Home
http://www.faz.net/-gzj-v9pp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Strom Die neue Lust am Wechseln

24.08.2007 ·  Im Preiswettbewerb der Stromversorger können Kunden zunehmend nach den günstigsten Anbietern suchen. Doch Vorsicht: Man sollte stets auf das Kleingedruckte achten. Nicht jeder Wechsel lohnt sich.

Von Manfred Köhler
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wo Wettbewerb ist, da ist das Kleingedruckte nicht weit. Da gilt es, ganz genau hinzusehen oder hinzuhören, wenn Unternehmen für sich werben. Das ist auch bei der Stromversorgung so, wo der Wettbewerb nach jahrelangem Anlauf endlich in Schwung zu kommen scheint.

Am Freitag etwa rief das Unternehmen E wie Einfach Strom & Gas GmbH mit einer Pressekonferenz in Erinnerung, dass es seit Anfang Februar in ganz Deutschland und so auch in Frankfurt günstig Strom und Erdgas liefere. „Wir bieten einen klaren Preisvorteil“, sagte Geschäftsführerin Marie-Luise Wolff. Der eigene Tarif liege unter dem allgemeinen Preis des örtlichen Grundversorgers: bei Gas zwei Cent je Kubikmeter, bei Strom einen Cent je Kilowattstunde.

Unübersichtlichkeit der Tarife

Ein unwiderstehliches Angebot? Nun, es empfiehlt sich eben, genau hinzuhören. E wie Einfach, eine Tochter des Düsseldorfer Eon-Konzerns, liegt in Frankfurt tatsächlich unter dem allgemeinen Tarif der Mainova. Aber der traditionelle Frankfurter Energieversorger hat längst auf den Kampfpreis von E wie Einfach mit einem neuen Online-Angebot reagiert. Der Tarif „Mainova Strom Direkt“ liegt etwa gleichauf mit dem von E wie Einfach.

Bei einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden – das entspricht dem durchschnittlichen Konsum eines Vier-Personen-Haushalts – sind nur wenige Euro mehr als an E wie Einfach zu zahlen, wer eine Einzugsermächtigung erteilt, bleibt sogar leicht darunter. Allerdings ist auch dies nicht ohne Haken: E wie Einfach garantiert seinen Tarif zwei Jahre lang, die Mainova nur sechs Monate.

So oder so: Wie zu erwarten war, trägt der Wettbewerb Früchte in Form niedrigerer Preise. Die verbreitetsten Tarife bei Privathaushalten in Frankfurt dürften immer noch der „Mainova Classic“ und der „Mainova Plus“ sein, bei dem im Falle des Vier-Personen-Haushalts mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden um die 35 Euro im Jahr mehr fällig werden als bei einem der neuen, günstigen Tarife, die allerdings nur via Internet oder Telefon zu buchen sind. Der Preis des Wettbewerbs ist die Unübersichtlichkeit der Angebote – wer schon einmal Handy- oder DSL-Tarife miteinander verglichen hat, weiß nur zu gut, wovon die Rede ist.

Beliebter Öko-Strom

Doch angesichts der in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Strompreise lassen sich immer weniger Kunden von der Unübersichtlichkeit abschrecken. Die Mainova hat allein im Juli 550 Kunden an andere Anbieter verloren. Das sind nicht viele, wenn man bedenkt, dass ihr 345.000 treu geblieben sind. Aber früher gab es so etwas überhaupt nicht. Der Verband der Elektrizitätswirtschaft teilte vor wenigen Tagen mit, seit der Liberalisierung des Strommarktes 1998 hätten sieben Prozent der Privathaushalte zu einem anderen Stromanbieter gewechselt.

Wie viel Dynamik im Markt ist, zeigt sich daran, dass ein Viertel dieser Wechsel innerhalb der vergangenen zwölf Monate geschehen ist. Dass die Kunden zunehmend auf den Preis achten, zeigt sich noch an einer weiteren Zahl des Verbands. 37 Prozent der Haushalte blieben zwar bei ihrem angestammten Energieversorger, entschieden sich aber für einen anderen Tarif. Dass sich allein dadurch zumindest ein wenig sparen lässt, zeigt sich ebenfalls am Beispiel der Mainova: Auch wer nicht auf einen Online-Tarif zurückgreifen will, kann zwischen „Mainova Plus“ und „Mainova Classic“ wählen. Welcher bei welchem Jahresverbrauch günstiger ist, muss man schon erfragen. Bei 3500 Kilowattstunden ist es, wie die Tabelle zeigt, der Tarif „Mainova Plus“.

Einer größeren Beliebtheit erfreuen sich in jüngerer Zeit auch Ökostrom-Angebote. Damit sind Tarife gemeint, bei denen der Strom garantiert nicht aus Kernkraftwerken oder aus Kraftwerken, die mit Kohle oder Erdgas befeuert werden, stammt. Es ist eine virtuelle Zurechnung, denn natürlich kommt Öko-Strom aus der gleichen Steckdose wie konventioneller. Seit einiger Zeit muss jedoch jeder Energieversorger bei jedem Tarif nachweisen, wie der Strom erzeugt wurde. Die Unterschiede sind erheblich, wie die Tabelle zeigt. Generell gilt allerdings nach wie vor, dass Ökostrom vergleichsweise teuer ist.

Stromverbrauch in Deutschland gesunken

Bei dem günstigsten Angebot in Frankfurt mit dem eigentümlichen Namen „Stromistbillig“ wird eine Vorauszahlung für zwölf Monate verlangt, was nicht jedermanns Sache ist. Wie es heißt, plant die Mainova ein günstigeres Ökostrom-Angebot; derzeit ist sie in diesem Punkt noch recht teuer. Handlungsbedarf scheint gegeben zu sein: Von den 550 Stromkunden, die das Unternehmen im Juli verlor, wechselten 179 zur Lichtblick – die Zukunft der Energie GmbH aus Hamburg.

Die Befriedigung, nur Strom aus regenerativen Energiequellen zu konsumieren, gibt es dort bei einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden schon für 14 Euro mehr im Jahr, wenn man den Tarif mit dem „Mainova Classic“ vergleicht. Informieren kann man sich über die Tarife am besten im Internet, etwa auf der Seite www.verivox.de.

Am besten für die Umwelt – nicht für die Energieversorger – ist es freilich, wenn überhaupt kein Strom verbraucht wird. Der Verband der Elektrizitätswirtschaft hat vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass der Verbrauch in Deutschland trotz des Aufschwungs erstmals seit Jahren zurückgegangen ist. Im ersten Halbjahr 2007 lag der Verbrauch um 1,1 Prozent unter dem des ersten Halbjahres 2006. Dabei spielte allerdings auch der milde Winter eine Rolle; ob wirklich der Trend gedreht wurde, vermag niemand zu sagen. So oder so: Die gemütlichen Zeiten für die Energieversorger sind vorbei. Die für die Kunden allerdings auch, wenn man die neue Unübersichtlichkeit der Tarife bedenkt. Es gibt halt im Leben nichts umsonst: Wettbewerb spart zwar Geld – macht aber dafür Arbeit.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr