17.01.2009 · Bis Ende März sollen Dresdner Bank und Commerzbank verschmelzen. Die Betriebsräte müssen nun aushandeln, wie sie gegenüber dem Vorstand auftreten wollen. Für die Mitarbeiter der Frankfurter Zentralen treten Gabriele Seum und Hans-Georg Binder ein.
Von Tim KanningDer Aktenschrank ist zu klein geworden. So viele Ordner hat Gabriele Seum inzwischen mit der Aufschrift „Kauf Dresdner Bank“, dass einige schon auf dem Boden stehen. Gabriele Seum, ihre Kollegen nennen sie Gaby, leitet den Betriebsrat der Commerzbank-Zentrale. Viele der mehr als 7500 Mitarbeiter, die sie vertritt, haben seit Montag eine Art Doppelgänger. An diesem Tag wurde die Übernahme der Dresdner Bank abgeschlossen. Und so gibt es nun in dem neuen Konzern vieles in zweifacher Ausführung. „Jetzt geht es richtig los“, sagt Seum. In den nächsten Wochen wird sie mit den übrigen Betriebsräten verhandeln, wie die Abteilungen sinnvoll verbunden werden sollten. Anhand der Ergebnisse soll dann der Interessenausgleich mit dem Commerzbank-Vorstand ausgehandelt werden. Seums oberstes Ziel: Niemand soll betriebsbedingt entlassen werden, wie Martin Blessing es im September bis 2011 schon zugesagt hatte.
Pendant in grün
Auch sie selbst hat seit Montag ein Pendant in grün: Hans-Georg Binder ist Betriebsratsvorsitzender der Dresdner-Bank-Zentrale. Bisher haben sich beide erst einmal gesehen. So lange die Übernahme nicht in trockenen Tüchern war, trafen sich nur überregionale Konzernvertreter zu Vorbereitungsgesprächen, aber vom 9. Februar an werden die Detailfragen, also auch die Zukunft der beiden Frankfurter Zentralen, besprochen.
Binder hatte kurz nach Bekanntwerden der Übernahmepläne im September die Befürchtung geäußert, in Frankfurt könnten dem Zusammenschluss 4700 Stellen zum Opfer fallen. Bis heute habe dem niemand widersprochen, sagt er. Hoffnung schöpft er allerdings aus hausinternen Gerüchten, wonach zentrale Abteilungen wie der kommerzielle Zahlungsverkehr, die Informationstechnologie und die Wertpapierabwicklung im neuen Haus nach dem Muster der bisherigen Commerzbank strukturiert werden sollten. In der Dresdner Bank waren diese Abteilungen ausgegliedert worden. Wenn die bisherigen Commerzbank-Abteilungen nun das Geschäft für beide Häuser machen sollen, werde jeder Mann gebraucht, so Binders Kalkül. Der Personalabbau im Back Office könnte also doch geringer ausfallen als zuerst befürchtet.
Commerzbank-Chef Martin Blessing hat am Mittwoch im Atrium der Dresdner Bank den Zeitplan konkretisiert, wie Binder berichtet. Insbesondere die Strategien für die Personalabteilung, die Mittelstandsbank und die Informationstechnologie sollten spätestens bis zur Verschmelzung Ende März geklärt sein.
Zwölf Arbeitskreise haben die Arbeitnehmervertreter gebildet. Je vier bis fünf Betriebsräte aus beiden Häusern sollen darin jede Abteilung daraufhin abklopfen, wie sie zusammengeführt werden könnten. Die Ergebnisse werden dann zusammengetragen und als Interessenausgleich zusammen mit einem vorgeschlagenen Sozialplan dem Vorstand vorgelegt.
Betriebsrätin durch und durch
Binder hat sich für die Arbeitskreise Mittelstandsbank und Zentrale Stäbe eingetragen. In seinen 37 Jahren bei der Dresdner Bank hat er die meiste Zeit Auslandsfirmenkunden betreut. Direkt nach dem Volkswirtschaftsstudium war er 1979 als Trainee in die Bank gekommen. Von 1994 bis 1996 war er als Leiter der Auslandskundenabteilung maßgeblich am Aufbau der Dresdner-Bank-Vertretung in Warschau beteiligt. Betriebsrat in Frankfurt wurde er 2002, „aus ganz normalem Interesse daran, Probleme zu lösen“, wie er sagt. Freigestellter Vorsitzender des Gremiums ist er erst seit zwei Jahren. Gewerkschaftsmitglied ist er nicht. Mit seinen 58 Jahren hätte Binder sicher Anspruch auf eine Altersteilzeitregelung, „aber das gehört eigentlich nicht in meine Lebensplanung“, wie er sagt.
Seine Commerzbank-Kollegin Seum ist Betriebsrätin durch und durch. Sie hat 1980 als Dolmetscherin für Englisch und Französisch in der Commerzbank angefangen. Vier Jahre später kam sie zum Betriebsrat und trat der Gewerkschaft bei, die heute Verdi heißt. Einem Kollegen habe damals die Kündigung gedroht, erzählt sie. „Eigentlich wollte ich mich nur beim Betriebsrat erkundigen, wie ich ihm helfen könnte, und dann war ich auch schon in das erste Projekt eingespannt.“ In diesem Jahr feiert Seum, heute 46 Jahre alt, ihr 25-Jahre-Jubiläum.
Anders als Binder ist sie auch in den überregionalen Gremien, dem Gesamt- und dem Konzernbetriebsrat, aktiv. So wird sie auch in den übergeordneten Ausschüssen mitreden, die die Ergebnisse der zwölf Arbeitskreise schließlich zusammenführen sollen: dem Integrations-Konflikt-Eskalations-Ausschuss, der freundlicher IKEA abgekürzt wird, und dem Integrations-Lenkungs-Ausschuss, kurz ILA.
Schließung von Standorten?
Seums Kalender sieht im Februar und im März aus wie ein voller Stundenplan. IKEA und ILA treffen sich jeden Freitag von 11.30 bis 17 Uhr, mit den Arbeitskreisen Investmentbanking und Human Ressources trifft sie sich jeden Montag und jeden Mittwoch zur gleichen Zeit.
Seum hat in ihren 25 Jahren im Betriebsrat schon manche Schlacht geschlagen. Das letzte Großprojekt war die Integration der Eurohypo. „Das Wichtigste ist, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen gab“, sagt sie stolz, „und das, obwohl damals Standorte geschlossen werden mussten.“ Auch bei der Übernahme der Dresdner Bank befürchtet sie, dass die Schließung von Standorten nicht ausbleiben werde. Die Kreditbearbeiter beider Banken etwa säßen in einigen Fällen an unterschiedlichen Orten.
Binder sieht das Problem, dass es in der Dresdner Bank kaum noch Mitarbeiter gebe, die zum freiwilligen Ausscheiden etwa mit Vorruhestandsregelungen bereit wären. Schließlich habe es solche Angebote seit 2002 schon zweimal gegeben. In den zwei Entlassungswellen habe er auch schon erlebt, welche Bandagen Arbeitgeber anziehen, um Mitarbeiter zum „freiwilligen Ausscheiden“ zu bewegen. „Die dritte Schlacht steht uns jetzt bevor.“