15.01.2008 · Konzerne benötigen für verschiedene Aufgaben Standorte mit unterschiedlichen Kosten. Ein Ballungsraum, der in diesem ständigen Wettbewerb der Kostenoptimierung mithalten will, ist gut beraten, neben teuren Standorten auch günstigere anzubieten.
Wer es richtig anstellt, kann dem Zorn der Politiker durchaus entgehen. Die Deutsche Bank AG zum Beispiel. Sie gilt als eines der Frankfurter Unternehmen schlechthin, und dass sie gerade ihre Türme unweit der Alten Oper erneuert, wird als Bekenntnis zur Mainmetropole gesehen. Doch die Deutsche Bank beschäftigt schon seit 1975 soviele Mitarbeiter in Eschborn wie die Deutsche Börse AG erst in wenigen Jahren, wenn sie dorthin umgezogen ist: 2000. Es sind vornehmlich IT-Arbeitsplätze, die das Kreditinstitut dorthin verlagert hat. In Frankfurt selbst bestehen noch 7000 Stellen.
Bei der Allianz-Tochter Dresdner Bank AG ist es nicht viel anders, nur dass die Allianz Dresdner Bauspar AG in Bad Vilbel sitzt, das ebenso mit einem niedrigen Gewerbesteuersatz lockt. Den 6200 Stellen in der Frankfurter Zentrale stehen an die 400 in dem Nachbarort gegenüber. Die Liste lässt sich fortsetzen. Die Frankfurter Volksbank beschäftigt an die 400 Mitarbeiter in Bad Vilbel, die Frankfurter Sparkasse 250 in Offenbach. Und als dieses Kreditinstitut einst mit der Nassauischen Sparkasse aus Wiesbaden die Bankservicegesellschaft gründete, die für beide den Zahlungsverkehr abwickelt, dürfte diese ihren Sitz auch aus Kostengründen in Kriftel genommen haben – und nicht nur, weil dies auf halbem Weg zwischen Frankfurt und Wiesbaden liegt.
Kombination verschiedener Standorte
Auf den ersten Blick mögen solche Verlagerungen als Verlustgeschichte erscheinen, weil der Region insgesamt durch das Ausweichen auf Orte mit niedrigeren Steuersätzen Einnahmen verlorengehen. Umgekehrt kann es aber sein, dass bestimmte Arbeitsplätze gerade dadurch gesichert werden, dass sie sich innerhalb des Ballungsraum an billigere Standorte verschieben lassen. Indirekt mögen sie so sogar weitere Stellen an benachbarten teuren Standorten am Leben halten.
Es finden sich allerhand sinnfällige Beispiele dafür, wie flexibel Konzerne Standorte mit unterschiedlichen Kosten kombinieren. Wer tagsüber bei der Lufthansa anruft, erreicht ein Call-Center in Berlin, Kassel oder Istanbul, nachts nimmt jemand in Kapstadt oder Melbourne ab. Wer die Nummer der Telefonzentrale der Dresdner Bank wählt, landet nicht etwa im Frankfurter Bankenviertel, sondern in einem Call-Center in Duisburg (die Mitarbeiter dort sollen die Anweisung haben, sich nicht in Gespräche übers Wetter verwickeln zu lassen, damit das nicht rauskommt).
Die Deutsche Börse hatte noch im alten Jahr angekündigt, 200 Stellen von Luxemburg und Frankfurt nach Prag zu verlagern. Das hatte keine große Aufmerksamkeit gefunden. Dabei ist der Frankfurter Anteil an diesen Stellen wirklich weg – nicht nur über die Stadtgrenze umgezogen. Auch die Deutsche Bank optimiert ihre Standorte ständig. 2005 hatte ihr Vorstandsvorsitzender Josef Ackermann angekündigt, 1200 Stellen in Länder mit niedrigeren Kosten zu verlagern, was er sprachschöpferisch „Smartsourcing“ nannte. So sind auch in Indien Tausende Mitarbeiter mit IT-Aufgaben für das gesamte Datennetz des Konzerns befasst. Doch wurden im Zuge der Ackermann-Initiative auch Stellen von London nach Frankfurt verlagert, weil sich bestimmte Aufgaben am Main billiger erledigen lassen als an der Themse.
Eschborn ist eben nicht Frankfurt
Ein Ballungsraum, der in diesem ständigen Wettbewerb der Kostenoptimierung mithalten will, ist gut beraten, neben teuren Standorten auch günstigere anzubieten. Auf eine Differenzierung der Löhne und Gehälter können Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet nicht hoffen, wohl aber auf Unterschiede bei Grundstückspreisen und Steuersätzen. Dabei ist es ja gar nicht so, dass alle Unternehmen ständig mit solchen Fragen befasst sind. Und andere haben sich zuletzt dafür entschieden, nach Frankfurt zu kommen – zum Beispiel Kia – oder dort zu bleiben. Letzteres gilt etwa für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die 35.000 Quadratmeter im neuen Airrail-Center gemietet hat, das auf dem Dach des ICE-Bahnhofs am Flughafen entsteht. Ein Umzug nach Eschborn will schließlich auch gut überlegt sein. Werden dort doch mitnichten die gleichen Leistungen für weniger Geld geboten. Von Urbanität kann keine Rede sein, die Eisenbahnanbindung ist weitaus schlechter, die Fühlungsvorteile, die gerade in der Finanzbranche so geschätzt werden und das Bankenviertel am Leben halten, entfallen. Kurz: Eschborn ist eben nicht Frankfurt.
Dass Umzüge wie der der Deutschen Börse schwere Folgen für die kommunale Finanzpolitik haben, ist nicht Sache der Konzerne. Sie tragen nicht die Verantwortung dafür, dass ausgerechnet die stark konjunkturabhängige Gewerbesteuer zur Haupteinnahmequelle der Gemeinden ausgebaut wurde. Und dass sie andererseits zu einer Großbetriebssteuer degeneriert ist, wodurch die Abhängigkeit von wenigen Unternehmen immer größer wird. Die Unternehmen tragen auch nicht die Verantwortung, dass der etablierte Finanzausgleich augenscheinlich nicht ausreicht, offenkundige Ungleichgewichte zwischen den Orten etwa bei den Soziallasten so zu mildern, dass sie erträglich werden. Beim Wettbewerb der Orte um Unternehmen spricht aber vieles dafür, dass er der Region mehr nutzt als schadet.
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Daniel Oehler (derEngagierte)
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Walter F Brieke (walterbrieke)
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