05.04.2006 · Läge Frankfurt in Großbritannien, würde die Wirtschaft jährlich um einen Prozentpunkt mehr wachsen: Eine neue Wirtschaftsstudie kritisiert die Unternehmenssteuern und den hohen Kündigungsschutz in Deutschland.
Von Manfred KöhlerDie Wirtschaft im Ballungsraum Frankfurt wäre in den vergangenen Jahren weitaus stärker gewachsen, wenn Unternehmer und Besserverdienende weniger Steuern hätten zahlen müssen und die Arbeitsmärkte flexibler gewesen wären, worunter zum Beispiel ein geringerer Kündigungsschutz zu verstehen ist.
Das ist das Ergebnis eines Vergleichs der Wirtschaft verschiedener Ballungsräume in Europa und Amerika, der gestern von der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main vorgestellt wurde. In dieser Initiative haben sich 650 Unternehmen der Region zusammengeschlossen. Verfaßt wurde die Studie von dem Schweizer Forschungsinstitut BAK Basel Economics.
Wie dessen Mitarbeiter Urs Müller gestern ausführte, hätte das Wirtschaftswachstum des Ballungsraums Frankfurt in den vergangenen Jahren stets um etwa einen Prozentpunkt höher liegen können, wenn anstelle der deutschen Gesetze jene von Großbritannien gegolten hätten. Dort ist die Regulierung der Wirtschaft weitaus geringer.
„Frankfurt hat den Nachteil, in Deutschland zu liegen“
Das Bruttoinlandsprodukt Frankfurts wuchs von 1990 bis 2000 um durchschnittlich 2,4 Prozent im Jahr, von 2001 bis 2004 betrugen die Wachstumsraten ungefähr 0,7 Prozent. In London hingegen machten die Zuwächse kontinuierlich ungefähr 2,8 Prozent aus - nach 2000, als sie in Frankfurt zurückgingen, stiegen sie dort sogar noch leicht. „Frankfurt hat den Nachteil, in Deutschland zu liegen“, sagte Müller zusammenfassend.
Der Vorsitzende der Wirtschaftsinitiative, Flughafenchef Wilhelm Bender, hob hervor, der Hinweis auf die große Bedeutung der Bundespolitik für das Wohlergehen des Ballungsraums Frankfurt bedeute nicht, daß regionale Anstrengungen überflüssig seien. Einfluß nehmen lasse sich zum Beispiel darauf, wie gebildet die Bevölkerung sei und wie innovativ in den Unternehmen gearbeitet werde.
In der Studie wird dem Ballungsraum Frankfurt schon jetzt ein vergleichsweise hohes Ausbildungsniveau attestiert und ein überdurchschnittliches Innovationspotential der Unternehmen, womit die Chemie- und Pharmabranche gemeint sein könnten. Andernfalls, so die Wissenschaftler, wäre das Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren jeweils noch einen Prozentpunkt niedriger ausgefallen. Allerdings liegt Frankfurt trotzdem weit hinter München und Stuttgart, wo der Einfallsreichtum in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen das Wachstum der jeweiligen Region der Studie zufolge um 2,5 und zwei Prozent jährlich erhöhte.
„Frankfurt scheint nicht sehr attraktiv zu sein“
Weit mehr als alle anderen der elf verglichenen Ballungsräume hat in den vergangenen Jahren Luxemburg gewonnen. Dort waren die höchsten Wachstumsraten zu verzeichnen, und dort ist auch das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner am höchsten. Der dortige Ballungsraum profitierte in besonderem Maße von der Ausweitung des Finanzsektors. Das schlug sich auch in der Zahl der Erwerbstätigen nieder, die in Luxemburg seit 1990 jährlich um ungefähr 3,5 Prozent wuchs, während in Frankfurt im vergangenen Jahrzehnt das durchschnittliche jährliche Plus etwa 0,8 Prozent betrug und seit 2000 sogar ein Arbeitsplatzabbau zu verzeichnen war.
In London wurden durchgehend zusätzliche Stellen geschaffen, wobei die Zuwachsraten in den neunziger Jahren zwar nur gut halb so hoch waren wie in Frankfurt, dafür aber ins neue Jahrzehnt fortgeführt werden konnten. Daß das Stellenwachstum in London angesichts des hohen Wachstums nicht größer ausfiel, lag den Autoren zufolge an beträchtlichen Produktivitätssteigerungen.
„Frankfurt scheint nicht sehr attraktiv zu sein“: So haben die Schweizer Wissenschaftler das Kapitel zur Bevölkerungsentwicklung überschrieben. Danach stieg die Bevölkerungszahl des Ballungsraums von 1990 bis 2000 jährlich um ungefähr 0,6 Prozent, in den Jahren bis 2004 um 0,2 Prozent. Vor allem in dem letztgenannten Zeitraum war der Zuwachs weitaus geringer als in den Ballungsräumen London, München und sogar Stuttgart. Schlechter schnitten nur die Ballungsräume Wien und Mailand ab, am besten hingegen sah es in Madrid aus, wo die Wachstumsraten ein Vielfaches höher lagen.