06.05.2009 · Mit dem Bad Homburger Möbelhaus Meiss würde wieder ein Familienunternehmen der Branche im Rhein-Main-Gebiet verschwinden. Darin ein Opfer der Krise auszumachen wäre voreilig. Denn die hat den Möbelhandel bislang gar nicht richtig erreicht, wie die Branchenverbände übereinstimmend berichten.
Von Bernhard Biener, Bad Homburg, und Jochen Remmert, FrankfurtDas Einrichtungshaus Meiss an der Bad Homburger Louisenstraße ist zahlungsunfähig und hat beim Amtsgericht Bad Homburg Insolvenz angemeldet. Der vorläufige Insolvenzverwalter, der Frankfurter Rechtsanwalt Lason Gutsche, will den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten, wie er sagt. Das allerdings ist ohnehin erst einmal die Pflicht eines jeden Insolvenzverwalters. Am Donnerstag und Freitag wird nun erst einmal für eine Inventur des Warenbestands geschlossen, am Samstag soll das Möbelhaus aber wieder öffnen, wie Gutsche weiter sagte. „Wir müssen einen Schnitt machen und schauen, was wem gehört.“
Als schwierig bezeichnete es der vorläufige Insolvenzverwalter, dass die Immobilien nicht zum Bestand der GmbH & Co KG gehörten, sondern dem Gründer Friedrich Meiss. Das Möbelhaus sei lediglich Mieter. Damit stelle sich die Frage einer langfristigen Perspektive für jemanden, der vielleicht das Möbelhaus weiterbetreiben wolle. In Zusammenhang mit den Plänen für das neue Einkaufszentrum im alten Landratsamt hatte schon einmal ein Abriss des Eckhauses zur Debatte gestanden.
Mit Meiss würde ein weiteres Familienunternehmen der Möbelbranche im Frankfurter Raum verschwinden. Mitte 2007 war bei Möbelcity Wesner (Frankfurt) nach mehr als 100 Jahren Schluss, kurz davor hatte Helberger (Frankfurt und Wiesbaden) aufgegeben. Vorher waren es Möbel Erbe in Hanau und das Rheingauer Haus Polster Richter.
„Welche Krise?“
Die Nachricht von der Insolvenz von Meiss kam für viele überraschend. Stadtrat Peter Vollrath-Kühne (FDP) sah „weder eine Handlungsmöglichkeit noch Handlungsbedarf“ für die Stadt. Er hoffe, dass das traditionsreiche Möbelhaus weitergeführt werde. Als „sehr traurig“ bezeichnete der Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Bad Homburg, Jörg Hölzer, die Insolvenz des Einrichtungshauses. Meiss sei ein alteingesessener Händler und zeitweise Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft gewesen. Auch Hölzer äußerte die Hoffnung, das Möbelhaus könne womöglich von einem anderen Betreiber weitergeführt werden.
Als ein möglicher Interessent ist in Bad Homburg Hans Strothoff genannt worden, der Vorstandsvorsitzende der MHK Group AG in Dreieich. Meiss vertreibt die Premium-Marke der Gruppe namens WK Wohnen. Er sei gerne bereit, dort beratend zur Seite zu stehen, sagte Strothoff dieser Zeitung. Er schloss aber aus, an diesem Standort seinen neuen Plan, „das schönste WK Wohnen Haus“ der Gruppe zu eröffnen, in die Tat umzusetzen. Dafür sei das richtige Areal noch nicht gefunden, man sei noch auf der Suche. Für Strothoff kommt dabei aber nur eine Toplage in der Kernstadt Frankfurt selbst in Frage.
Dass die Zahlungsunfähigkeit des Hauses Meiss etwas mit der aktuellen Wirtschaftskrise zu tun haben könnte, schließen Branchenexperten übereinstimmend aus. „Welche Krise?“, fragte André Kunz zurück. Der Geschäftsführer des Bundesverbands des deutschen Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandels meinte das keineswegs ironisch. Denn bis einschließlich März konnte der Möbelhandel gegenüber dem Vorjahr sogar ein Plus von 2,4 Prozent erwirtschaften. Das geht aus dem aktuellem Möbelindex der BBE Handelsberatung in München hervor. Trotz eines leichten Schwunds in der Discount-Sparte bedeutet das Kunz zufolge immer noch eine „schwarze Null oder vielleicht sogar ein leichtes Plus“. Eine Prognose für das ganze Jahr will er dennoch nicht wagen, die momentane Lage gebe aber durchaus Anlass zur Zuversicht, sagte er weiter.
Deutscher Möbelmarkt ausgesprochen robust
Wenn der Möbelhandel seine Umsätze halten kann, besteht dennoch kein Grund zu allzu großem Jubel, denn die Branche hat schon seit 2002 überwiegend schwierige Jahre gesehen. Lediglich 2006 bildete mit einer Umsatzsteigerung um drei Prozent auf mehr als 30 Milliarden Euro eine Ausnahme. Ursache war aber lediglich ein Vorzieheffekt: Die Leute kauften, bevor zum 1. Januar 2007 die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent anstieg. Schon im ersten Quartal 2007 kam der Rückschlag: Der Umsatz ging um mehr als sieben Prozent zurück.
Auch Ursula Geismann vom Verband der deutschen Möbelindustrie (VDM) schließt die aktuelle Krise als Ursache für die Schieflage eines Unternehmens des Möbelhandels aus. Denn im Gegensatz zum Markt im europäischen Ausland, der zum Teil deutlich geschrumpft sei, erweise sich der deutsche Markt als ausgesprochen robust. Ungeachtet dessen strafe der gerade in Deutschland beinharte Wettbewerb Untätigkeit und mangelnde Flexibilität unerbittlich. Angesichts eines Überhangs an Verkaufsfläche von derzeit 200.000 Quadratmetern sei eine Verdrängung von Geschäften, denen ein tragfähiges Zukunftskonzept fehle, die logische Konsequenz.
Bernhard Biener Jahrgang 1964, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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