15.11.2004 · Eine kostbare Uhr am Handgelenk der jugendlichen Helden der Börse und der Computerbranche ist beinahe ein Muß gewesen. Doch längst sind die Hoch-Zeiten des schnellen Geldes vorbei. Geblieben sind die ...
Eine kostbare Uhr am Handgelenk der jugendlichen Helden der Börse und der Computerbranche ist beinahe ein Muß gewesen. Doch längst sind die Hoch-Zeiten des schnellen Geldes vorbei. Geblieben sind die wahren Freunde der kunstvoll verarbeiteten und entsprechend kostbaren Uhren, wie Wolfgang Stoess sagt. Zusammen mit seinem Sohn Wolfgang Alexander führt er das 1886 von Wilhelm Stoess gegründete Familienunternehmen an der Wiesbadener Wilhelmstraße.
Mit dem Ende des raschen Reichtums hat sich auch der Trend bei hochpreisigen Uhren verändert: "Es wird wieder mehr Wert auf das Langzeitprodukt gelegt", weiß Stoess. Trends im Detail vermag er gleichwohl auszumachen: "Rose-Gold und Stahl sind besonders gefragt, das klassische Gelbgold bei Herren etwas weniger." Bei denen stehen etwa die Zeitmesser des Herstellers IWC oder auch die von Jaeger LeCoultre hoch im Kurs. Wer beispielsweise die gut 150 Gramm edle Feinmechanik des Modells Master Compressor Dualmatic aus dem Hause Jaeger LeCoultre auf Dauer am Handgelenk spüren möchte, muß sich allerdings zuvor von knapp 16000 Euro trennen - ebenfalls auf Dauer. Jaeger LeCoultre wie IWC sind inzwischen Teil der Compagnie Financiere Richemont AG, die rund 25 Prozent Marktanteil am weltweiten Geschäft mit den Luxusuhren errungen hat. Das Unternehmen, zu dem auch die Firmen wie Cartier, Baume & Mercier, Piaget sowie Lange & Söhne gehören, gibt seinen Jahresumsatz für 2003 mit 3,6 Milliarden Euro an.
Neben Richemont bestimmen noch die Swatch Gruppe (Breguet, Tissot, Glashütte, Omega, Rado und Longines) und Rolex das Geschehen rund um die tickenden Objekte der Begierde. Die drei zusammen halten rund 70 Prozent Marktanteil. Die übrigen Prozente verteilen sich auf den französischen Konzern LVMH (Tag Heuer, Zenith) sowie Firmen wie Breitling und Patek Philippe.
Gerade Rolex gilt Branchenkennern als Phänomen. Weder die als ausgesprochen konservativ geltende Modellpolitik noch ihre Beliebtheit bei Personen, deren berufliches Engagement als besonders wenig tugendhaft gilt, haben ihrer Beliebtheit auch bei seriösen Kennern je schaden können.
Der Trend geht zu nachhaltiger Qualität und zu Namen, von denen der Kunde annimmt, daß diese dafür bürgen. "Wenn man sich wirklich mit dem Thema Uhren befaßt, kommt man an den Manufakturen einfach nicht vorbei", ist sich Natalie Ruppenthal sicher - sie führt die Geschäfte im Wiesbadener Traditionshaus Lutz Epple an der Wilhelmstraße. Die Nachfrage nach den Klassikern der Königsklasse unter den mechanischen Uhren sei in letzter Zeit eher gestiegen denn gefallen, meint sie.
Wiewohl die Frankfurter Firma Sinn eher als Fachbetrieb für Taucher-, Flieger- und andere Spezialuhren denn als Hersteller von Luxusuhren gilt, kann sie sich nun doch auch zur Königsklasse zählen: Bundespräsident Horst Köhler schenkte jüngst Prinz Philip, das ist der Mann, den man meistens neben der englischen Königin Elisabeth II. sieht, eine Fliegeruhr aus dem Hause Sinn anläßlich des jüngsten Deutschland-Visite der Queen.
Dabei handelte es sich um die Fliegeruhr 103 aus Stahl, nicht mit der üblichen Plexiglas-, sondern mit der aufwendigeren Saphirglasausstattung, wie Betriebsleiter Arno Gabel erläutert. Wer will, der kann auch bei Sinn eine selbst für gehobene Durchschnittsverdiener stattliche Summe für eine Uhr ausgeben, 6750 Euro kostet beispielsweise ein goldenes Modell. Bei Sinn hätten allerdings auch goldene Uhren ähnlich strapaziöse Arbeitsbedingungen auszuhalten wie die Taucher- und Fliegeruhren, sagt Gabel. Deshalb werde diese Uhr aus einer besonders widerstandsfähigen Goldlegierung gefertigt. Bei Sinn stehe nie die hohe Wertanmutung alleine im Vordergrund, der technische Anspruch sei mindestens ebenso wichtig. Das gilt demnach auch für die "Finanzplatzuhr" von Sinn, die für 2250 Euro zu haben ist.
Die Welt der Luxuszeitmesser ist nach wie vor dominiert von klassischen eingeführten Namen, doch es gibt Ausnahmen: Eine davon ist der Schweizer Uhrmacher Franck Müller. Die bekanntesten feinmechanischen Meisterwerke des 1958 geborenen Müller sind in äußerst massive Gehäuse gebettet und mit Zifferblättern versehen, auf denen die Zahlen geradezu blumenhaft geschwungen aufgebracht sind. Die große handwerkliche Güte seiner Uhren hat Müller hohes Ansehen in der Branche verschafft, gelegentlich allerdings auch etwas Neid, wie es heißt. Stephan Friedrich, der zusammen mit seinem Bruder ein Fachgeschäft an der Goethestraße betreibt, ist sich sicher, daß die Müllerschen Uhren auch auf Dauer einen festen Platz unter "den vornehmen Uhren" haben werden. Der Einstieg ist hier bei etwa 4000 Euro möglich.
Wenn der Besitzer einer jener noblen klassischen Uhren allerdings einmal eine Revision des geliebten Zeitmessers nicht direkt beim Hersteller, sondern bei einem Uhrmacher in Hessen in Auftrag geben will, könnte er dereinst in Schwierigkeiten geraten, meint Landesinnungsmeister Michael Busse. In ganz Hessen gebe es derzeit nämlich gerade noch zwei oder drei Auszubildende, die einmal Uhrmacher werden wollen. Das Vorbild des Schweizers Franck Müller zeigt hier offenbar keine Wirkung. Jochen Remmert