16.02.2010 · Im Einzelhandel bröckelt der Umsatz allgemein weiter ab. Im Versandhandel dagegen steigen die Erlöse trotz der wirtschaftlichen Unsicherheit. Immer mehr Kunden ordern über die Internetseiten von Neckermann oder Hess Natur – nach einem Blick in den Katalog.
Von Thorsten WinterDer Versandhandel in Hessen leidet – das besagt jedenfalls die Statistik. Doch die führenden Versandhändler selbst mögen nicht klagen. Ob Hess Natur, Neckermann.de oder Happy Size: Sie alle signalisieren Zufriedenheit mit ihrem Geschäftsverlauf. Die in Butzbach ansässige Hess Natur-Textilien GmbH etwa berichtet sogar über Zuwächse bei Verkäufen wie Umsätzen. So rechnet der größte deutsche Ökomode-Versender für das Gesamtjahr nicht nur mit höheren Erlösen als im Geschäftsjahr 2008/09. Vielmehr soll unter dem Strich auch eine „signifikante Ergebnissteigerung“ stehen, wie Geschäftsführer Wolf Lüdge sagt.
Dies kann kaum verwundern, denn der Versandhandel hierzulande wächst schon seit Jahren. So kletterte der Umsatz zuletzt binnen Jahresfrist auf 29,1 Milliarden Euro – ein Plus von knapp zwei Prozent. Die Nachricht aus dem Statistischen Landesamt in Wiesbaden, wonach die hessischen Versender im vergangenen Jahr gegenüber 2008 real elf Prozent Umsatz verloren haben, widerspricht diesem Befund nur auf den ersten Blick. Denn die Neckermann.de GmbH hatte im Oktober einen Umsatzrückgang im Inland von 820 Millionen Euro auf rund 740 Millionen Euro vorhergesagt. Der Hintergrund: Das Traditionsunternehmen aus dem Osten Frankfurts verzichtet auf unrentablen Umsatz, indem es etwa Kunden, mit denen es kein Geld verdient hat, nicht mehr anspricht. Neckermann folgt damit der Leitlinie „Marge statt Menge“, mit der in Gestalt der Radeberger Gruppe die größte deutsche Brauereigruppe auf ihre Weise gut fährt.
Neckermann wächst online weiter
Wie sich Neckermann.de im Einzelnen im abgelaufenen Jahr geschlagen hat, behält das Unternehmen einstweilen für sich. Bis zur Bilanzvorlage heißt es, man sei mit dem Geschäftsverlauf zufrieden und liege im Plan. Das gilt auch und gerade für das so wichtige Weihnachtsgeschäft, das Händlern gemeinhin ein Drittel des Jahresumsatzes beschert. Der Umsatz im vierten Quartal lag demnach „leicht“ über den Erlösen des Vorjahres. Neckermann.de macht inzwischen knapp zwei Drittel seines Geschäfts über das Internet – ein überdurchschnittlicher Wert: Allgemein liegt der Online-Anteil im deutschen Versandhandel bei etwas mehr als 53 Prozent, wie der in Frankfurt ansässige Branchenverband berichtet.
Der überdurchschnittliche Wert bedeutet aber auch, dass Neckermann.de dem erklärten Ziel der Geschäftsführung um Henning Koopmann näher kommt, das Unternehmen zu einem „echten Online-Händler“ zu machen. Erklärt hat Neckermann.de auch, im laufenden Jubiläumsjahr den Jahresumsatz von 2008 und im Alltagsgeschäft, also vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, eine „schwarze Null“ zu erwirtschaften.
Dieser Anspruch spiegelt sich auch in der Planung für die Logistiktochter wider, größere Warenströme als zuletzt durch den zentralen Standort Frankfurt zu schleusen. „Das ist eine positive Sache, denn das heißt für uns, dass die Zeit der Kündigungen vorbei ist“, sagt Betriebsrat Thomas Schmidt. Neckermann.de zählt noch etwa 2100 Mitarbeiter am Main – rund 400 weniger als vor Jahresfrist, da Callcenter-Stellen nach Ostdeutschland verlagert wurden und Arbeitsplätze in der Logistik wegfielen. „Es gibt derzeit keine Pläne, Personal abzubauen“, hebt ein Unternehmenssprecher dazu hervor – in Ostdeutschland werde sogar eingestellt. Und nach den Worten des Arbeitnehmervertreters überlegt der Versender, dem Hauptverband des Deutschen Einzelhandels beizutreten – „damit wären wir wieder tarifgebunden“, so Schmidt.
Profitable Spezialversender
Unter den Mitarbeitern im Gebäude von Neckermann.de an der Hanauer Landstraße befinden sich auch 67 Beschäftigte der Happy Size-Company Versandhandels GmbH. Die Neckermann-Tochter ist einer der führenden Spezialgrößenversender Deutschlands und hat 2009 sein Wachstum fortsetzen können, wie eine Sprecherin sagt. Happy Size schreibt zudem schwarze Zahlen. Typische Kunden sind „starke Frauen“ zwischen 35 und 55 Jahren, die Kernzielgruppe. Doch mit dem Katalog „Men Plus“ umgarnt der Versender „gestandene Pfundskerle“, wie er Männer mit etwas mehr auf den Rippen nennt. Etwa die Hälfte der Bestellungen, kommt über die eigene Internetseite – zehn Prozentpunkte mehr als vor Jahresfrist. Auch in diesem Jahr will das Unternehmen, das gut 100 Millionen Euro im Jahr umsetzt, weiter wachsen, obwohl der Wettbewerb intensiver wird.
Selbstbewusst schaut auch Hess-Natur-Chef Lüdge nach vorne. Im Geschäftsjahr 2008/09 konnten die Butzbacher den Gewinn bei einem stabilen Umsatz steigern. In den vergangenen Wochen ist es weiter aufwärts gegangen. Im ersten Geschäftsquartal 2009/10 verzeichnete Hess Natur laut Lüdge eine um acht Prozent höhere Nachfrage. Im Januar lag der Umsatz um gut sechs Prozent über Plan, nachdem er im vergangenen Frühjahr noch unter Plan gewesen war. Nach seinen Worten verzeichnet das Unternehmen vermehrt Kunden, die von sich aus bestellen, ohne zuvor angeschrieben oder mit einem Katalog versorgt worden zu sein. Aufs Jahr gesehen will Hess Natur die Verkäufe um bis zu fünf Prozent steigern; zuletzt belief sich der Jahresumsatz auf etwa 58 Millionen Euro.