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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Spieleentwickler Crytek Die intelligentesten Aliens kommen aus Fechenheim

 ·  Das neue Spiel der Computerspieleschmiede Crytek ist fast fertig. Im Frühjahr soll es erscheinen. Das Frankfurter Unternehmen wächst kräftig, hat fünf neue Projekte in Arbeit und sucht Mitarbeiter.

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Die Gegend ist wie gemacht für ein Computerspiel. Alte Fabrikhallen, Baumärkte und Autohäuser säumen die obere Hanauer Landstraße in Fechenheim, dazwischen liegt das zum Bürogebäude hergerichtete Jadehaus. Hier sitzt die Crytek GmbH, eines der wenigen deutschen Computerspielestudios von Weltrang. Schon am Eingang werden Besucher von einem der wichtigsten Charaktere des Unternehmens begrüßt: dem Supersoldier im Nanoanzug.

2007 schickte Crytek die futuristischen Soldaten zum ersten Mal aus, die Welt zu retten. Im Spiel Crysis sollten sie im Dschungel ein Archäologenteam aus den Händen nordkoreanischer Soldaten befreien, um später noch gegen einfallende Außerirdische zu kämpfen. Am 25. März kommt der Nachfolger Crysis 2 heraus; diesmal haben die Aliens New York überfallen. Die Erwartungen sind groß, sowohl bei den Fans als auch bei den Entwicklern. Sieben Millionen Mal soll sich das Spiel mindestens verkaufen, sagt Avni Yerli, der Crytek gemeinsam mit seinen Brüdern Cevat und Faruk leitet. Bei einem Durchschnittspreis von 60 Euro würde das Spiel 420 Millionen Euro einspielen – ungefähr so viel, wie der letzte James-Bond-Film.

Zweieinhalb Jahre Arbeit für 250 Leute

Doch auch der Aufwand für ein sogenannten Blockbuster-Spiel ist vergleichbar mit dem für einen Hollywoodstreifen. 250 Leute haben bei Crytek zweieinhalb Jahre an dem Werk getüftelt. Einige Mitarbeiter wurden eigens nach New York geschickt, um Tonaufnahmen in der Untergrundbahn und an anderen belebten Plätzen zu machen. Tausende Fotos und Gigabytes von Videos habe man aufgenommen.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Tatsächlich sieht die von Aliens befallene Grand Central Station fast so aus wie in der Wirklichkeit. Dabei ist alles von Grund auf im Computer entwickelt worden, wie Yerli sagt.

Die drei türkischen Brüder haben Crytek 1999 in Coburg gegründet – der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Ihr erstes Spiel „Far cry“, das Anfang 2004 in den Handel kam, wurde direkt zum viel ausgezeichneten weltweiten Kassenschlager. 2006 verlegten sie ihren Hauptsitz dann nach Frankfurt. Damals hatten sie knapp 100 Mitarbeiter. Inzwischen sind es 600 in insgesamt fünf Studios und an zwei Vertriebsstandorten; neben dem Hauptsitz betreibt das Unternehmen Tochterstudios in Kiew, Budapest, Sofia, Nottingham und Seoul.

Arbeitssprache ist Englisch

Dass die Einheiten nicht zu groß würden, sei wichtig, um die kulturellen Werte des Unternehmens zu vermitteln und die Kreativität aufrecht zu halten, sagt Yerli. Höchstens 100 Personen sollten in einem Studio sitzen; besser nur 70, damit noch jeder jeden beim Namen kenne und sich keine Grüppchen bildeten.

In Frankfurt, wo auch die zentralen Abteilungen sitzen, sind 320 Männer und Frauen aus 41 Nationen beschäftigt. Japaner, Koreaner, Schweden und Brasilianer arbeiten hier zusammen. Arbeitssprache ist Englisch. Sie sitzen in großen Büros, jeder vor seinem Rechner, jeder mit unterschiedlichen Aufgaben befasst. In einem der Räume stehen vielleicht zwölf Arbeitsplätze, junge Frauen malen mit Plastikstiften direkt auf die Touch-Bildschirme. Hier entstehen die Spielfiguren in ihren Grundzügen. Ein junger Mann entwickelt gerade einen neuen Kampfhubschrauber. Um sich inspirieren zu lassen, hat er neben seinen Bildschirm das Foto eines echten, aktuellen Kampfjets gepinnt.

„Wir verherrlichen Gewalt ja nicht“

Einen Raum weiter stehen große Spiegel an der Wand. Manchmal springen sie hier über Tische und Stühle oder stellen Kampfszenen nach, damit sie die Bewegungen möglichst lebensecht auf die Spielfiguren übertragen können. Für die meisten Bewegungen in den Spielen arbeitet Crytek allerdings mit dem Frankfurter Studio Metricminds zusammen. Über eine spezielle Technik können sie bis hin zur Mimik der Soldaten Körperregungen von Menschen auf Computerfiguren übertragen. Eine Abteilung beschäftigt sich sogar mit künstlicher Intelligenz, wie Yerli sagt. Schließlich sollen die Gegner nicht einfach blindlings durch die Gegend laufen, sondern untereinander kommunizieren und sich formieren. „Wir wollen die intelligentesten Aliens schaffen, die es je in einem Spiel gab“, sagt Yerli.

Viele würden Crysis 2 als Killerspiel bezeichnen. Der Spieler läuft schwer bewaffnet durch die Straßen von New York und schießt seine Gegner ab. Yerli kann sich über solche Bezeichnungen allerdings nur ärgern. „Wir verherrlichen Gewalt ja nicht“, versichert er. Der hochgelobte Kinofilm „Inglorious Basterds“, für den Schauspieler Christoph Waltz seinen Oscar erhielt, sei wesentlich brutaler. „Spiele sind ein Kulturgut wie Bücher oder Filme“, meint Yerli. Er sieht Crysis ohnehin als interaktiven Actionfilm, in dem der Spieler selbst Teil der Handlung wird.

Unternehmen erwartet mehr Umsatz

Dass immer wieder über das Verbot sogenannter Killerspiele diskutiert wird, liegt aus Yerlis Sicht vor allem an den mangelnden Kenntnissen von Politikern, Lehrern und Erziehungsberechtigten. „Die Generation, die für die Aufsicht zuständig ist, kann mit dem Medium einfach nicht umgehen“, sagt er. Branchenverbände versuchen das mit Informationsveranstaltungen zu ändern, Crytek hilft dabei. Manchmal kommen Politiker in die Studios und versuchen sich selbst an Crysis. „Denen merkt man den Spielspaß an“, sagt Yerli und fügt lächelnd hinzu: „Und noch keiner hat danach hier ’rumgeschossen.“

In den vergangenen zwei Jahren hat das Unternehmen rote Zahlen geschrieben, was Yerli mit den hohen Investitionen in die neuen Auslandsstandorte begründet. „Das waren geplante Verluste“, sagt er, die nötig gewesen seien, um neue Aufträge an Land zu ziehen. Inzwischen sitze man an fünf verschiedenen Projekten. In diesem Jahr peilt er einen Umsatz von mehr als 30 Millionen Euro an, was eine Verdoppelung gegenüber 2008 wäre. Im nächsten Jahr, mit der Veröffentlichung von Crysis 2, dürfte der Umsatz noch einmal um einiges steigen.

Entwicklungssoftware in dritter Auflage

Die Spiele stellen aber nur einen von zwei Geschäftszweigen dar. Ein Drittel des Umsatzes erwirtschaftet Crytek nach Yerlis Angaben mit der Cryengine. Die Entwicklungssoftware, die es inzwischen in dritter Auflage gibt, können andere Unternehmen nutzen, um komplexe und grafisch anspruchsvolle Programme zu entwickeln – von der Architektursimulation bis hin zur grafischen Darstellung von Armbanduhren in all ihren Einzelteilen für Uhrmacher.

Bis zur Veröffentlichung von Crysis 2 werden Informationen darüber scheibchenweise herausgegeben. Erst Bilder, dann Videos, dann eine erste spielbare Demoversion im Internet und als Beigabe in Games-Magazinen. Diskussionen in Internetforen sind wichtig, um den nötigen „Hype“ für einen künftigen Blockbuster aufzubauen. Erste Erfolge kann Crytek schon jetzt verbuchen. Auf der Kölner Messe Gamescom räumte Crysis 2 vier Preise ab – unter anderem den des „Most wanted Game“.

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Jahrgang 1982, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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