09.02.2010 · Fragen Sie ihren Apotheker: Früher war viel Geld zu verdienen, heute geht es nicht selten ums bloße wirtschaftliche Überleben. Das sagt jedenfalls Ulrich Laut, Geschäftsführer der Landesapothekerkammer Hessen. Und nach einer Studie droht jeder dritte Apotheke vor dem Aus.
Von Jochen RemmertFragen Sie ihren Apotheker: Früher war viel Geld zu verdienen, heute geht es nicht selten ums bloße wirtschaftliche Überleben. Das sagt jedenfalls Ulrich Laut, Geschäftsführer der Landesapothekerkammer Hessen. Der Jurist sieht ein Viertel bis ein Drittel der gut 1600 selbständigen Apotheker in Hessen in einer wirtschaftlich schwierigen bis bedrohlichen Lage.
Laut bestätigt damit das Ergebnis einer neuen Untersuchung des Kölner Instituts für Handelsforschung über die Situation jener Berufsgruppe, die einmal mit den Ärzten zu den privilegierten Protagonisten des deutschen Gesundheitssystems gehört hat. Die Kölner sehen inzwischen jede dritte Apotheke vor dem Aus. Viele Apotheker seien heute froh, wenn sie auf das Gehalt eines angestellten Pharmazeuten kommen, sagt Laut. Das liegt nach elf Berufsjahren bei knapp 4000 Euro ohne Zulagen.
5,80 Euro je Medikament
Dass Apotheker einmal zu den Gutverdienenden gehört haben, bestreitet Ortrun Riester nicht, die zwei Apotheken im Frankfurter Gallusviertel betreibt. Das aber sei Vergangenheit. Heute seien zwei Ladenlokale nur mehr mit weniger Personal und noch mehr Engagement der Inhaber zu führen, sagt die Apothekerin des Jahrgangs 1942. Eigentlich hatte sie gehofft, die Einbußen des vergangenen Jahres in diesem wieder ausgleichen zu können, weil in Aussicht gestellt worden sei, dass die gesetzlichen Krankenkassen den Apothekern auf die 5,80 Euro feste Vergütung je Medikament noch einmal 55 Cent drauflegen würden. Davon sei zurzeit aber wohl erst einmal nicht auszugehen.
Tatsächlich sieht etwa der Gesundheitsökonom Gerd Glaeske aus Bremen noch Spielraum in die andere Richtung – 4,80 Euro Apothekervergütung reichten auch, sagt er. Abgesehen von dieser Vergütung stehen dem Apothekenbetreiber noch einmal drei Prozent des Einkaufspreises des jeweiligen Medikaments zu. Davon muss er Miete, Personalkosten, das Lager und den eigenen Lebensunterhalt bestreiten.
Kammergeschäftsführer Laut sagt, dass sich die finanzielle Situation vieler Apotheker derart zugespitzt habe, dass deren persönliche Lage im Alter heikel werde. Als Geschäftsführer des Apothekerversorgungswerks Hessen könne er das ziemlich genau beobachten.
Die Altersversorgung für Apotheker wird noch aus einem anderen Grund schwieriger. Früher waren eingeführte Apotheken ein Gut, das sich für einen Apotheker am Ende seines Berufslebens noch einmal auszahlte, wenn er das Geschäft an einen Nachfolger veräußerte. Inzwischen lassen sich aber längst nicht mehr die Ablösesummen erzielen, die früher üblich gewesen sind, wie es heißt.
Unliebsame Folgen der Rabattverträge
Dazu passt, was Dagmar Ludwig berichtet, die die Alte Apotheke in Frankfurt-Niederrad betreibt. Von den sechs Apotheken seien heute noch drei in Niederrad übrig. Drei Kollegen hätten die Apotheken aufgegeben, teils, nachdem sie sie bis weit über das Renteneintrittsalter hinaus geführt hätten. Und ohne die erhofften Summen dafür zu erlösen.
Dass die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen trotz gewisser Sparanstrengungen im vergangenen Jahr um 5,9 Prozent auf 27,3 Milliarden Euro gestiegen sind, bestreiten auch Apotheker nicht. Wohl aber, dass das auf ihre Kappe geht. So hält Kammergeschäftsführer Laut den Krankenkassen vor, dass für die anderen Beteiligten im Gesundheitswesen stets im Ungewissen bleibe, welche Rabatte sie mit welchen Pharmaherstellern aushandelten.
Die Folgen solcher Rabattübereinkünfte spüren die Apotheker allerdings schon. Allerdings nicht etwa, indem sie selbst davon profitieren. Vielmehr müssen sie jedes Mal, wenn eine Kasse von einen zum anderen Hersteller wechselt, weil der höhere Rabatte gibt, die Produkte des bisher von der betreffenden Krankenkasse akzeptierten Herstellers rasch aus dem Bestand bekommen. Denn die Kasse erstattet unter Umständen nicht mehr, wenn zwar der Wirkstoff derselbe, aber ein anderer Herstellername auf der Packung zu lesen ist, wie eine Frankfurter Apothekerin berichtet. Die Wechsel bei den Rabattverträgen zwischen Kassen und Pharmaherstellern führe zudem zu einer Verunsicherung der Patienten, weil diese für ein und dasselbe Leiden immer wieder scheinbar neue Präparate erhielten.
Kostenträchtige Kooperationen
Apothekerin Ludwig hat für sich die Marken-Verbund entdeckt, um ihre Apotheke weiter erfolgreich betreiben zu können. Sie ist Mitglied bei Linda, einer vom Marketingverein Deutscher Apotheker initiierten Kooperation mit dem Mannheimer Pharmagroßhändler Phönix. Ludwig kann so vom gemeinsamen Einkauf profitieren und erhält ein umfassendes Marketingangebot bis hin zum günstigen Apothekerkittel, wie sie sagt.
Umsonst ist der Effizienzgewinn nicht, Linda verlangt knapp 3000 Euro Aufnahmegebühr und noch einmal 590 Euro monatlich für die Serviceleistungen. Neben Linda finden sich drei weitere große Markenpartnerschaften in Deutschland: Easy, Vivesco und die Versandapotheke Doc Morris. Nicht wenige Apotheker sind inzwischen der Ansicht, dass ein Überleben nur als Teil einer solchen Partnerschaft möglich ist. Jochen Remmert