und oft hessische Löwen aus Porzellan bei offiziellen Besuchen: Die symbolisieren dann in Dubai, Wisconsin oder Moskau das ganze Bundesland.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge