12.06.2006 · In Frankfurt gibt es immer mehr Dependancen chinesischer Unternehmen. Noch größer ist deren Zahl allerdings in Hamburg. Was macht man an der Elbe besser?
Von Christian SiedenbiedelFast könnte man von einem „Hype“ sprechen: China gehört in der Wirtschaft zur Zeit überall die Aufmerksamkeit - kaum ein mittelgroßes deutsches Unternehmen prüft nicht, wie es im „Land der Mitte“ in irgendeiner Form aktiv werden kann. Um chinesische Unternehmen in Deutschland bemühen sich vor allem zwei Standorte mit erheblichem Aufwand: Hamburg und Frankfurt. Die Hanseaten liegen in diesem Wettbewerb bislang offenbar vorn und sogar in Europa auf Platz eins - glaubt man einer Erhebung der Handelskammer Hamburg. Danach entfallen auf die Hansestadt mehr als 365 chinesische Firmen, auf London 200 - auf Frankfurt etwa 190. Bei der Frankfurter Industrie- und Handelskammer beziffert man die Zahl letzterer immerhin auf „rund 200“.
Die Vorteile Hamburgs sollen die Tradition als Handelsstadt und der Hafen sein. „Hanbao“, „Burg der Chinesen“, nennt die Stadt sich auf chinesisch, wörtlich übersetzt. Damit werben die Hamburger gern. Seit Jahrhunderten sind Hamburger Kaufleute im China-Geschäft besonders engagiert. Bereits 1731 soll das erste Schiff aus China, die „Apollon“, in den Hamburger Hafen eingelaufen sein. Die Hansestadt ist bis heute Sitz der chinesischen Kaufmannschaft, außerdem sind die drei größten chinesischen Reedereien Cosco, China Shipping und Sinotrans in der Stadt präsent.
Rhein-Main kämpft
Jeder vierte Container im Hamburger Hafen wird im China-Geschäft umgeschlagen, insgesamt rund 1,7 Millionen im Jahr - mit steigender Tendenz. In der Zwischenkriegszeit gab es auf St. Pauli sogar ein richtiges „Chinesenviertel“ mit chinesischen Dienstleistern, chinesischer Gastronomie und einem pulsierenden Nachtleben. An diese Tradition will Hamburg jetzt anknüpfen - und mit seiner „China-Kompetenz“ über mehrere Büros in Fernost weitere Unternehmen anlocken.
Doch Rhein-Main kämpft. Ende Mai eröffnete die Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main in China eine Repräsentanz in der Niederlassung der Gase-Firma Messer. Und seit November vorigen Jahres verfügt die Standortmarketinggesellschaft der Region Frankfurt/Rhein-Main über ein Büro in Schanghai. Geschäftsführer Hartmut Schwesinger verweist gern auf eine Studie ausgerechnet der Hamburger Handelskammer, der zufolge die Chinesen als wichtigsten Standortfaktor für europäische Niederlassungen eine besondere Frankfurter Stärke nennen: die Nähe zu einem großen Flughafen mit möglichst vielen Verbindungen ins Heimatland.
Erste Erfolge des Frankfurter Werbens kann man erkennen: 22 chinesische Unternehmen seien seit der Gründung der Standortmarketinggesellschaft im Mai vorigen Jahres ins Rhein-Main-Gebiet gekommen, so die Gesellschaft. Überwiegend handelt es sich um Verwaltungssitze von Handelsgesellschaften. Auch in Hamburg entfallen rund zwei Drittel der chinesischen Unternehmen auf diese Sparte. Im Industriepark Höchst hat sich im vorigen Jahr allerdings auch ein größeres Unternehmen der chinesischen Biotechnologiebranche niedergelassen, die Rose Europe GmbH. Die vier größten Banken Chinas sind seit längerem in Frankfurt präsent, außerdem die Fluggesellschaften Air China und Shanghai Airlines. Zwei „China-Zentren“ im Umland ergänzen die angeblich aus rund 5000 Chinesen bestehende Frankfurter „Community“: eines in Dreieich mit 31 und eines in Eschborn mit 15 Firmen.
Chinesisches Generalkonsulat in Frankfurt
Nachdem Hamburg schon seit längerem ein chinesisches Generalkonsulat hat, wurde in Frankfurt an der Mainzer Landstraße im vorigen Sommer ebenfalls eines eröffnet. Seither wurde es immer wieder Ziel politischer Kundgebungen, bei denen unter anderem kritisch auf verschiedene Aspekte der Menschenrechtsproblematik in China hingewiesen wurde. Auch die Bildungsinstitutionen am Main beschäftigen sich verstärkt mit China: Die Goethe-Universität etwa bietet einen Schwerpunkt Sinologie an. Die Hochschule für Bankwirtschaft hat eine Dependance in Schanghai eröffnet und bildet auch chinesische Banker aus und weiter.
Hamburg und Frankfurt haben beide Partnerstädte in China - was für die Entwicklung der Beziehungen nicht unwesentlich gewesen sein soll. Bei Hamburg ist es seit 20 Jahren die Hafenstadt Schanghai, der „Drachenkopf des chinesischen Aufschwungs“, wie es anläßlich der Jubiläumsfeierlichkeiten im Mai hieß. Frankfurts Partnerstadt ist seit 1988 Guangzhou, das frühere Kanton: eine Zwölf-Millionen-Einwohner-Metropole am Perlfluß, die ihrer großen Schwester an Wirtschaftskraft und Dynamik nicht viel nachstehen soll. Offenbach hat seit 1997 eine Partnerschaft mit Yangzhou, 350 Kilometer von Schanghai. Aus ihr soll sich unter anderem eine Kooperation in der Seifenherstellung der Offenbacher Firma Kappus entwickelt haben. Eine regionale Partnerschaft haben außerdem der Kreis Offenbach und die Stadt Liaocheng in der chinesischen Provinz Shandong vereinbart; und das Land Hessen pflegt Partnerschaften mit den Provinzen Jiangxi und Hunan.
Wenn die Standorte Hamburg und Frankfurt für sich werben, dann spielen dabei immer auch Personen eine Rolle, die für die jeweilige Region stehen. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) repräsentierte im Mai Hessen in China, auch Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU) war schon zu Gesprächen dort. Beim Hamburger Event „Hamburg Summit - China meets Europe“ lassen die Hanseaten gern mal so weltläufige Repräsentanten auftreten wie Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) oder auch Meinhard von Gerkan, einen Architekten, der in China unter anderem das Nationalmuseum planen durfte. Aus Frankfurt hat Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann in China für einiges Aufsehen gesorgt - als er in Peking eine neue Filiale des Instituts eröffnete.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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