05.07.2010 · Der sonnige Sommer und die Fußball-WM bescheren Brauern und Keltereien in Hessen ein gutes Geschäft. Das Minus aus dem ersten Quartal ist vielerorts aber noch nicht ausgeglichen.
Von Thorsten WinterDie Bierbrauer und Apfelweinkelterer in Frankfurt und andernorts in Hessen haben in diesen Tagen eines gemeinsam. Sie atmen trotz großer Hitze auf, lassen doch Sonne und Fußball-WM ihre Geschäfte auf Hochtouren laufen. Besonders für die seit Jahren unter einem sinkenden Absatz leidenden Apfelweinproduzenten, deren Verkäufe von 2001 bis 2009 von 41,5 Millionen Liter auf 36,4 Millionen Liter sanken, ist das eine erfreuliche Nachricht.
So hat der zur Hassia-Gruppe zählende Anbieter Rapp’s in Roßbach mit Apfelwein und den Säften seiner eigenen Marke und den Produkten der Maintaler Kelterei Höhl im Juni einen Zuwachs von 16 Prozent gegenüber dem Juni 2009 erzielt, wie ein Sprecher sagte. Beim Apfelwein sei der Absatz sogar noch stärker geklettert: „Ich kann mit Fug und Recht sagen, dass es mehr als 20 Prozent sind.“ Dies gelte erst recht für den Vergleich mit dem Mai dieses Jahres, der sehr schlecht gelaufen sei – eine Aussage, die auch aus der Brauereibranche zu hören ist.
Prozentual zweistellige Zuwächse
Für die Verkäufe sei das gute Wetter an sich wichtiger als die Fußball-WM. „Wenn es kühl wäre, würden wir beim Absatz kaum etwas spüren“, sagte der Rapp’s-Sprecher. Das Sonnenwetter ist nach seiner Schätzung zu drei Vierteln für die Mehrverkäufe verantwortlich – die Weltmeisterschaft mit den Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft für den Rest. Dessen ungeachtet ist der Juni derart stark gewesen, dass Rapp’s und Höhl im Vergleich zum ersten Halbjahr 2009 ein kleines Plus beim Absatz erwirtschaftet haben, wie er hervorhob.
Dies meldet auch die Kelterei Possmann, die im Juni ein Absatzplus von einem Fünftel erzielt hat. Außer auf Wetter und WM führt das Frankfurter Familienunternehmen den Erfolg auf das neue Produkt „Adler-Schoppe“ zurück, das nicht allein Fan von Eintracht Frankfurt anspreche, sondern auch Anhänger der Nationalelf.
Die Brauer nennen zwar keine Zahlen. Wie in der Branche zu hören ist, freuen sie sich aber ebenso über prozentual zweistellige Zuwächse im Vergleich zum Juni 2009 wie zum Mai dieses Jahres. Gleichwohl hat das Sommer- und WM-Geschäft etwa bei der Frankfurter Radeberger-Gruppe oder dem hessischen Biermarktführer Licher das Minus aus dem sehr schwachen ersten Quartal noch nicht ausgeglichen. „Ein guter Monat allein fängt kein schwieriges Quartal auf, dafür braucht es einen langen und schönen Sommer“, gibt eine Radeberger-Sprecherin zu bedenken, zumal die Branche im Mai hessenweit im Jahresvergleich 18 Prozent an Ansatz einbüßte, wie das Statistische Landesamt auf Anfrage mitteilte. Für den Januar steht ein Minus von 10,7 Prozent zu Buche und für den April sogar ein Abschlag von fast 18 Prozent. Der im März erreichte Zuwachs von gut einem Drittel gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat ist da kein ausreichender Trost gewesen.
Sondereffekt von 2006 fällt für Licher weg
„Das Wetter ist super, das Team spielt klasse, und der Absatz ist gigantisch“, meinte eine Licher-Sprecherin. So gut wie 2006 läuft das Geschäft aber dennoch nicht ganz. Allerdings belieferte die Bitburger-Tochter seinerzeit auch exklusiv die Frankfurter Fanmeile am Main und erlebte mitunter eine sommermärchenhaft große Nachfrage: „Als die Engländer gespielt haben, mussten wir nachliefern – die haben uns leergetrunken.“ Insofern hinkt für Licher der Vergleich mit diesem Jahr.
Der Konkurrent vom Sachsenhäuser Berg meldet dagegen: „Die Zuwachsraten sind schon mit 2006 vergleichbar.“ Auch wenn die Radeberger-Gruppe seinerzeit ebenfalls von einer Sonderkonjunktur profitierte – und zwar in Berlin. Wie eine Sprecherin in Erinnerung hat, konnte der amerikanische Anbieter Anheuser-Busch als Exklusivlieferant der Fußball-WM in Deutschland zwischenzeitlich nicht genügend Bier liefern, um den Durst der Anhänger auf der Fanmeile der Hauptstadt zu löschen. „Da sind wir dann sozusagen eingesprungen.“